Auch Samstag und Sonntag waren keine guten Tage. Da war sein Stiefvater zu Hause, der unter der Woche als Fernfahrer unterwegs war. Ständig suchte er Streit mit dem Jungen, seine Mutter fühlte zwar mit ihm, aber schaffte es nicht, ihn jedes Mal zu verteidigen. "Meine Mutter saß zwischen den Stühlen. Ich mache ihr keinen Vorwurf", sagt Marius. "Sie hat viele Dinge auch nicht gesehen, weil sie nicht dabei war."

Seine Insel war in diesen Jahren seine Oma in Leipzig. In den Sommerferien durfte er zu ihr, und dann spielte sie Mühle mit ihm, solange er wollte. Sie ließ ihn im Garten helfen und bestimmen, was es zu essen gab. Abends durfte er aufbleiben, und dann sahen sie zusammen Tatort, und sie reichte ihm dabei geschälte Apfelstücke. Sie hörte zu, wenn er von den Konflikten mit seinem Stiefvater erzählte und dass seine Mutter meinte, er solle versuchen, es nicht so auf die Goldwaage zu legen. Manchmal rief seine Oma dann zu Hause an und sagte seiner Mutter, dass es so nicht ginge. "Sie hat mir das Gefühl gegeben, dass ich verstanden werde und dass ich nicht allein dastehe. Und das vergisst man auch nicht", sagt Marius.

Seine Oma ist, als Marius an jenem Winterabend an der Kreuzung steht, 76 Jahre alt. Eigentlich hat er immer gehofft, dass er ihr das nie zumuten müsste: Ihr zu sagen, dass er schwul ist.

Sandras Traum hängt in der Luft

Sandra folgt ihrem Trainer in den Besprechungsraum. An einem Tisch sitzen der artistische Leiter der Schule, Sandras zweiter Trainer, ihre Klassenlehrerin und weitere Lehrer. Sandra hört die Uhr an der Wand ticken. Ihr ist plötzlich kalt, obwohl es ein sehr heißer Tag ist.

Setz dich mal, sagt ihr Trainer, und nach einer kurzen Pause fährt er fort: Sandra – du hast es leider nicht geschafft.

Sie hat das Gefühl, als würden die Worte wie in einem Traum an ihr vorüberziehen. Die ganze Szene kommt ihr unwirklich vor. Ich bin draußen, denkt sie.

Dann fragt sie: Warum?

Du lernst nicht schnell genug. Das sieht alles zu schwer aus, nicht ästhetisch. Du hast nicht die richtige Dynamik. Das ist nicht das Richtige für dich. Du wirst dich nur quälen.

Kann man denn da gar nichts mehr machen?, versucht es Sandra noch einmal. Die Klassenlehrerin will nett sein. Artist ist doch gar kein richtiger Beruf, sagt sie. Du kannst doch etwas viel Besseres machen, deine Schulnoten sind ja gut.

Als Sandra 12 Jahre alt war, konnte sie reiten und turnen und Einradfahren. Viele Sonntage hatte sie auf der Straße vor ihrem Elternhaus im Allgäu geübt, auf dem Rad zu balancieren. Als sie es konnte, wollte sie unbedingt etwas Neues lernen. An einem Sommerwochenende fuhr sie mit ihrer Familie zum Mittelalterfest in die Kreisstadt, dort gab es auch einen Kinderzirkus. Dass man aus Menschen Pyramiden bauen kann! Dass man sich so gegenseitig halten kann! Dass man die Schwerkraft überwinden kann!

Sandra stand wie gebannt vor den jungen Artisten. Ein paar Tage später meldete ihre Mutter sie bei dem Kinderzirkus an. Er hieß Anam Cara, Seelenfreund.

Zuerst lernte sie Jonglieren, später kamen akrobatische Nummern dazu, Pyramiden, Gleichgewichtsübungen – kleine Tricks. Sandra trainierte zweimal in der Woche, und fast jedes Wochenende traten die Seelenfreunde in einer anderen Stadt auf.

Dass man als Artist auch Geld verdienen kann, wurde ihr ein Jahr später bewusst – in Las Vegas, bei der Zusammenkunft der World Juggling Federation: die besten Jongleure der Welt, versammelt in der funkelnden Spielerstadt in der Wüste. Sandra war damals 13. Sie wohnte mit ihrer Mutter im Circus Circus Hotel, in dem es nicht nur Zimmer gibt und einen Speisesaal wie in normalen Hotels, sondern auch ein Casino, eine Achterbahn und einen Freizeitpark. Direkt gegenüber fanden die Jonglierwettkämpfe statt. Der Weltmeister kam aus Deutschland. Sie sah, dass er bis zu neun Bälle gleichzeitig in der Luft halten konnte. Und er verdiente Geld damit.

Als Sandra aus Las Vegas zurückkam, hatte sie nur noch eines im Kopf: Sie wollte professionelle Artistin werden. Ihre Mutter, eine Sekretärin, und ihr Vater, ein Computerfachmann, waren skeptisch, als sie von der Artistenschule in Berlin erzählte. So weit weg, und dann auch noch Artistin, das ist doch gar kein Beruf. Das schaffst du sowieso nicht, sagten sie. An der Aufnahmeprüfung durfte sie trotzdem teilnehmen. Dann schlägt sie es sich vielleicht aus dem Kopf, wenn sie sieht, dass sie es nicht schafft, dachten die Eltern.

Aber Sandra schaffte es, konnte es selbst kaum glauben: Sie, das Heimwehkind, würde allein in die große Stadt gehen.

In Berlin-Marzahn zog sie in ein Wohnheim. Im ersten Stock waren die Erzieher untergebracht, in den Etagen darüber die Wohngemeinschaften der Schüler. Einkaufen, kochen, putzen, Schule, Hausaufgaben, Training: Es blieb keine Zeit für Heimweh. Die Zimmergenossin, die erst so nett zu sein schien, erwies sich als Zicke. Aber Sandra fand neue Freunde. Das ist meine Welt, spürt sie. "Und meine Klasse war wie eine Familie für mich." Sie war jetzt 14 Jahre alt und fühlte sich, als sei sie genau am richtigen Ort.