Diese Heimat soll sie nun zwei Jahre später wieder verlieren. Das ganze harte Training umsonst. Sandra rennt aus dem Besprechungszimmer zurück in die Turnhalle. Sie erzählt es den anderen. Ein Mädchen fängt an zu weinen. Danach will Sandra nur noch raus aus der Schule. Barfuß läuft sie ins Freie, setzt sich auf eine Bank.

Sie muss es den Eltern sagen, aber sie erreicht sie nicht. Dann überlegt sie, wen sie noch anrufen könnte. Sie möchte mit jemandem sprechen, der versteht, was sie tut, was sie will, was das alles für sie bedeutet.

Sie ruft Manuel an, einen Freund, der die Artistenschule schon abgeschlossen hat. Sie machen aus, sich noch am selben Abend zu treffen. Dann versucht sie es noch einmal bei den Eltern. Diesmal nimmt der Vater ab. Papa, ich bin durch die Prüfung gefallen, sagt sie. Am anderen Ende ist Stille. Der Vater sagt erst mal gar nichts, er ist fassungslos, schließlich versucht er, Sandra zu trösten. In den nächsten Tagen werden viele Telefonate folgen, mit dem Vater, mit der Mutter. Es muss schnell entschieden werden: Wie soll es weitergehen? Soll Sandra nach Hause zurück? Soll sie von Berlin wieder ins Allgäu ziehen?

Nach dem Telefonat will sie erst einmal nach Hause in ihre WG. Zum Glück kommen ihre beiden besten Freundinnen mit. Die drei setzen sich aufs Bett und hören so lange Musik auf dem Laptop, bis Sandra sich ein bisschen beruhigt hat.

Am Abend geht sie in ein Jugendzentrum, in dem sie manchmal trainiert. Dort ist sie mit Manuel verabredet. Er sagt, die Schule habe unrecht, seiner Meinung nach habe sie auf jeden Fall das Zeug zur Artistin. Er will, dass sie ihm ihre Prüfungs-Nummer noch einmal zeigt. Sandra sträubt sich – was für eine Überwindung: die Nummer, mit der man gerade alles verloren hat, noch einmal vorzuführen. Aber schließlich gibt sie sich einen Ruck und geht auf die Bühne. Als sie fertig ist, spricht Manuel Punkt für Punkt mit ihr durch, was ihm gefallen hat und was sie besser machen kann. Drei Stunden arbeiten sie an diesem Abend noch an der Nummer. Danach weiß Sandra, was sie will: Ich will weitermachen. Ich weiß, dass ich es kann. Auch wenn es Jahre dauern wird, auch wenn sie noch nicht weiß, wie.

Die Wochen, die nach der Prüfung folgen, sind schwer. Sandra will weitermachen, weiter ihren Traum verfolgen. Aber auf welchem Weg, das ist ihr noch nicht klar. Und dann muss sie auch noch jeden Tag in ihre alte Schule gehen. Sie muss abtrainieren. Der Trainer hat gesagt: Du bekommst sonst Herzprobleme. Es kommt ihr alles sinnlos vor: Sie will doch gar nicht aufhören, warum soll sie dann abtrainieren und an den Ort ihrer Niederlage zurückkehren. Aber sie fügt sich. Es sind ja nur noch ein paar Wochen bis zu den Sommerferien. Und wichtiger als alles andere ist die Frage: Wie soll es nach den Ferien weitergehen? Sie hat nicht mehr viel Zeit, um sich zu entscheiden.

Die Eltern sagen: Wir überlassen dir die Entscheidung: Du kannst zu uns zurückkommen, oder du bleibst in Berlin, wir stellen nur eine Bedingung: Abitur.

Zurück nach Hause in das Reihenhaus im Allgäu, das wäre so einfach; wieder in das alte Kinderzimmer, mit den bunt angestrichenen Wänden und den Stofftieren, zurück in die Familie, in ihre alte Schule? Oder in Berlin bleiben, wo sie sich um alles kümmern muss, wo sie sich mit 16 eine neue Schule suchen muss. So kurzfristig noch einen Platz zu finden ist schwer.

Bayern oder Berlin?

Zurück oder nach vorn?

Eine Nachricht aus Afghanistan

Es ist kurz nach halb zehn, als der Schulleiter die Bühne der Aula betritt und den Schülern gratuliert, die dieses Jahr ihr Abitur am Wirtschaftsgymnasium in Backnang geschafft haben. "Sie können stolz auf sich sein", sagt er und redet von der Disziplin, die es braucht, um so ein Ziel zu erreichen, vom Weg, der hinter ihnen liegt. Er spricht auch von den Rahmenbedingungen, die stimmen müssen. Er ruft jeden einzeln auf, irgendwann kommt Janinas Name, Klatschen, zwanzig Schritte zur Bühne, Händeschütteln mit dem Direktor, Händeschütteln mit dem Klassenlehrer. Dann sitzt sie wieder auf ihrem Platz und zieht ihr Zeugnis aus der Klarsichtfolie: 2,6. Das ist genau der Durchschnitt des Jahrgangs. Es ist nur eine Zahl, und sie erzählt nichts davon, dass sie eigentlich schon vor einem Jahr ihr Abitur hatte machen wollen. Damals wurde 5000 Kilometer entfernt in Afghanistan ihr Bruder Konstantin erschossen.

Als Janina vor drei Jahren in die 12. Klasse des Wirtschaftsgymnasiums kommt, ist sie 18 Jahre alt und als drittes von vier Kindern in einem Dorf in Schwaben aufwachsen. Es liegt im Speckgürtel um Stuttgart, der Vater ist Geschäftsführer an einem Forschungsinstitut, die Mutter arbeitet Teilzeit. Janina versteht sich gut mit ihren Eltern, sie ist eine erfolgreiche Judokämpferin, ringt in der Bundesliga. Seit Kurzem ist Janina ziemlich verliebt.

Der 18. Februar 2011 ist ein Freitag, da hat Janina schon um Viertel nach elf Schulschluss. Zusammen mit ihrem Freund nimmt sie die S3 nach Stuttgart.

Shoppen ist neben Judo ihre Lieblingsbeschäftigung. Genauso gerne, wie sie unter der Woche barfuß ihre Gegner auf die Matte wirft, stöckelt sie am Wochenende auf High Heels mit ihrer Clique in die Disco.

Sie bummelt mit ihrem Freund durch die Königstraße, ersteht eine grau gefleckte Jeans, ein T-Shirt im Marine-Look, ein Jeanshemd. Am Abend ist erst eine Sportlerehrung in Backnang, später wollen sie zusammen in Stuttgart ausgehen. Sie weiß jetzt, was sie dazu anziehen will, die graue Hose und das Jeanshemd, dazu ihre Buffalo-Pumps. Kurz nach vier Uhr nachmittags verlassen sie und ihr Freund den Laden.

Ihr Vater nimmt sie vom Einkaufen mit nach Hause, für den Weg nach Backnang braucht man mit dem Auto eine gute Dreiviertelstunde. Sie fahren gerade auf der B14 in den Kappelbergtunnel, als im Radio die SWR1-Nachrichten kommen.

"Mindestens ein deutscher Soldat in Afghanistan getötet", sagt der Sprecher. "Eine Agentur spricht von zwei Toten. Sieben Soldaten wurden zum Teil schwer verletzt."

Koni, denkt Janina. Ihr Vater scheint die Meldung nicht mitbekommen zu haben, es ist viel Verkehr, und das Radio ist leise.

"Es war offenbar ein Afghane, der auf dem Bundeswehrstützpunkt in Baghlan das Feuer auf die Soldaten eröffnete."

Baghlan, denkt Janina. Das ist Konis Stützpunkt.

"Das Verteidigungsministerium in Berlin will in diesen Minuten Einzelheiten bekannt geben."

Es geht Koni gut, denkt Janina. Niemand hat sich gemeldet. Koni hatte ihnen immer gesagt, wenn sie von einem Anschlag hörten und sich niemand gemeldet hätte, wäre alles okay. Die Familien würden zuerst informiert.