Der Vater setzt ihren Freund ab. Dann parken sie vor ihrem Haus. Janina nimmt ihre Tüten und geht zum Eingang, hinter ihr der Vater. Sie macht die Tür auf, tritt in den Flur. Durch die Tür zum Wohnzimmer sieht sie ihre Schwester Katharina, sie sitzt auf dem Sofa und weint. Sie lässt ihre Tüten fallen und geht ins Wohnzimmer. Sie sieht ihren Bruder Maximilian auf dem Sofa sitzen. Sie sieht ihre Mutter am Klavier stehen, auch sie weint. Sie sieht zwei Männer.

Einer trägt eine Uniform.

Bruchteile einer Sekunde. Mama weint nie. Der Mann trägt eine Uniform. Sie weiß es, bevor ihre Schwester sie sagt, diese Worte, die alles ändern: Koni ist tot.

Konstantin. Der Älteste. Der nach seinem Grundwehrdienst nach Hause kam und zur Überraschung seiner Familie sagte: Ich mache weiter. Bevor er nach Afghanistan flog, hatten sie ein Abschiedsessen für ihn gemacht, es gab Maultaschen, sein Leibgericht. Konstantin hatte seine Freundin Carolin dabei und klopfte Sprüche: Wenn einer schießt, schieße ich schneller. Er schien keine Angst zu haben oder verbarg sie gut. Die anderen beruhigten sich damit, dass es statistisch wahrscheinlicher sei, bei einem Autounfall ums Leben zu kommen als in Afghanistan. Ich zieh doch nicht in den Zweiten Weltkrieg, sagte Konstantin, und nur seine Oma, die als kleines Kind die Bombenangriffe auf Stuttgart miterlebt hat, beruhigte das nicht. Bleib hier, sagte sie und macht Fotos, den ganzen Abend lang. Als Konstantin aufbrach, rief Janina vom Tisch aus Tschüss. Sie wollte ihn nicht umarmen. Sie dachte, dass sie dann nur heulen müsste und dass er das sicher nicht wollte.

Am nächsten Tag saß sie in der Schule und versiebte eine Klausur. Warum hatte sie sich nicht richtig verabschiedet? Sie schickte ihrem Bruder eine SMS: "Pass auf. Wenn du wieder da bist, will ich eine Umarmung."

Die bekäme sie auch, schrieb er zurück.

Und jetzt sitzen ein Bundeswehroffizier und ein Seelsorger bei ihnen im Wohnzimmer. Janina hört, wie ihr Vater viele Fragen stellt: Was ist passiert? Wann? Wo? Aber nichts davon dringt zu ihr durch. Sie sitzt auf dem Sofa wie unter einer Glocke, an der alle Antworten abprallen. Hier ist nur Platz für einen Gedanken: Koni ist tot.

Irgendwann, nach zwei Stunden oder nach vier, es gibt kein Zeitgefühl unter der Glocke, gehen der Bundeswehroffizier und der Seelsorger.

Janina ruft ihren Freund an. Der sitzt schon im Keller eines Freundes, wo sich die Clique immer vor dem Weggehen trifft. Janina weint. Sie hört, wie die Stimmen im Hintergrund leiser werden, als er aus dem Zimmer geht. Irgendwann schafft sie es zu sagen: "Das, was wir vorhin im Radio gehört haben, das war mein Bruder." Und er sagt: "Oh Shit."

Es wird ein kurzes Telefonat. Ihr Freund fährt danach mit seinen Freunden nach Stuttgart, wie geplant. Janina geht ins Bett. Müde geweint, schläft sie ein.

Am nächsten Morgen sitzen sie alle in der Küche am Frühstückstisch und essen nichts. Es war kein böser Traum. Janina hört zum zweiten Mal, was in Afghanistan passiert ist, ihr Vater kann jetzt alles genau erklären. Nur auf die Frage, die sie alle am meisten beschäftigt, gibt es keine Antwort: Warum?

Konstantins Einheit war am OP North stationiert, in einem Lager in der Provinz Baghlan. Auf dem Stützpunkt im Norden Afghanistans fahren deutsche und afghanische Soldaten zusammen auf Patrouille. Natürlich hatten sie gewusst, dass etwas passieren könnte. Sie hatten aufmerksamer Nachrichten gehört und sich Sorgen gemacht, wenn irgendwo eine Bombe hochgegangen war. Aber dann hatte Konstantin vor ein paar Tagen angerufen und gesagt, dass sie zurück im Lager seien. Die Anspannung wich. Zwei Wochen später wäre er wieder zu Hause.

Und dann nahm der afghanische Soldat Sayed Afzal am 18. Februar um kurz vor 12 Uhr Ortszeit sein Sturmgewehr und schoss im Lager auf zehn Soldaten, die gerade eine Panzerkette reparierten, ohne Schutzwesten, gut gelaunt. Ehe ein deutscher Soldat Afzal erschoss, hatte er zwölf Bundeswehrsoldaten verwundet, von denen drei später sterben werden.

Vielleicht ist es gar nicht Koni, hofft Janina, als sie ein paar Tage später in Konstantins Kaserne in Regen im Bayerischen Wald eintreffen.

Ihr müsst nicht mit reingehen, sagen die Eltern zu ihr und den Geschwistern.

Doch, denkt Janina, ich muss mit, ich muss wissen, ob er es ist.

Sie kann kaum atmen, als sie die Kapelle betritt und auf den offenen Sarg zugeht. Sie sieht einen dunklen Vollbart, und ein paar Schritte lang denkt sie, Koni hatte keinen Vollbart, vielleicht mal einen Dreitagebart, das ist er nicht. Und dann steht sie am Sarg, und er ist es.

Sie sieht sein Gesicht, bleich und etwas aufgequollen, er sieht friedlich aus. Seine Uniform verbirgt die Wunden, die das Projektil in seinen Hals gerissen hat, die Bestatter haben ihm das Hemd bis zum Kinn gezogen.

Janina guckt auf seine Hände mit den ordentlich gefeilten Nägeln. Koni hatte immer abgebrochene Nägel, sie waren ihm egal, solange sie ihn kannte. Und obwohl sie ihm die Nägel so sorgfältig zurechtgemacht haben, schimmert unter ihnen etwas Dunkles. Das ist Blut, denkt Janina, das ist getrocknetes Blut. Fünfeinhalb Stunden hatten Ärzte in einem Militärkrankenhaus um Konstantins Leben gekämpft, aber sie konnten nicht so schnell Blut in seinen Körper pumpen, wie er es verlor.

Eine Woche nach Konstantins Tod, im Winter 2011, findet in der St.-Michael-Kirche in Regen die Trauerfeier statt. Bundeskanzlerin Angela Merkel und der damalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg sind gekommen. Ein Autokonvoi, Sirenen, ein kleiner Raum in der Kirche, es gibt Kaffee und Kuchen, gegenüber sitzt die Bundeskanzlerin. Janina erlebt all das wie einen Film, in dem sie seltsamerweise mitspielt. Den Verteidigungsminister findet sie sympathisch. In diesen Tagen reden bereits alle über seine Doktorarbeit. Janina ärgert sich darüber. "Ein Satz zu den drei toten Soldaten und 100 Sätze zu Guttenbergs Doktorarbeit", erinnert sie sich später an die Nachrichtensendungen aus der Zeit. Als ob man nicht auch ohne einen Doktortitel Verteidigungsminister sein könnte.

Als Soldaten am Ende der Trauerfeier Konstantins Sarg aus der Kirche tragen, wird die Nationalhymne gespielt. Ihr Bruder ist für Deutschland gefallen, denkt sie. Ein Satz, der nicht zu ihrem Leben passt. Sie wird lernen müssen, mit ihm zu leben.