Das Ringen um die richtige Smith-Exegese ist fast so alt wie Smiths Werk. Schon kurz nach seinem Tod stritten die Abgeordneten im Londoner Unterhaus über einen Mindestlohn – und beide Seiten beriefen sich auf Smith. So begann ein schier endloser Zank. Die einen deuteten Smiths Wohlstand der Nationen als Brandschrift für einen ungezähmten Markt. Die anderen beriefen sich auf Smiths zweites, heute weit weniger bekanntes Hauptwerk: Die Theorie der ethischen Gefühle. Darin hatte Smith den Menschen als Wesen beschrieben, das nach Gerechtigkeit und Barmherzigkeit strebt.

Die Neuentdecker des Adam Smith sind keine Ökonomen, sondern Philologen

Es schien, als könne sich jeder seinen Smith nach Bedarf aussuchen: mal mit Schwerpunkt auf Eigennutz, mal auf Gemeinsinn. Doch inzwischen räumen Forscher mit dieser Beliebigkeit auf. Manche haben dafür sogar die Vorlesungsnotizen von Smiths Studenten ausgegraben. Die zeigen: Smith entwickelte die Ideen für seine beiden Bücher zur selben Zeit.

Deshalb ist Christopher Berry von der Universität Glasgow überzeugt: "Die Wirtschaftstheorie im Wohlstand der Nationen setzt das Menschenbild aus der Theorie der ethischen Gefühle voraus." Wenn Smith im Wohlstand der Nationen von Eigeninteresse spreche, dann meine er das aufgeklärte Eigeninteresse der schottischen Kaufleute im 18. Jahrhundert, nicht den Egoismus eines modernen Gordon Gekko, der im Film Wall Street sagt: "Gier ist gut." Darauf deutet Smiths Kritik am Gordon Gekko des 18. Jahrhunderts hin. Der hieß Bernard de Mandeville und veröffentlichte 1714 eine Bienenfabel mit der Lehre: Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht. In seiner Theorie der ethischen Gefühle attackierte ihn Smith dafür sogar beim Namen – entgegen den wissenschaftlichen Gepflogenheiten seiner Zeit.

In philologischer Kleinarbeit entsteht nun ein neues Bild von Smiths Denken. Es lässt sich nicht mehr reduzieren auf die Dichotomie: mehr Markt oder mehr Staat? Stattdessen wirft es die Frage auf: Welche Werte gelten in einer Volkswirtschaft?

Entwickelt wird dieses Bild meistens außerhalb der Wirtschaftswissenschaften. Rothschild, Berry und ihre Kollegen in der Smith-Forschung sind fast ausnahmslos Historiker, Politikwissenschaftler oder Philosophen. Während sie den Vater der Volkswirtschaftslehre neu entdecken, bleiben die Volkswirte außen vor.

Alte Bücher wälzen, in Archiven stöbern, Fabeln lesen – so etwas tun moderne Ökonomen kaum. Sie beschäftigen sich lieber mit Statistiken, Modellen, Experimenten. "Die meisten meiner Kollegen präsentieren in ihren Vorlesungen keine Ideengeschichte, sondern eine Formelsammlung", sagt Birger Priddat, Wirtschaftsprofessor an der Universität Witten/Herdecke. Das hält er für einen Fehler. Die Ökonomen müssten sich die Ergebnisse der neuen Smith-Forschung aneignen und dann "mit Smith nach vorne denken".

Aber wie kann das aussehen? Eines der wenigen Beispiele bietet Deirdre McCloskey, Ökonomin an der Universität von Illinois in Chicago. Sie treibt die Frage um: Warum sind manche Länder so reich und andere so arm? McCloskey probierte alle Erklärungsansätze der konventionellen Volkswirte aus, ob rechts oder links. Keiner konnte sie überzeugen. Dann nahm sie die alten Schinken von Adam Smith aus dem Regal.

Inzwischen ist McCloskey überzeugt: Auf die Werte kommt es an. Nur sie können erklären, warum die cleversten Geschäftsleute mancherorts Unternehmen gründen, die der ganzen Gesellschaft nützen, und andernorts zu Oligarchen werden, die das Land ausplündern. Warum die Steuerbeamten in manchen Staaten fair arbeiten und in anderen Staaten gegen Bestechungsgeld beide Augen zudrücken. Warum die Manager in einigen Ländern für ihre Unternehmen kämpfen und in anderen Ländern nur für sich selbst.