McCloskey arbeitet nun an einer Erklärung zum Aufstieg und Fall von Werten in der Wirtschaft. Das wichtigste Ergebnis: Prosperierende Gesellschaften bauen auf sieben Tugenden auf. Dazu gehört der Eigennutz – aber eben nur als eine Zutat. Damit der Mensch nicht dem Menschen ein Wolf wird, müssen Mäßigung, Liebe und ein Sinn für Gerechtigkeit den Eigennutz ausbalancieren. Damit Innovationen entstehen, müssen Mut und Hoffnung hinzukommen. Damit wir neue Wege gehen können, müssen wir wissen, wo wir herkommen – wir brauchen den Glauben an eine Identität.

Eine globalisierte Wirtschaftswelt verdrängt soziale Tugenden

Eigennutz, Mäßigung, Liebe, Gerechtigkeit, Mut, Hoffnung, Glaube: Wenn diese sieben Tugenden in einer Gesellschaft zusammenkämen, argumentiert McCloskey, dann wirke der Markt tatsächlich wie eine unsichtbare Hand, die individuelle Entscheidungen und gemeinschaftliches Wohl in Einklang bringt.

Klingt ein bisschen wie in der Bibel. Aber wann kommen diese sieben Tugenden schon einmal zusammen? Eine Gesellschaft ganz ohne skrupellose Geschäftemacher, korrupte Steuerbeamte und gierige Manager wird es wohl niemals geben. Deshalb lässt sich von der unsichtbaren Hand immer nur ironisch sprechen: Den gesellschaftlichen Idealzustand kann der Markt wohl nie erzeugen.

Aber er kann sich ihm nähern. Im großen Stil gelang das zum ersten Mal im Großbritannien des 18. Jahrhunderts. Damals wurde Smith zum Augenzeugen, als die Werte in der Wirtschaft aufblühten. Die britischen Kaufleute seiner Zeit begegneten sich auf Augenhöhe, hielten in der Regel Wort, probierten neue Geschäftsideen aus. In einer solchen Gesellschaft konnte der Markt tatsächlich Gutes bewirken.

Hinter dieser Erfolgsgeschichte stand kein Naturgesetz, sie war abhängig von historischen Umständen und glücklichen Zufällen. Heute, so fürchtet McCloskey, drohten die Werte in westlichen Gesellschaften aus der Balance zu geraten. Der Eigennutz rücke in den Vordergrund. Denn anders als zu Smiths Zeit treiben die Wirtschaft heute nicht mehr ehrbare Kaufleute an, die sich untereinander kennen. Eher geben Konzerne den Ton an, deren verzweigte Lieferketten sich um den ganzen Globus winden. Wer letztlich auf der anderen Seite eines Geschäfts beteiligt ist, ist oft nicht mehr klar. Kein Wunder, dass in einer solch anonymen Wirtschaftswelt soziale Tugenden in den Hintergrund rücken.

Aber nicht nur die Globalisierung verändert die Wirtschaftskultur. Es ist auch die Wirtschaftswissenschaft, die ihren Forschungsgegenstand prägt. Generationen von Managern haben im Studium gelernt, Egoismus sei gut, weil die unsichtbare Hand alles zum Rechten wende. Diese einseitige Interpretation von Smith an wichtigen Universitäten könnte also auch jene Wertevorstellungen beschädigt haben, ohne die Smith zufolge eine Marktwirtschaft auf Dauer nicht funktionieren kann.