Freitagnachmittag, Mitte Juli, die Regierungsmaschine liegt ruhig in der Luft, irgendwo da unten ist Polen. Die Welt ist aus den Fugen, jedenfalls die Welt der Geheimdienste, der Datenschützer und Bürgerrechtler. Hier oben ist davon nichts zu spüren. Die Stewardess serviert eingelegtes Gemüse, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger nimmt noch etwas von dem Paprika, trinkt Mineralwasser. Ihr gegenüber sitzt Hans-Peter Friedrich, der Bundesinnenminister. Die beiden sind auf dem Rückflug von Vilnius, der Hauptstadt Litauens, beide waren auf dem EU-Ministerrat, der nur ein Thema kannte: Datenschutz, die Enthüllungen des Edward Snowden.

Datenschutz, Leutheussers Thema seit Jahrzehnten, ist plötzlich ganz groß. Noch vor Konferenzbeginn war sie live im ARD-Morgenmagazin. Das passiert ihr nur selten.

Jetzt, ein paar Stunden später, plaudert sie mit Friedrich, über den Wahlkampf, über Urlaubspläne. Sie machen Witze über den US-Geheimdienst NSA, über abgefangene Mails. Es ist der Humor der Verzweiflung. Niemand weiß, was als Nächstes enthüllt wird oder wie die deutschen Nachrichtendienste beim globalen Datensaugen mitmachen, auch die beiden Minister nicht. Ständig laufen neue Meldungen ein. "Prism eins, zwei, drei, bei welchem Prism sind wir denn nun?"

Leutheusser könnte jetzt triumphieren. Sie könnte darüber spotten, dass die US-Regierung Friedrich bei seinem Besuch in Washington hat abtropfen lassen. Sie könnte sich über das "Supergrundrecht auf Sicherheit" lustig machen, von dem der Innenminister nach der Rückkehr aus den USA redete, ein Grundrecht, das die Verfassung nicht kennt. Aber Leutheusser triumphiert nicht. Sie sagt nur leise Sätze.

Zur europäischen Datenschutzvereinbarung gebe es jetzt eine gemeinsame Position mit dem Innenminister: "Das hätte ich mir vor vier Wochen auch nicht träumen lassen." Ob es denn nicht besser gewesen wäre, wenn sie nach Washington geflogen wäre, wird sie gefragt. Nein, sagt Leutheusser und lächelt ein kleines Lächeln, sie wolle dem Innenminister keine Arbeit wegnehmen.

Wenn irgendjemand von den NSA-Enthüllungen profitiert hat, dann die Justizministerin. Niemand in der Bundesregierung hat so ausdauernd gegen staatliche Datensammelei gekämpft wie sie. Vier Jahre lang hat sich Sabine Leutheusser-Schnarrenberger gegen die Einführung der Vorratsdatenspeicherung gesträubt, gegen die Aufzeichnung aller Kommunikationsverbindungsdaten, die einfach so, ohne Verdacht, vorbeugend gespeichert werden sollten – die deutsche Variante dessen, was die NSA offenbar weltweit betreibt. Leutheusser hat gegen die EU-Kommission gekämpft, gegen die Union, gegen Widerstand in der eigenen Fraktion. Vier Jahre lang, sagt Leutheusser, "waren wir immer in der Defensive". Die Innenminister, auch die der rot-grünen Landesregierungen, haben ihr vorgeworfen, die Verbrecher laufen zu lassen. "Das höre ich jetzt nicht mehr", sagt sie. Das sei ein "Riesenfortschritt". Mehr Triumph gönnt sie sich nicht.

Vielleicht, weil das ihre Art ist. Leutheusser ist keine Polemikerin, sie spielt eher defensiv. Vielleicht nimmt sie sich auch zurück, weil sie ahnt, dass der Überwachungsskandal Fragen aufwirft, auf die auch sie keine Antwort hat. Oder weil sie weiß, wie schnell sich der politische Wind drehen kann.

Gerade läuft es gut für Leutheusser. Für sie persönlich und für ihre Partei, plötzlich scheint sogar eine Fortsetzung von Schwarz-Gelb möglich. Aber sie kennt auch die andere Seite der Politik, die Intrigen, den Zorn, die Einsamkeit, die Leere nach dem Sturz. Wie wenige andere Politiker in Deutschland hat ihr Sturz sie geprägt. Ihr Rücktritt 1995 hat ihr Respekt eingetragen, einen Ruf.