ZEITmagazin: Herr Ruge, gab es bei Ihnen eine Liebe zu Russland, die über das politische Interesse hinausging?

Gerd Ruge: Es gab ein liebevolles Interesse für die russische Literatur, die ich schon sehr jung gelesen habe. Das konnte ich in der Sowjetunion nutzen, um mit Leuten ins Gespräch zu kommen, mit denen ich nicht über Politik, aber auch nicht über aktuelle Bücher hätte reden können. Über die Klassiker konnte man reden, und wenn man Glück hatte, war das eine Basis, auf der man weiterarbeiten konnte.

ZEITmagazin: Sie waren im Moskau der fünfziger Jahre als Korrespondent total abgeschottet von der Normalbevölkerung. Wie sehr haben Sie sich überwacht gefühlt?

Ruge: Man sollte ja wissen, dass man überwacht wurde, damit man sich anständig benähme im Sinne des KGB. Wenn ich nach Hause in mein Hotel kam, klingelte, kaum hatte ich die Tür zugemacht, das Telefon. Es war niemand dran. Dann wusste ich: Das waren die Freunde vom KGB, die wollten gucken, ob ich auch wirklich nach Hause gegangen war. Alles ein bisschen primitiv. Wenn ich das Hotel verließ, gingen immer zwei Leute hinter mir her. Die wollten nicht fotografiert werden. Wenn ich mich also ärgerte, drehte ich mich um und fotografierte sie. Dann verschwanden sie in einem Laden. Allzu oft habe ich das natürlich auch nicht gemacht, denn man wollte sie nicht provozieren. Die Russen selber gingen davon aus, dass alles kontrolliert wird. Sie hatten sich damit eingerichtet und waren vorsichtig mit dem, was sie sagten.

ZEITmagazin: Hatten Sie Tricks, mit denen man der Überwachung entgehen konnte?

Ruge: Als ich 1957 Boris Pasternak ein paar Mal in seiner Datsche besuchte, habe ich zuerst ein Taxi genommen, bin dann mit der U-Bahn zum weißrussischen Bahnhof gefahren, von dort habe ich einen Zug genommen, schließlich bin ich über die Felder zu seiner Datsche gelaufen. Ich war sicher: Jetzt hast du sie abgehängt! Zwanzig Jahre später traf ich einen KGB-Mann, der zeigte mir ein Foto, aufgenommen aus dem Wipfel eines Baumes. Da sah man mich mit Pasternak spazieren gehen. Der KGB-Mann meinte: "Ihnen wird es gefallen, wir brauchen es nicht mehr."

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ZEITmagazin: Pasternak stand als verfolgter Dichter, der nicht veröffentlichen durfte, unter besonderer Bewachung.

Ruge: Ja, das war auch psychisch ein Problem. Er hatte sich deshalb eine Strategie der Selbsttäuschung überlegt. Er sagte: Man dürfe sich nicht völlig von der Welt abschneiden lassen. Okay, Telefon und Briefe würden vom KGB kontrolliert, aber Postkarten, erklärte er, gingen so durch, die lese keiner. Also schickte er mir immer Postkarten. In Wirklichkeit wusste er natürlich, dass das eine Illusion war. Aber er war überzeugt, wenn es gar keine Nischen gäbe, würde man verrückt. Da sei es besser, so zu tun, als ob wenigstens die Postkarten ein überwachungsfreier Raum wären.

ZEITmagazin: Waren es denn brisante Sachen, die er Ihnen auf die Postkarten schrieb?

Ruge: Meistens ging es um Termine, ob wir uns irgendwo treffen könnten. Oder Hinweise auf russische Emigranten, die ich in Frankfurt besuchen sollte. Die hatten das Manuskript eines Gedichtbands, der in Moskau nicht erscheinen konnte, zugeschmuggelt bekommen, und sie hatten ihn in Deutschland gedruckt. Ich sollte das gesetzte Manuskript wieder zurück nach Russland bringen, kam aber in die Fänge des Zolls, der die Gedichte fand. Aber die Jungs waren sehr schlau gewesen, die hatten unter jedes Gedicht eine Quelle geschrieben. Irgendeine literarische Zeitschrift in Russland, "Oktober 1952" oder so. Da sagten die Zöllner: Gut, das ist ja alles schon einmal durch die Zensur gegangen, das können Sie mitnehmen. Sie wussten nicht, dass das erfundene Quellenangaben waren.

ZEITmagazin: Hat Pasternaks Postkarten-Strategie Ihnen etwas mit auf den Weg gegeben?

Ruge: Das war enorm wichtig für mich. Bevor ich diese Erfahrung mit Pasternak gemacht hatte, war ich doch ziemlich down manchmal. Es ging mir sehr auf den Geist, dass man so abgeschnitten von der Bevölkerung war. Es gab ein paar Kollegen, man konnte ins Bolschoitheater gehen, sonst war da nichts. Die eigentlichen Russen bekam man nicht zu sehen. Viele meiner Kollegen waren regelrecht verbittert und sahen das ganze Land nur noch als ein Gefängnis, in das sie selbst auch eingeschlossen waren. Man hatte keine Chance zu sehen, wie die Leute wirklich lebten und wie unter dieser Gefängnisstruktur eben doch auch persönliche Beziehungen existierten und möglich waren. Ohne Pasternak, der mir das alles offenlegte, wäre ich wohl auch in dieser Haltung der Verärgerung, Frustration und der Ablehnung verharrt und hätte schließlich gar keinen Versuch mehr unternommen, mit Leuten zu sprechen. Pasternak hat mir gezeigt, dass man eben versuchen muss, wenigstens so zu tun, als ob – und dass einem das Als-ob neue Räume eröffnet.