Wenn die Welt irgendwo grenzenlos erscheint, dann hier, im Nordosten von Montana rund um das Indianerreservat Fort Peck. Karge Graslandschaften, hin und wieder ein paar schwarze Rinder. Eine halbe Million sollen hier äsen, in den Weiten der Prärie bleiben sie fast unsichtbar.

Dann endlich eine Farm. "Hände weg vom Grasland!", hat der Besitzer auf seinen Zaun gepinselt. Und: "Montana gehört dem Rind!" Wer, fragt man sich inmitten dieser Einöde, wollte sich hier an Land vergreifen? Und welche Tiere sollten hier den Rindern Konkurrenz machen?

Die Antwort findet man weitab der Straße, versteckt zwischen grünen Hügeln und umzäunt von einem kilometerlangen, zwei Meter hohen Drahtverhau: 61 Bisons, im Volksmund, wenngleich biologisch falsch, seit je buffalo, also Büffel, genannt. Mit ihren hohen Schultern und den gewaltigen Schädeln sehen sie aus der Ferne wie bizarre Felsen aus. Doch dann bewegen sie sich, erst langsam, dann immer schneller. Der Boden zittert tatsächlich.

Um diese Kolosse, jeder bis zu tausend Kilo schwer, ist im US-Bundesstaat Montana nun wie zu Zeiten des Wilden Westens ein erbitterter Konflikt um Land und Weiderechte ausgebrochen. Auf der einen Seite stehen Rancher, konservative Senatoren und die Lobby der Viehzüchter, auf der anderen Umweltschützer und ein Gouverneur der Demokraten. Und die Indianer vom Volk der Sioux und Assiniboine, vertreten durch ihren Sprecher Larry Wetsit, einen Medizinmann mit einer Kette aus Büffelzähnen um den Hals.

Der Kampf um den Bison begann am 19. März vergangenen Jahres, als die zotteligen Ungetüme aus Viehtransportern in die verschneite Prärie trabten. Die Sioux und Assiniboine feierten das Ereignis drei Tage lang mit Tänzen und Trommeln. 140 Jahre nachdem weiße Siedler, Jäger und Soldaten die Tiere nahezu ausgerottet hatten, waren sie in ihre angestammte Heimat zurückgekehrt – und zwar als staatlich ausgewiesene "kulturelle Güter".

Denn bei den 61 Exemplaren handelt es sich nicht um gewöhnliche, mit Rindergenen vermischte Büffel, deren Fleisch heute auch als Burger auf den Tisch kommt. Sondern um absolut reinrassige Nachkommen jener Tiere, die vor über hundert Jahren das massenhafte Abschlachten durch weiße Jäger überlebt hatten. Genau 23 echte Bisons hatten sich Ende des 19. Jahrhunderts in den Yellowstone-Nationalpark, rund 800 Kilometer von Fort Peck entfernt, gerettet. Einige Jahre später ließ der damalige Präsident Teddy Roosevelt zu ihrem Schutz eigens die Kavallerie ausrücken. Er fürchtete, mit dem Untergang dieser kraftstrotzenden Tiere würde auch ein Symbol für Amerikas Macht und Männlichkeit verschwinden. In der geschützten Umgebung des Nationalparks ist die Zahl der Bisons inzwischen wieder auf 4.000 bis 5.000 angewachsen.

In Fort Peck ist in diesen Augusttagen die Zeit der indianischen Sonnentänze angebrochen. Auf einer großen Wiese stehen Tipis, in der Mitte tanzen die Menschen bis zur Erschöpfung um einen festlich geschmückten Baumstamm. In ihren Gebeten ehren die Indianer immer wieder den Bison. "Mit seiner Rückkehr", sagt der Medizinmann Larry Wetsit, "haben wir auch unsere Seele zurückgewonnen. Und unseren Stolz." Wetsit arbeitet hauptberuflich als Vizerektor des örtlichen Community College und staatlicher Wildtier-Beauftragter. Daheim wacht er über einen uralten Bisonschädel, der schon seit Jahrhunderten von Medizinmann zu Medizinmann weitergereicht wird. "Der Yellowstone-Bison ist unser kulturelles Erbe", sagt er, "die letzte direkte Verbindung zu unserer zerstörten Vergangenheit."

"Wir wollen doch auch nicht die Dinosaurier zurück"

Hinter dieser etwas blumigen Formulierung verbirgt sich eine bittere Anklage. Die Bisonjagd war die Existenzgrundlage indianischer Völker, seit sie vor Urzeiten den Kontinent bevölkerten. Fleisch, Fell, Knochen – alles wurde von ihnen zum Überleben genutzt. Mitte des 19. Jahrhunderts zogen noch mindestes 20 Millionen Bisons über die Prärien. Dann kamen die weißen Einwanderer und schlachteten die Herden ab. Mit den Bisons dezimierten sie die Ureinwohner, die den westwärts drängenden Rinderzüchtern im Wege standen. "Büffeljäger", jubilierte damals ein US-General, "haben mehr für die Vernichtung der Indianervölker getan als unsere Soldaten in 50 Jahren."

Etwa 150 Kilometer vom Indianerreservat Fort Peck entfernt sitzt Rinderzüchter Mark Robbins auf seiner Ranch und sieht sich von wilden Tieren umzingelt: Von den 61 Bisons in Fort Peck soll demnächst die Hälfte an die Indianerstämme im benachbarten Fort Belknap weitergereicht werden. Und im Süden, am Ufer des Missouriflusses, hat der Naturschutzverband American Prairie Reserve (APR) weitere 230 reinrassige Bisons aus Kanada eingekauft.

"Müssen wir die Uhr um 150 Jahre zurückdrehen und uns von den Büffeln heute alles gefallen lassen?", fragt Robbins. "Nur weil den Indianern einst Unrecht geschah?" Staatlich geschützte Wildtiere, die nicht für die Schlachtbank bestimmt sind, findet er bedrohlich. Die Bisons, so glaubt er, werden sich rasch vermehren und eines Tages auf der Suche nach Futter die Zäune niederwalzen und seinem Vieh das Grasland streitig machen. Politischen Rückenwind bekommt er vom republikanischen Senator John Brenden, dem Wortführer der Viehzüchter in Montana. "Das Rind ist heute der König der Prärie", tönt Brenden, "wir wollen doch auch nicht die Dinosaurier zurück."

Wer den Aufruhr der Züchter verstehen will, muss sich zwei Landkarten anschauen. Die eine hängt im Hauptquartier des Umweltvereins Greater Yellowstone Coalition (GYC), die andere bei der APR. Beide weisen Gebiete aus, die dem frei lebenden Yellowstone-Bison auch jenseits der Grenzen des Naturschutzparks eine Heimat bieten sollen. Den ehrgeizigsten Plan hegt die APR. Zwischen Fort Peck im Osten, Fort Belknap im Westen und dem Missouri im Süden soll auf einer Fläche, so groß wie Schleswig-Holstein, in den nächsten zwanzig Jahren die ursprüngliche Prärielandschaft wiedererstehen, eine der letzten vier weltweit. Für dieses komplizierte Biotop braucht man unbedingt die Bisons, möglichst 10.000 von ihnen. In freier Wildbahn sollen sie durch die Landschaft pflügen und wie ehedem mit ihrem zotteligen Fell die unterschiedlichen Grassamen weitertragen. Wenn es sein muss, auch über die Weiden von Mark Robbins.

Tausende von Quadratkilometern haben die Naturschützer bereits einigen Ranchern und Farmern abgekauft, die das harte Landleben satthaben. Die APR zahlt einen guten Preis, großzügige Spenden, die auch aus Deutschland stammen, machen es möglich. Senator Brenden spricht von "feindlicher Landnahme" durch einen "Millionärsclub". Das meiste Land aber will die APR von der Regierung pachten, billigen staatlichen Prärieboden, auf den auch die Rinderzüchter erpicht sind. Denn dem Staat müssen sie für eine weidende Kuh samt Kalb nur anderthalb Dollar im Monat zahlen, privaten Landbesitzern aber mindestens fünfzehnmal so viel.

Die Bisons haben auch ohne menschliche Hilfe begonnen, sich ihren alten Lebensraum in Montana zurückzuholen. Der Yellowstone-Nationalpark im benachbarten Bundesstaat Wyoming bietet den Herden nicht mehr genügend Platz. Vor 25 Jahren überschritten im Winter erstmals ein paar Hundert Tiere die Parkgrenzen und wanderten auf der Suche nach Nahrung in mildere, tiefer gelegene Regionen. Natürlich landeten sie dabei auch dort, wo Rinder grasten. Die Viehzüchter gerieten in helle Aufregung, vor allem weil die Hälfte der Yellowstone-Bisons mit dem Brucellose-Bakterium infiziert ist. Der Ausbruch der einst von europäischen Rindern eingeschleppten Krankheit kann dazu führen, dass trächtige Kühe eine Fehlgeburt erleiden.

Auch wenn bislang kein einziger Fall bekannt geworden ist, in dem ein Bison jemals Brucellose auf eine Kuh übertrug, wurden Jagdlizenzen verlost. Tausende von Yellowstone-Bisons, die aus dem Park ausgebüchst waren, wurden abgeschossen oder eingefangen und dann getötet. Nicht nur die Indianer, sondern auch viele Weiße in Montana waren entsetzt und suchten deshalb wie hier in Fort Peck nach Land für die Bisons. "Jahrtausendelang hat der Bison uns geholfen", sagt Medizinmann Wetsit, "jetzt haben wir die Pflicht, ihn zu schützen."

Eine riesige Prärie mit zehntausend frei laufenden Bisons ist längst kein Hirngespinst mehr, die Mehrheit der Einwohner in Montana ist dafür, auch der Gouverneur und die Demokratische Partei. Jedenfalls solange alle umgesiedelten Yellowstone-Bisons das amtliche Siegel "Brucellose-frei" tragen. Auch vor Gericht hatte die Lobby der Viehzüchter bislang keinen Erfolg. Vor Kurzem urteilte ein Richter, dass Rancher mit wilden Bisons leben müssten. Schließlich seien diese zuerst hier gewesen.

In einem Zelt aus dicken bunten Decken singen sich in Fort Peck ein Dutzend Indianer bei heißen Dämpfen in Ekstase. Auf einem Altar aus schwarzer Erde liegen als Zeichen der Huldigung ein Bisonkopf, eine Pfeife aus Büffelhorn und ein getrockneter Bisonmagen, der als Tabakbeutel dient. "Hokshe Togapa, unser Gott, meint es gut mit uns", sagt Medizinmann Wetsit. "Er hat entschieden, dass die Zeit reif ist für die Heimkehr des Bisons."

Das klingt wieder ziemlich blumig, aber letztlich ist es Ausdruck eines späten, kleinen Triumphes. Nicht dass Wetsit demnächst wieder auf Bisonjagd ginge. Aber nach anderthalb Jahrhunderten müssen nun erstmals die Rinderzüchter Platz machen.

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