Thomas Friedlaender sagt, wahrscheinlich hätte man auch solche Slogans erfinden müssen, um das Elbtal zu retten. Emotionalisieren, nicht argumentieren. Wir treffen ihn im Rosengarten am Fluss, er ist ein Elbtal-Erhalter der ersten Stunde. Damals vorm Bürgerentscheid hatten sie Plakate gemacht mit massenhaft guten Argumenten. Die Brückenbauer dagegen plakatierten Dreiwortsätze: Nie wieder Stau! Friedlaender glaubt heute, die Sache selber war viel zu komplex für Plakate. Immerhin wurden damals 60.000 Unterschriften für einen neuen Bürgerentscheid gesammelt.

Friedlaender ist eigentlich Musiker, dazu passionierter Radfahrer und einer von diesen Lokalpatrioten, die ihre Stadt so lieben, dass sie jederzeit herbeten können, wann Canaletto von wo aus welches Elbpanorama gemalt hat. Er fährt nicht mehr so gern zum Waldschlößchenhang, aber wenn man ihn bittet, stellt er sich auf die betonierte Terrasse und erklärt geduldig die verbliebenen Schönheiten: die Sängereiche von 1867, die Loschwitzer Schwebebahn, den Wachwitzer Fernsehturm, den Blasewitzer Waldpark ... Rechts die Plattentürme aus DDR-Zeiten passen nicht ins Bild, aber zur Waldschlößchenbrücke passen sie schon. Apropos Brücke, sagt Friedlaender, er werde gewiss auch drüberradeln, wenn er demnächst aus der Neustadt zum Konzert in den Großen Garten müsse, sei also ein künftiger Nutznießer der Brücke. "Aber ich kenne den Preis: zum Beispiel Betriebskosten, die so hoch sind wie für alle anderen Dresdner Brücken zusammen."

Vielleicht ist es Schicksal, vielleicht Zufall, welche bauliche Dummheit sich durchsetzt und welche nicht. Während wir weiterradeln, Richtung Blaues Wunder, erzählt er die Geschichte vom Lingnerschloss, dort wollte einer der SAP-Gründer vor Jahren ein Biotech-Zentrum bauen: mitten in den Schlossgarten einen riesigen Glaskasten mit einer Doppelhelix-Treppe, der Landesvater Kurt Biedenkopf hatte sie abgenickt, zum Glück scheiterte alles an einem juristischen Problem. Überhaupt, die Gründe, mit denen man das Schlimmste verhindert. Und dass man hinterher als Verhinderer verunglimpft wird. "Verhinderungsvogel" heißt heute der naturgeschützte Wachtelkönig, den es in den Elbwiesen gar nicht gab, das behauptete die Stadt. Bis ein Jurist Akteneinsicht forderte und las: Die Stadt hatte einen Bauern belangt, weil er seine Wiese an der Elbe zu früh gemäht hatte, noch in der Brutzeit des angeblich nicht existierenden Vogels.

Die Geschichte des Brückenstreits, der zum Krieg wurde, hat auch etwas Absurdes. "Bei Familienfeiern und im Sportverein war das Thema irgendwann tabu", berichten Romy und Peter Eisermann, die Galeristen vom Körnerplatz. Wir treffen sie kurz vorm Blauen Wunder, sie laden uns spontan auf ein Glas Prosecco ein. Lockere Elbhanggastlichkeit inmitten von Gemälden, ohne neue Bürgerlichkeit und altes Silberbesteck, aber mit freiem Blick zur Brücke, über der jetzt die Sonne untergeht. "Unser größter Stress ist, rechtzeitig zum Sonnenuntergang auf der Terrasse zu sein", sagen die Galeristen, die den Welterbetitel auch gern behalten hätten. Hier kann man sehen lernen! Wir bewundern von fern die dämmrige Frauenkirche.

Und plötzlich geht auf der Brücke das Licht an. Der Fledermausfuttermagnet. Großes Hallo und Geschimpfe. Aber vielleicht wird man sich auch daran gewöhnen. Das Blaue Wunder ist jedenfalls eindrucksvoll illuminiert. Wir überqueren es gegen elf Uhr, rollen auf der anderen Seite herunter und tauchen in die stockdunklen Wiesen ein. Wer das noch nie getan hat, hat etwas versäumt: sommernachts mit dem Rad durch die Stille, die aus dem Fluss aufsteigende Kühle, während die Luft unter den großen Bäumen noch ganz warm ist. Man radelt und radelt und versteht nun allmählich, was ein Welterbe ist, unvergesslich und wertvoll. In der Ferne leuchtet einem die Stadt. Wo sonst gibt es das?

Man muss einmal durchs Welterbe fahren, um die Hässlichkeit der neuen Brücke ganz zu ermessen. Denn hässlich ist sie, das sieht man jetzt auch im Dunkeln. Sie wird auch in hundert Jahren nicht schön sein, denn Schönheit entsteht ja nicht dadurch, dass Zeit vergeht. Deshalb ist Thomas Rosenlöcher vor der Brückeneröffnung nach Hiddensee in den Urlaub geflohen.

Der scheue Dresdner Lyriker, der sich an den Baum kettete und nachher Drohanrufe bekam, keine Lesungen mehr, dafür einen Shitstorm unflätiger Leserbriefe in der Lokalpresse. Wir rufen ihn auf der Insel an. Nein, sagt er, er bereue das Anketten nicht und was er darüber geschrieben habe. "Gegen die Macht kann man nicht viel machen, aber muss es doch manchmal tun. Man kann nicht immer wegkriechen." Rosenlöcher spricht dieses weiche Sandsteinsächsisch, das er selber am besten beschrieben hat in seinen grandiosen Dresden-Essays, wegen der Weichheit merkt man die Schärfe seines Urteils nicht gleich. Er sagt, die Brücke sei halt das Übliche und insofern noch schlimmer als das Hässliche. "Die gewöhnliche Hässlichkeit, die wir als das Normale verinnerlicht haben, macht uns unfähig zur Utopie." Viele Brückenbegucker sagen jetzt: Es könnte schlimmer sein! Rosenlöcher sagt: Es könnte schöner sein! Schönheit sei auch Widerstand. "Denn im Schönen liegt ein Sehnen, das will über das, was man hat, hinaus."

Na ja, aber wir wollen nicht sentimental werden, deshalb sagt Rosenlöcher, gegen die Autobegeisterung der Sachsen sei halt kein Kraut gewachsen. "Wenn die Ampel rot ist, denken die schon, sie stehen im Stau!" Vielleicht war das überhaupt der Grund für den Brückenbau, meint der Dichter: dieser fatale Sinn fürs Praktische. Dass man schnell überall rüberkommen muss. Egal wie es aussieht. Egal wie laut. Egal wie teuer. Hauptsache, rüber. Auch wenn man gar nicht weiß, wohin.