Was soll ich tun? Die Frage stellt sich, weil sich die Antwort nicht von selbst ergibt. Der Mensch kann zwischen verschiedenen Möglichkeiten wählen. Doch seiner Selbstbestimmung sind Grenzen gesetzt. Ginge man von einer vollständigen Determiniertheit unseres Handelns aus, brauchte man nach der Ethik gar nicht mehr zu fragen. Insofern handelt die Ethik von der Möglichkeit eines Lebens aus Freiheit.

Doch was ist Freiheit? Die Mehrheit der Deutschen versteht unter Freiheit die Sicherheit vor sozialer Not und vergleichbaren Lebensrisiken. Damit verbindet sich der Gedanke, frei sei, wer tun und lassen kann, was er will. Und schließlich gilt ein Mensch dann als frei, wenn er aktiv den Erfolg im Leben sucht, dafür Risiken eingeht und auch die Folgen trägt. Die wichtigsten ethischen Konsequenzen aus einem solchen Freiheitsverständnis heißen: Der Staat soll die großen Lebensrisiken absichern; im Rahmen möglichst zurückhaltender rechtlicher Regelungen soll jeder tun können, was er will; und im Übrigen ist jeder seines eigenen Glückes Schmied.

Ein solches Verständnis der Freiheit erklärt sich daraus, dass wichtige ethische Themen heute vor allem aus wirtschaftlicher Perspektive verstanden werden. Freiheit ist vor allem Wirtschaftsfreiheit. Die Freiheit von äußerer Not bildet die Voraussetzung dafür, dass jeder seine Kräfte zum eigenen Vorteil einsetzen kann. Doch die Orientierung am eigenen Vorteil ist nur ein Aspekt der Freiheit. Freiheit ist nicht nur ein Anspruch des Einzelnen im Blick auf sein eigenes Leben; sie ist zugleich ein Maßstab für den Umgang mit anderen. Freiheit ist individuell, aber nicht egozentrisch.

Freiheit und Gerechtigkeit

Niemandem kann das Recht verweigert werden, sein Leben selbst zu gestalten. Deshalb muss allen Menschen der gleiche Zugang zur Freiheit offenstehen. Nur dann ist das Streben nach Freiheit mit der gleichen Würde aller Menschen vereinbar. Man bezeichnet dies als egalitären Universalismus. Wo immer man ihm begegnet, befindet man sich zugleich im Wirkungsbereich des aufklärerischen Vernunftdenkens wie der jüdisch-christlichen Ethik. Konkreten Ausdruck findet die Sehnsucht nach Freiheit insbesondere angesichts erfahrener Unfreiheit. Das Verlangen nach Freiheit wird im Blick auf die konkreten Einschränkungen formuliert, die überwunden werden sollen. Die Unabhängigkeit von fremdem Zwang, also die negative Freiheit, und die Möglichkeit zur Gestaltung des eigenen Lebens, also die positive Freiheit, gehören unlöslich zusammen. Die Fairness gegenüber den Gesellschaftsgliedern mit den geringsten Freiheitschancen bildet einen entscheidenden Maßstab positiv verstandener Freiheit. Freiheit ist niemals nur meine, sondern schließt das Interesse an der Freiheit des anderen mit ein.

Wenn man unter Freiheit das Gefühl versteht, das eigene Leben selbst in der Hand zu haben, kann man die Grenzen nicht verkennen, die dieser Freiheit gesetzt sind. Niemand bestimmt das Datum und den Ort seiner Geburt selbst. Keiner verfügt darüber, welche Begabungen ihm in die Wiege gelegt wurden und welche Schwächen ihn ein Leben lang begleiten. Kein Mensch kann die Veränderungen seines Lebens allein bestimmen: beispielsweise die Friedliche Revolution von 1989, die auf die Lebensbedingungen in Europa einen tief greifenden Einfluss hatte; die Gesundheit, die dem einen vergönnt ist und dem anderen nicht; den Arbeitsplatz, der trotz wirtschaftlicher Krisen Bestand hat oder nicht; die Partnerschaft mit einem vertrauten Menschen, die sich als dauerhaft erweist – oder zerbricht.

Grenzen der Freiheit

Ist Freiheit eine Illusion? Diese Frage wird seit der griechischen Antike immer wieder gestellt. Freiheit ist in der Tat eine Illusion, wenn sie als absolute Freiheit verstanden wird. Die persönlichen Fähigkeiten sind genauso beschränkt wie die Mittel zum Gebrauch der eigenen Freiheit. Bestimmte Möglichkeiten zu ergreifen bedeutet stets, auf andere zu verzichten. Dass die menschliche Freiheit begrenzt ist, ergibt sich aus der Endlichkeit des menschlichen Lebens und aus den Verkehrungen, in die sich Menschen durch ihr Handeln verstricken. Indem wir handeln, müssen wir damit rechnen, dass wir auch an Personen schuldig werden. In dieser Erfahrung tritt uns vor Augen, was grundlegend das Gottesverhältnis des Menschen prägt. Vor Gott kann sich kein Mensch der Bedingtheit seiner Freiheit entziehen. Gott gegenüber nimmt der Mensch sich als ein Empfangender wahr, weil er Leben und Freiheit als Gaben Gottes empfängt. In der Dankbarkeit dafür macht er sich bewusst, dass sein Leben endlich ist und seine Freiheit bedingt. Wenn die Gabe der Freiheit den Ausgangspunkt bildet, liegt die entscheidende ethische Aufgabe darin, die geschenkte Freiheit zu bewahren und zu bewähren.