ZEIT: Jeder kann sich einen Anwalt nehmen und seine Anliegen in geordneter Form zu Gehör bringen. Warum setzt einer sich stattdessen hin und schreibt Konvolute, in denen er Verschwörungstheorien ausbreitet, die einen absurden Bogen von Idi Amin bis zur Nürnberger Waffenfirma Diehl schlagen?

Strate: Ich weiß nicht, an welche Konvolute Sie denken, ich habe diese Papiere nicht vor Augen. Nur das, was er beschrieben hat mit den Geldverschiebegeschäften, und da kann man absolut nachvollziehen, dass er sich damit an immer höhere Adressen gerichtet hat. Das Kofi-Annan-Schreiben und ein Brief an den Papst, das waren private Schreiben.

ZEIT: Privat vielleicht, aber auch stark verwunderlich.

Strate: Ich würde nicht an Kofi Annan schreiben, aber trotzdem kann man das machen. Daraus leite ich keine Verrücktheit her.

ZEIT: Wir können immer noch nicht den größten Schwarzgeldskandal aller Zeiten ausmachen, den Mollath angeblich aufgedeckt haben will. Und zu den wirren Briefen kam auch ein menschlich ungewöhnliches Verhalten. Mollath hat sich in seinem Haus hinter heruntergelassenen Rollläden verschanzt, er ist mit einer Zahnbürste als Einstecktuch im Prozess erschienen.

Strate: Lassen Sie uns erst mal bei dem Aktenordner mit den Papieren bleiben, über die sich später die Gutachter hergemacht haben. Den Ordner hat er vor Gericht überreicht in einer Verhandlung, wo er ohne Anwalt war. Von einem Anwalt hatte er sich vorher getrennt. Ich weiß nicht, warum, ich habe ihn dazu nicht befragt. Ich komme mit ihm klar, und wenn andere Anwälte mit ihm nicht klargekommen sind, dann interessiert mich das nicht. Im September 2003 kam er in diese Hauptverhandlung und brachte den Aktenordner mit. Auf den sieben Seiten stellte er sein Leben und den Konflikt mit seiner Ehefrau dar. Da gibt es auch eine Äußerung zu den körperlichen Auseinandersetzungen, dass er sich gewehrt hat, als sie ihn angegriffen hat. Das hatte alles Sachbezug zur Anklage. Aber er hatte offenbar gedacht, wenn sich ein Amtsgericht schon mit so einem Vorfall befasst, befasst es sich auch mit seiner Persönlichkeit. Und dazu hat er diesen Ordner verfasst, der ausführt, welche Schicksalsschläge er erlitten hat. Man muss Geduld haben, um sich das durchzulesen. Es sind Dokumente dabei, die wunderlich erscheinen. Man kann auch wirr sagen. Aber ich urteile nicht über Menschen, indem ich sie gleich für verrückt erkläre, bloß weil sie ein Mitteilungsbedürfnis gegenüber dem falschen Adressaten haben.

ZEIT: Aber alles zusammen: die Gesamterscheinung, seine Briefe, sein Auftreten, die Zahnbürste als Einstecktuch, schuf schon den Eindruck, da könnte einer nicht alle Tassen im Schrank haben.

Strate: Was sind die Quellen für die Zahnbürste? Es wurde auch behauptet, Mollath habe irgendwelche Texte aus Protokollen der Nürnberger Prozesse vorgetragen. Was ist die Quelle dafür?

ZEIT: Sein damaliger Anwalt.

Strate: Ich wüsste nichts davon, aus dem Gerichtsprotokoll kann ich dazu nichts entnehmen.

ZEIT: Wir entnehmen es dem Interview in der Nürnberger Zeitung, das dieser Anwalt vor einigen Monaten gegeben hat.

Strate: Mollath bestreitet, dass es eine derartige Verlesung gegeben hat.

ZEIT: "Ich trete aus dem Rechtsstaat aus", dieser Mollath-Satz steht im Gerichtsprotokoll.

Strate: Auch das hat er nicht gesagt, es steht aber tatsächlich im Protokoll.

ZEIT: Es gibt also eine große Verschwörung, alle haben sich geirrt, bloß Herr Mollath nicht.

Strate: Wenn Sie sich diese Protokolle anschauen von Amtsgerichtsverhandlungen, sie sind absolut liederlich oder sehr verkürzend. Wenn da drinsteht: "Ich trete aus dem Rechtsstaat aus", dann mag das eine Zusammenfassung dessen sein, was er gesagt hat. Er bestreitet aber, das so gesagt zu haben.

ZEIT: Dasselbe mit der Festnahme, als er die Beamten als Nazi-Polizei beschimpfte.

Strate: Das ist Beweiswürdigung beschriebenen Papiers. Der Beamte ist vor Gericht nicht gehört worden.

ZEIT: Im Protokoll steht: "Ich trete aus dem Rechtsstaat aus" – kann sein, dass es eine Verkürzung ist, kann auch anders sein. In dem Bericht der beiden Wachtmeister steht: "Das ist eine Nazi-Polizei." Kann sein, dass die sich das ausgedacht haben, kann aber auch sein, dass die Worte so gefallen sind. Im Protokoll seiner Abholung steht, er habe sich hinter heruntergelassenen Rollläden verschanzt und im Zwischenboden seines Hauses versteckt. Kann wiederum sein, dass das einfach reingeschrieben wurde, kann aber auch wahr sein. Es kommt schon einiges zusammen, finden Sie nicht?

Strate: Selbst wenn es so wäre, selbst wenn er die Beamten als Nazi-Polizei bezeichnet hat, dann sind das Ausfälle, aber keine Verrücktheit.