Strate: Ich würde mir wünschen, dass meine Kollegen sich stärker auch für vergessene Untergebrachte engagieren. Wir müssen alle unser Geld verdienen, aber was ich im Moment erlebe, ist wenig erfreulich. Viele der älteren Kollegen, die als junge Rechtsanwälte durch die Stahlbäder der Schwurgerichtsprozesse gegangen sind, verdienen ihr Geld nun mit lukrativen Wirtschaftsstrafsachen. Die jüngeren Kollegen, wenn sie halbwegs intelligent sind, was machen die als Erstes? Sie drucken Visitenkarten, wo draufsteht "Wirtschaftsstrafrecht". Die Botschaft lautet: Bitte verschon mich mit Mandaten, die kein Geld bringen. Ich kenne noch ein paar Kollegen, die sich engagieren, aber das Gefühl dafür, dass man auch die erste Silbe in der Berufsbezeichnung, Rechts-Anwalt, ernst nehmen muss, ist leider nicht mehr sehr verbreitet. Dabei gäbe es einiges zu tun, um Licht in die Dunkelkammern der psychiatrischen Kliniken zu tragen.

ZEIT: Hat der Fall Mollath auch etwas mit Bayern zu tun – außer dass er da zufällig spielt?

Strate: Kann schon sein. Die Zahl der Einweisungen ist in Bayern besonders hoch, sie liegt erheblich über dem Bundesdurchschnitt.

ZEIT: Und die Zahl der Urteilsaufhebungen durch den Bundesgerichtshof ist besonders gering.

Strate: Das noch zusätzlich. Aber auch die Aufregung ist typisch für Bayern. Was ich jetzt dort erlebt habe, war begeisternd. Die Bayern leisten Widerstand. Die Mollath-Geschichte hat viel aufgerührt, weil gerade die Bayern sich furchtbar über so was aufregen können.

ZEIT: Die bayerischen Verteidiger sollen ja eher schüchtern sein.

Strate: Die Mehrzahl von ihnen ist freundlich bis zur Servilität. Mannhaften Widerstand bei Gericht habe ich dort lange nicht mehr erlebt.

ZEIT: Vielleicht bringt er ja auch nichts.

Strate: Er bringt nichts, weil die Richter nicht gefordert werden. Man muss Richter aber herausfordern, dann werden sie gut. Und das tun die bayerischen Kollegen zu selten.

ZEIT: Wie beurteilen Sie Mollaths Aussichten in der neuen Hauptverhandlung? Wird er freigesprochen werden?

Strate: Das kann ich nicht sicher sagen. Ich erwarte allerdings, dass in einem rechtsstaatlichen Verfahren von dem alten Urteil nichts übrig bleibt. Es wird letztlich Aussage gegen Aussage stehen, und das Gericht wird auch die Motive von Aussagen sorgfältig prüfen.

ZEIT: Frau Mollath dürfte in der erneuerten Hauptverhandlung bei ihrer belastenden Aussage bleiben, die Frage ist nur, ob sie sich trauen wird, vor Gericht aufzutreten, wenn da schon der Gustl-Fanclub sitzt. Freuen Sie sich darüber?

Strate: Ach was! Ich würde mir verbitten, dass ein tobendes Publikum sich in einem Saal befindet, in dem ich verteidige – egal auf wessen Seite es steht. Wenn das passiert, verlasse ich den Raum. Ich erwarte das aber nicht. Ich gehe jedoch davon aus, dass Frau Mollath von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch machen wird. Das ist der einfachste Weg.