In einem Häuschen in der Gávea, in der vornehmen Südzone von Rio de Janeiro, sitzt ein zorniger Amerikaner und schimpft auf die Welt. Am liebsten tut er das auf Twitter, wo er sich morgens schon ab sechs Uhr zu Wort meldet. "Sie sind ein Idiot!", hat er einen Kritiker einmal beschimpft. Mit anderen lässt er sich auf rhetorische Scharmützel ein, dann wieder gibt er Erklärungen wie diese ab: "Die USA und Großbritannien stecken Whistleblower ins Gefängnis – und bezeichnen Journalisten als Kriminelle!" Greenwald arbeitet mit dem NSA-Whistleblower Mitarbeiter Edward Snowden zusammen, er hat ihm Material für viele Artikel geliefert.

240.000 Menschen haben Glenn Greenwalds Kurznachrichten abonniert. Und spätestens seit Sonntagmorgen ist der bissige Twitterer, Blogger und Guardian-Kolumnist noch bekannter als vorher: Medien aus aller Welt zeigten ein Bild von Greenwald und seinem Lebensgefährten David Miranda am Flughafen von Rio: Miranda war zuvor fast neun Stunden lang auf einem Zwischenstopp in London von der Polizei über Greenwalds Arbeit befragt worden. "Ein gescheiterter Versuch, mich einzuschüchtern", sagt Greenwald. Dieses Verhör werde den Briten noch leid tun, fügt er hinzu, denn auch über deren Geheimdienste habe er viel Material. Einige Medien ließen sich daraufhin zu der Schlagzeile "Greenwald droht mit Vergeltung" hinreißen.

Das zeigt, wie sehr Greenwald – 46 Jahre alt, in New York geboren und früher Anwalt für Verfassungsfragen – mittlerweile nicht nur Journalist ist, sondern selbst Gegenstand der NSA-Geschichte. Vielleicht war das kaum zu vermeiden: Er ist seit Jahren ein scharfer Geheimdienstkritiker, der Bücher mit Titeln wie "Amerikanische Werte verteidigen vor einem Präsidenten, der Amok läuft" oder "Die großen Amerikanischen Heuchler" veröffentlicht hat.

Er ist einer der wenigen Vertrauten von Edward Snowden, dem nach Russland geflüchteten Ex-NSA-Mitarbeiter. Die beiden chatten ab und zu über eine verschlüsselte Verbindung miteinander. Greenwald sagt, dass er von Snowden Zugang zu über 20.000 Geheimdokumenten erhalten habe. Er erwähnt das gern.

Doch Greenwalds Prominenz widerspricht einem Rat, den er Snowden einmal selbst gegeben hat: Es sei gut, dass der sich "bewusst" nur selten zu Wort melde. Der Fokus sollte auf der Sache bleiben – auf der NSA und anderen Geheimdiensten.

Vermutlich ein guter Rat. Jemand wie Greenwald – leidenschaftlich im Einsatz für sein Thema, reizbar und ein wenig eitel – macht notgedrungen ab und zu Fehler. Wenn kleinste Details in seinen Darstellungen nicht stimmen, richtet sich die Kritik in Kolumnen, Fernsehdebatten und im Internet schnell gegen ihn persönlich. Er selbst findet das unvermeidbar. "Es ist ja nicht meine Schuld, dass sie meinen Partner verhört haben", sagt er. "Und es ist durchaus Teil der Geschichte, wie gegen den Journalismus und gegen Journalisten vorgegangen wird."

Man muss Greenwalds Selbstinszenierung wohl auch als Schutz seiner eigenen Person verstehen. In Brasilien – wo er vor acht Jahren David Miranda kennenlernte, mit dem er nun verheiratet ist – hat er kürzlich einen dramatischen Auftritt vor einem Senatsausschuss hingelegt. Auf Basis der Snowden-Dokumente behauptet er: Brasilien, seine Hightech-Unternehmen und Vertretungen stünden stark im Fokus der US-Spionage. Im Gegenzug sagte ein brasilianischer Regierungsvertreter ihm "Schutz" zu – wobei vage blieb, was das zu bedeuten habe.

Würde er denn eines Tages Asyl beantragen und den USA für immer fernbleiben? "Ich habe darüber noch nicht nachgedacht", wiegelt er ab.