Sich total anstrengen ist totaler Quatsch – Seite 1

Wir sind hier hinter einem großen Holztor, bei ihm Zuhause, irgendwo auf Pferdekoppeln zwischen Essen und Mülheim, wo der Künstler sich als ganz jemand anderes herausstellen könnte als der, der er auf der Bühne, in seinen CDs, Büchern und Filmen ist, aber das ist ja Quatsch – es gibt natürlich nur den einen Helge Schneider, und der ist jetzt gerade, auf rührend aufwendige und umständliche Weise, damit beschäftigt, dieses Interview zu torpedieren. Er setzt sich an den Küchentisch, steht auf, setzt sich wieder hin. Er hantiert noch mal an der sehr gut und teuer aussehenden Espressomaschine herum. Er wischt den Lampenschirm mit einem feuchten Lappen ab. Er hält einem die Fünfziger-Jahre-Biografie von Grock, dem König der Clowns, hin ("Hier, guter Mann"), dann guckt er einen Emaillekerzenhalter schief von der Seite an und sagt den so schönen wie gänzlich sinnfreien Satz: "Wenn jemand mal nachts auf Toilette muss, die Kerze ist leider alle."

Dieser Helge Schneider hat einen Journalisten und einen Fotografen zu sich nach Hause eingeladen und ist jetzt offenbar nicht sicher, ob das eine so gute Idee war. Ansprache aus diesem so beeindruckend ernst, offen und freundlich guckenden Helge-Schneider-Gesicht: "Hey! Habe ich euch etwa eingeladen? Das ist ja verrückt!" Er sitzt jetzt wieder, legt die Hände auf den Küchentisch, sagt die Sätze, die kluge Künstler schon oft gesagt haben: "Der Künstler spricht, weißte? Finde ich doof. Die Leute meinen immer, sie müssten einen privat kennenlernen, und dann wissen sie auch, warum man welche Kunst macht. Das stimmt aber nicht. Das Private hat mit der Kunst nur bedingt etwas zu tun."

Zu Besuch bei ihm, dem großen Helge, genialen Alleskönner und – Hoppla – Gesamtkunstwerk, dem Jazzvirtuosen, Autorenfilmer, Schriftsteller, dem Wurstbonbonkoch, der singenden Herrentorte, dem König der deutschen Clowns oder, ganz einfach, dem mittlerweile vielleicht beliebtesten deutschen Popstar: Vor zwanzig Jahren hatte er mit dem Gaga-Song Katzeklo den Durchbruch; heute ist er längst eine Art Superliebling der Deutschen. Hieß es früher "Mit dem Helge Schneider kann man entweder gar nichts anfangen, oder man liebt ihn", so müsste es heute heißen: "Den Helge haben einfach alle gerne." Neulich saß der Popstar bei einer Talkshow mit dem FDP-Gesundheitsminister und der Schauspielerin Uschi Glas. Dem Gesundheitsminister erklärte Helge, dass er gegen Darmspiegelung zur Krebsfrüherkennung nichts einzuwenden habe, sich der Untersuchung persönlich aber lieber nicht unterziehen wolle; stattdessen verzichte er seit Jahren auf das Tragen von Strümpfen ("Alle sind krank, nur ich nicht, weil ich barfuß laufe"). Selten spürte man ein Saalpublikum einem deutschen Star so viel Sympathie, Zustimmung, Wohlwollen entgegenbringen. Uschi Glas richtete dem Popstar die Grüße ihrer Kinder aus: "Die lieben dich."

Beim Guten-Tag-Sagen ("Tach, ich bin der Helge") ist dann auch gleich klar, dass man es mit jenem lockeren, unprätentiösen, rundherum angenehmen Menschen zu tun hat, den man erwartet hat. Dieser Helge, bald 58, ist ein schlanker, mittelgroßer, gut aussehender Mann: die merkwürdig zu großen Augen im schmalen Gesicht. Er trägt irgendwas, zu dem man schwer etwas sagen kann (oben Blau, unten Blau, beides weit) und braune Crocks, die Plastiksandale des deutschen Prekariats. Sein gekonnter Penner-Stil (ein bisschen muss Helge aufpassen, dass er mit dem Vollbart und den langen Haaren auf seine alten Tage nicht plötzlich wie die Hipster in den Berliner Kaffeebars aussieht). Die angenehm tiefe Stimme. Er fängt die Sätze gerne mit den Floskeln "Keine Ahnung" und "Nö, versteh ich nicht" an. Wir sind auch deshalb bei ihm zu Besuch, weil vor einigen Wochen Helge Schneiders neue CD Sommer, Sonne, Kaktus! erschienen ist (die Platte kletterte diese Woche auf Platz eins der deutschen Albumcharts), im Oktober kommt dann der neue Film 00 Schneider – im Wendekreis der Eidechse in die Kinos.

Es sind die erste Helge-Schneider-CD und der erste Helge-Schneider-Film seit sieben Jahren – es gäbe also viel zu besprechen, herauszufinden und gemeinsam zu entschlüsseln im merkwürdig verspulten Kunstkosmos des Helge Schneider: Hört er, wie nervtötend und quälend schlecht seine neue Single Sommer, Sonne, Kaktus! klingt? Oder hat er diesen doch irgendwie herrlichen Ohrwurm mit dem selbst für Helge-Schneider-Verhältnisse selten dämlichen und schlampigen Text ("Never never go to work/ Lieber plantschen und sich anziehen fein / Look the girls on the Po/ By the tolle sunshine") extra als Albumöffner und erste Single festgelegt, um die Latte für den Rest des Albums tief zu legen und die immer viel zu schnell begeisterten Kritiker zu ärgern? Nächste Frage: Ist ihm klar, dass ihm mit seiner Version von Judy Garlands Somewhere Over the Rainbow etwas Großes, mit seiner Fassung von Sammy Davis Jr.’s Mr. Bojangles aber einer der schmerzhaft schönsten und berührendsten Songs der, keine Ahnung, letzten dreißig Jahre gelungen ist? Wie schätzt er das ein – ist ihm mit dem neuen 00 Schneider- Film einmal ein einfach guter oder, was ja auch allerhand wäre, wieder ein gekonnt schlechter Film gelungen? Helge guckt. Grinst. Winkt ab. Spricht: "Pass auf, ich sage dir da später was zu. Okay?" Okay, natürlich.

Er tastet, swingt, improvisiert, er macht es aus der Hüfte

Ein Gedanke kommt dem Interviewer, als er diesen so ernsten und in sich ruhenden Mann am Küchentisch betrachtet, der sich dem allzu direkten Spiel von Fragen und Antworten verweigert: Die Art, wie Helge Schneider dieses Interview angeht, ist natürlich genau die Art, wie er seine Künste, die Musik, die Bühnenshow, das Kino betreibt – als Jazzer: Er tastet, swingt, improvisiert, er macht es aus der Hüfte. Ein viel gepriesenes Talent des Musikers und Showmanns Helge Schneider besteht darin, dass er genau weiß, wann er eine Pause setzt und wie lange diese Pause dauern darf: Timing. Manchmal sind es unendlich lange Pausen, aber sie sind, im Endeffekt, eben doch nie eine Sekunde zu lang. Wie schön: Es wird also in jedem Fall ein aufregender Nachmittag bei ihm zu Hause. Vielleicht passiert etwas, vielleicht auch nichts.

Wir dürfen jetzt ein bisschen durch Helges Haus und Garten spazieren (wir sind ja angeblich die ersten Journalisten, die sich bei ihm zu Hause umgucken dürfen, aufregend). Das Haus sieht von außen natürlich nicht nach Popstar, eher nach Handwerker in Rente aus: ein Holzhaus aus den fünfziger Jahren mit Balkon, Garten, offener Garage. Hinter dem Garten, noch auf Helges Grund, grasen die Schafe. Früher war das Haus eine Kneipe. Eine sagenhafte Krambude. Es sieht bei Helge Schneider zu Hause noch ramschiger und unaufgeräumter aus als auf seinen Plattencovern. In der Garage stehen ein neuer Ford Mustang (Helge sammelt Autos und Motorräder) und das berühmte 250er BMW-Motorrad mit Beisitzer (auf dem Booklet der neuen CD fährt er auf der Maschine durch die andalusische Wüste). Im Garten hat sich viel famoser Mist angesammelt: Kübel, Kannen, ein kupferner Pferdekopf, die Emailletafel "Rotbäckchen für alle Kinder", kaputte Gartenmöbel, vom Balkon zu einem verrosteten Pavillon ist eine Wäscheleine gespannt. Im Haus: mehr Kram, Klaviere, Orgel, Gitarren, ein Acryl-Bild von Udo Lindenberg, ein Rambo-Spiegel, seine ganz schön scheußlichen, selbst gemalten Ölbilder. Lustig, es sieht bei Helge zu Hause wie bei einer wirren Omi aus. Wie würde er, der Hausherr, diesen Einrichtungsstil beschreiben? Helge: "Ja, Puppenstube." Das passt. Helge telefoniert jetzt ein bisschen. Dann kommt Erwin, der Roadie, der seit 30 Jahren die Technik auf Helges Tourneen stellt, und es muss getestet werden, ob eine Aluminiumrampe zum Verladen großer Instrumente in einen Mercedes-Bus passt. Lustige Szene, als der Besucher auf den nassen Holzbohlen der Terrasse fast ausrutscht. "Ja, das ist voll glatt, wollte ich dir noch sagen", sagt Helge. Und lacht. Es ist, so herum gelaufen, dass der Gast erst ausrutscht und der Gastgeber dann davor warnt, dass es glatt ist, natürlich eine schon fast klassische Clownsnummer.

Es können dann plötzlich doch sehr konkret Fragen beantwortet werden – einfach deshalb, weil es nach zwei Stunden Abhängen blöd wäre, sich nicht doch mal einen Moment lang konzentriert zu unterhalten, und weil das Feeling jetzt richtig dafür ist. Okay. Wir sitzen wieder am Küchentisch. Und der Jazzer Helge swingt. Er hängt mehr unterm Tisch, als dass er am Tisch sitzt. Sein Ruhrgebiets-Singsang: Er spricht die wunderbar schiefen Helge-Schneider-Sätze, die gerade deshalb so auf den Punkt kommen, weil nichts in ihnen stimmt. Im Sprechtheater des Helge Schneider ist das Wegducken wichtig, das Offenlassen, die Sinn- und Bedeutungsvermeidung. Die neue Single? "Ja klar, die ist ein bisschen blöd. Obwohl, ich weiß das gar nicht. Ist die nicht auch lustig?" Freundlich lachender Helge: "Hehe". Ist Sammy Davis Jr. ein Großer? "O ja, das ist ein guter Freund." Fragen nach dem Sound: Wie kriegt man diesen wunderbar rohen, klapprigen, kaputten Sound hin? "Keine Ahnung. Aber kaputt, das klingt gut." Wie immer hat er alle Instrumente der neuen CD selbst eingespielt, hier in seinem Haus in Mülheim und in seinem Ferienhaus im spanischen Almería: "Ich kann meiner Band nicht erklären, wie ich das haben will. Das kann man nicht verlangen." Ist es eine depressive Platte geworden?" Klares Nein: "Sentimental, vielleicht. Melancholisch, ja." Und Helge Schneider fügt hinzu: "Musik war bei mir ja nie nur lustig. Selbst Katzeklo ist ein Drama, ein rhythmisches, ein harmonisches Drama."

Bisschen durchs Haus laufen: Nicht sitzen, während man gekonnt aneinander vorbeiredet, ist gut. Wir müssen jetzt das Großthema Stimmen verhandeln – auf der neuen CD sind mindestens fünf verschiedene Stimmtypen zu hören, die Katzeklo- Blödelstimme, der Crooner, der Flamencosänger, der Scat-Gesang-Virtuose, das Blues-Reibeisen. Es ist ein fast schon nervtötend hochbegabtes, virtuoses, vielseitiges Stimmtheater, was er da auf der neuen CD aufführt. Was soll die typische Helge-Quetschstimme, mit der er zum Beispiel das Wort "Kaktus" singt? "Ich finde das lustig. Das ist wie Kermit, der Frosch, oder Willi von Biene Maja. Jeder Komiker hat doch noch eine andere Stimme." Muss ein Stimmakrobat wie Helge das Schönsingen extra vermeiden, damit es gut klingt? "Nein. Ich finde, auf To Be a Man singe ich schön." Wegsingen? "Jaja, das ist ganz wichtig. Man darf der Stimme nicht zu viel Raum geben." Ein gute Stimme, erklärt Helge, sei ein erzählender Rhythmiker: "Bei Frank Sinatra wird das deutlich." Im Nachdenken über den idealen Gesang fällt nun der schöne Begriff der sachlichen Stimme. Sachlich singen: kein unnötiges Trara machen, das singen, wovon der Song handelt. "Sachlich singen ist gut", schwärmt Helge, "ich bin für einen sachlichen Existenzialismus." Bill Haley sei ein sachlicher Sänger gewesen. Weitere sachliche Sänger, die Helge hoch schätzt, sind Sammy Davis Jr., Frank Sinatra, Elvis, Tony Bennett.

Wir stehen jetzt neben seiner Heimorgel, auf der die CD Romantic Campfire des singenden Cowboys Fred Rai und die Michael-Jackson-Platte Off The Wall liegen. Der Interviewer erklärt dem Star noch einmal wortreich, wie er, Helge, den uralten Gassenhauern Mr. Bojangles und Somewhere Over the Rainbow neues Leben einhaucht – eben weil er nicht schön singt, sondern beide Songs so grandios lässig verhunzt. Peinlicher Moment: Was soll er da auch sagen? Der Song ist, wenn es gut läuft, klüger als der Sänger. Swing, Leichtigkeit, Unangestrengtheit – sind diese Dinge, wie die Jazzer sagen, am anstrengendsten herzustellen? Großes Helge-Grinsen. Er stützt sich mit einer Hand auf die Hammondorgel: "Nö. Das Unangestrengte ist bei mir echt unanstrengend." Frage an den Jazzer Helge: Sind CDs und Filme in seinem Werk nicht ein Widerspruch, weil sie den Swing der Improvisation konservieren, festsetzen, einfrieren? Missmutige Blicke. Das ist jetzt exakt der Moment, in dem der Künstler seine Kunst analysieren soll, und da hat er keinen Bock drauf. Jaja. Und: Ja, nee. Das Live-Spielen bleibe natürlich die Königsdisziplin.

Und wieder einhalten mit dem Bedeutungsvolle-Dinge-Sagen. Lustig, man kann sich mit diesem Musiker sehr gut in einem Raum aufhalten, ohne sich gewichtige Dinge zu sagen. Helge hantiert in seiner Küche herum. Er kommt jetzt auf sein Ferienhaus in Spanien zu sprechen ("Ich überlege, ob ich da ganz hinziehe, dann können mich alle mal"), auf Geld ("Ich habe viel verdient, aber auch viel ausgegeben"), die ZDF-Fernsehtalkshow Helge hat Zeit, die er nach zwei Folgen aufgegeben hat ("War nicht mein Ding") und, natürlich, die Frauen: "Lass mich bloß in Ruhe" (Helge hat sechs Kinder von vier Frauen und vier Enkelkinder). In seiner Disziplin, dem Themen-Antippen-und-eben-nicht-zu-Ende-Besprechen, liegt eine tolle Musikalität.

Sein neuester Film, ein "Abriss der Gesellschaft"

Bei unserem ersten Treffen in Berlin vor ein paar Wochen hatte Helge vorgeschlagen, dem Interviewer Mülheim zu zeigen, die Ruhrgebietsstadt, in der er geboren ist und die er bis heute nicht verlassen hat. In Guten Tach. Auf Wiedersehen, seiner Biografie von 1992, beschreibt Helge Schneider, anrührend zu lesen, wie er in den siebziger Jahren im heißesten Café der Stadt, einer Filiale von Eduscho, herumstand und den Leuten beim Quatsch-Erzählen zuhörte – Material für die Sketche, die der Komiker später auf der Bühne erzählen würde. Im Toyota Hybrid gleiten wir durch Mülheims Innenstadt. Für die Augen, die an den renovierten und bunt gestrichenen Osten Deutschlands gewöhnt sind, ist es eine gespenstisch graue, baumlose, zubetonierte Welt. Helge beklagt das Sterben der Innenstadt und die Ausbreitung der Discount-Märkte am Stadtrand. Den Eduscho-Laden? Gibt’s längst nicht mehr: "Da ist jetzt irgendein Ein-Euro-Shop drin, der Polyester-Halstücher verkauft." Beim Anblick eines wirklich finster aussehenden, postmodernen Sparkassen-Gebäudes aus den nuller Jahren führt Helge eine überraschend unironische und kapitalismuskritische Generalanklage: "Banken! Versicherungen! Alles wird zu Geld. Ist doch zum Kotzen hier. Was soll denn das?" Der am Autolenkrad möchte jetzt noch mal auf seinen neuen Film 00 Schneider – Im Wendekreis der Eidechse zu sprechen kommen, der in weiten Teilen bei den sogenannten kleinen Leuten in Duisburg spielt: Der Film sei natürlich auch ein "Abriss der Gesellschaft". Interessant. Ein Abriss der Gesellschaft. Echt wahr? Inwiefern? Helge muss sofort lachen, als er die Formulierung "Abriss der Gesellschaft" auf ihn zurückfallen hört. Und jetzt hebt der große Komiker zu einem seiner wunderbaren Blindtexte an, denen nicht zu widersprechen ist, weil man sie nicht verstehen, höchstens erfühlen kann: "Pass auf: schnelllebige Zeit. Alles übertrieben. Das ist alles so belanglos. Menschenschicksale interessieren ja eigentlich gar nicht. Es interessiert nur: Werbung, aufgebauschte Themen, erfundene Dinge."

Wir sind dann noch eine Pizza essen gegangen. Nachdenken über den sympathischen Typen, der da mit dem italienischen Kellner seine kleinen, unbedeutenden Witze reißt (der Kellner heißt Toto und hat in Helges Film einen Cameo-Auftritt als Polizist). Man wird an so wunderbare Dinge erinnert, wenn man sich auf die Kunst des Helge Schneider einlässt: dass man es immer noch mal anders sehen und anders sagen kann; dass sich total anstrengen ein totaler Quatsch ist; dass es auch ohne blöde Karriere geht. Das ist eine radikale und eine tröstliche Botschaft.

Und auf eine beiläufige, unstressige Art gingen uns beim Pizzaessen die Gesprächsthemen aus. Es gab nichts mehr zu sagen. Alles, was gesagt werden konnte – es lag in diesem grandios schlechten Film und in dieser grandios guten, neuen Platte.