Bei unserem ersten Treffen in Berlin vor ein paar Wochen hatte Helge vorgeschlagen, dem Interviewer Mülheim zu zeigen, die Ruhrgebietsstadt, in der er geboren ist und die er bis heute nicht verlassen hat. In Guten Tach. Auf Wiedersehen, seiner Biografie von 1992, beschreibt Helge Schneider, anrührend zu lesen, wie er in den siebziger Jahren im heißesten Café der Stadt, einer Filiale von Eduscho, herumstand und den Leuten beim Quatsch-Erzählen zuhörte – Material für die Sketche, die der Komiker später auf der Bühne erzählen würde. Im Toyota Hybrid gleiten wir durch Mülheims Innenstadt. Für die Augen, die an den renovierten und bunt gestrichenen Osten Deutschlands gewöhnt sind, ist es eine gespenstisch graue, baumlose, zubetonierte Welt. Helge beklagt das Sterben der Innenstadt und die Ausbreitung der Discount-Märkte am Stadtrand. Den Eduscho-Laden? Gibt’s längst nicht mehr: "Da ist jetzt irgendein Ein-Euro-Shop drin, der Polyester-Halstücher verkauft." Beim Anblick eines wirklich finster aussehenden, postmodernen Sparkassen-Gebäudes aus den nuller Jahren führt Helge eine überraschend unironische und kapitalismuskritische Generalanklage: "Banken! Versicherungen! Alles wird zu Geld. Ist doch zum Kotzen hier. Was soll denn das?" Der am Autolenkrad möchte jetzt noch mal auf seinen neuen Film 00 Schneider – Im Wendekreis der Eidechse zu sprechen kommen, der in weiten Teilen bei den sogenannten kleinen Leuten in Duisburg spielt: Der Film sei natürlich auch ein "Abriss der Gesellschaft". Interessant. Ein Abriss der Gesellschaft. Echt wahr? Inwiefern? Helge muss sofort lachen, als er die Formulierung "Abriss der Gesellschaft" auf ihn zurückfallen hört. Und jetzt hebt der große Komiker zu einem seiner wunderbaren Blindtexte an, denen nicht zu widersprechen ist, weil man sie nicht verstehen, höchstens erfühlen kann: "Pass auf: schnelllebige Zeit. Alles übertrieben. Das ist alles so belanglos. Menschenschicksale interessieren ja eigentlich gar nicht. Es interessiert nur: Werbung, aufgebauschte Themen, erfundene Dinge."

Wir sind dann noch eine Pizza essen gegangen. Nachdenken über den sympathischen Typen, der da mit dem italienischen Kellner seine kleinen, unbedeutenden Witze reißt (der Kellner heißt Toto und hat in Helges Film einen Cameo-Auftritt als Polizist). Man wird an so wunderbare Dinge erinnert, wenn man sich auf die Kunst des Helge Schneider einlässt: dass man es immer noch mal anders sehen und anders sagen kann; dass sich total anstrengen ein totaler Quatsch ist; dass es auch ohne blöde Karriere geht. Das ist eine radikale und eine tröstliche Botschaft.

Und auf eine beiläufige, unstressige Art gingen uns beim Pizzaessen die Gesprächsthemen aus. Es gab nichts mehr zu sagen. Alles, was gesagt werden konnte – es lag in diesem grandios schlechten Film und in dieser grandios guten, neuen Platte.