Wie viel muss man über eine Autorin wissen, bevor man ihr Werk in den Himmel lobt? Muss man beispielsweise, um Aléas Ich, den zweiten Roman von Aléa Torik, für absolut großartig zu halten, wissen, dass es sich bei der Autorin nicht um eine 30-jährige Rumänin handelt, wie der Klappentext vorgibt, sondern um den 1966 in Essen-Frintrop geborenen Claus Heck? Wer die leidige Frage nach der Relevanz des Autors für eine Fingerübung literaturwissenschaftlicher Seminare hielt, wird mit diesem Buch zurück in die Uni geschickt. Und zwar buchstäblich: Aléas Ich beginnt und endet in der Zentralbibliothek der Berliner Humboldt-Universität.

Hier sitzt die Erzählerin Aléa Torik und verhandelt die alte Frage nach dem erfundenen, dem erschriebenen Ich noch einmal neu – und zwar in einem rasanten Vexierspiel. Aléa schreibt gleichzeitig an einem Roman und einer Dissertation über die Theorie der Fiktionalität, beides betreut vom Literaturwissenschaftler Josef Vogel. Mit ihm führt Aléa Gespräche, die etwa so verlaufen:

"›Frau Torik?‹

Ich drehte mich noch einmal um.

›Ja?‹

›Das machen Sie doch nicht, oder?‹

›Sie in meinem zweiten Roman darstellen? Das würde ich doch nie tun!‹"

Natürlich tut sie es doch, sie ist ja schon dabei, ist gleichzeitig Autorin, Erzählende und erzählte Person. Das Prinzip ist einfach und macht doch schwindelig: Der Roman heißt Aléas Ich. Der Leser schaut während der Lektüre dem Text, den er als fertigen in Händen zu halten meint, tatsächlich schon beim Entstehen zu. Was Aléa über ihr Leben schreibt – ihre Kindheit in Rumänien, ihre Einsamkeit in Berlin –, entlarvt sie im nächsten Augenblick als Erfindung ihres Romans. Die Ebenen fließen ineinander und bleiben doch erstaunlich plausibel. Man reist gern zurück in ihre Heimat Siebenbürgen, verliebt sich wie sie in den schwulen Lauritz und hofft bis zuletzt, dass er sie ein einziges Mal begehrt. Kann Aléa da nicht was machen? Urplötzlich brechen die Ebenen dann auf. Lauritz, ach, den gibt es gar nicht?

Alles ist Fiktion an diesem Text, doch die größte ist die Autorin selbst. Sie musste ja erst erfunden werden von Claus Heck, der unter seinem eigenen Namen jahrelang keinen Verlag fand, nie ein Stipendium erhielt, zu keinem Wettbewerb eingeladen wurde. Schließlich entschied er sich, das Claus’sche Ich sterben zu lassen und als junge Migrantin ein Blog zu starten, in dem Leser mit ihr über Literatur diskutieren konnten. Aléa Torik nannte er sich, wörtlich: eine "Zufallsmethode". Und plötzlich fand sich auch ein Verleger. Das Ganze klingt selbst wie ein Romanplot, tatsächlich kann man sich nie sicher sein, wo bei diesem Buch das Geschriebene aufhört und zur Wirklichkeit wird. Darum geht es ja: dass Literatur nicht zwischen zwei Buchdeckeln stattfindet, sondern über sich selbst hinausreicht.

Das Prinzip erklärt die brüchigen Figuren: Frauen, die von Dächern fallen, ohne unten anzukommen, Verfolger, die verfolgt werden – mittendrin die schreibende Aléa. Das hier ist Literaturtheorie in Romanform, nicht akademisch, aber doch durchwirkt von postmodernem Denken. Nebenbei wird ein Mechanismus des Marktes entlarvt: die Fetischisierung des Autors. War die Qualität eines Romans je von seiner Person getrennt? Was ändert das Wissen um ein erfundenes Geschlecht? Das Spiel geht auch in diesen Zeilen weiter, in der Rezension, die vorgibt, die Entstehung des Romans recherchiert zu haben. Letztlich bestätigt sie, was Aléa Torik ahnte: "Die meisten suchen mich, hinter allen Worten immer nur mich."