Jim Crow – so hieß die Figur des "dummen Niggers" in einer der beliebten Minstrel-Shows aus dem 19. Jahrhundert, jener rassistischen Sketche, in denen weiße Comedians mit Schuhcreme im Gesicht den "Negertölpel" gaben. Der Name wurde zum Inbegriff für die Gesetze, die im Süden der USA Schwarze zu Bürgern zweiter Klasse stempelten. Die ihnen die Ehe mit Weißen untersagten. Die ihnen gesonderte Plätze im Bus zuwiesen. Die sie zwangen, im Kino auf verdreckten Rängen zu sitzen. Die ihnen verbaten, "weiße Toiletten" zu benutzen, mit Weißen am selben Tresen bedient zu werden, ja sogar vor Gericht auf dasselbe Exemplar der Bibel zu schwören.

Seine Vorbilder hießen Henry David Thoreau und Mahatma Gandhi

Ein jedes dieser Gesetze verstieß gegen das Gleichheitsgebot der Verfassung. 1896 erklärte der Supreme Court sie nach einer Klage gleichwohl für rechtens. "Gleich, aber getrennt", lautete die Formel der obersten Richter. Dass das Getrennte niemals gleich war, kümmerte sie nicht – eine Entscheidung, die den kurzen Aufbruch nach der Abschaffung der Sklaverei 1863/65 jäh beendete. "The slave [...] stood a brief moment in the sun", schrieb der schwarze Essayist W. E. B. Du Bois, "then moved back again toward slavery."

Zurück in eine neue Form der Sklaverei: 1909 gründet sich dagegen die älteste Bürgerrechtsvereinigung der USA, die NAACP. Während des Zweiten Weltkriegs gerät auch die Regierung unter Druck: Wie kann sie Hitler bekämpfen und zugleich dulden, dass in den einstigen Sklavenhalterstaaten ein rassistisches Zweiklassensystem herrscht und die weißen Milizen des Ku-Klux-Klans Lynchmorde begehen? Am 17. Mai 1954 schließlich erklärt der Supreme Court die Rassentrennung an Schulen für verfassungswidrig. Damit ist die erste tiefe Bresche geschlagen. Das Jim-Crow-System beginnt zu wanken.

"I have a dream" - Bürgerrechtler erinnern an historische Rede von Martin Luther King

Im selben Jahr trifft Martin Luther King eine Entscheidung, die sein Leben und sein Land verändern wird. Er verzichtet auf eine akademische Karriere und kehrt aus Boston, wo er in Philosophie promoviert hat, mit seiner Frau Coretta Scott King zurück in den Süden. In Montgomery, Alabama, übernimmt er eine Pfarrstelle. Nur ein Jahr später wird er hier die Proteste gegen die Rassentrennung anführen.

Alles beginnt damit, dass die Näherin Rosa Parks müde ist nach einem langen Arbeitstag. Oft ist die Geschichte erzählt worden: wie sie sich am 1. Dezember 1955 auf der Busfahrt nach Hause weigert, ihren Platz für einen Weißen zu räumen. Wie der Fahrer die Polizei ruft und Parks verhaftet wird. Wie die Schwarzen der Stadt die Busse bestreiken. Erst einen Tag, dann weitere 380 Tage lang. Wie sie kilometerweit zu Fuß gehen, mancher gar auf dem Esel zur Arbeit reitet. Und wie der charismatische Pfarrer Martin Luther King, erst zögernd, dann im Gefühl der Berufung, zum Anführer des Boykottkomitees wird.

Schon nach wenigen Wochen stellen Rassisten Kings frisch gefassten Mut brutal auf die Probe: Eine Bombe verwüstet die Veranda seines Hauses. Gefasst tritt er seinen aufgebrachten Anhängern gegenüber und beschwichtigt sie. King weiß: Gewalt fällt immer auf den zurück, der sie ausübt. Danach handelt er, seinen großen Vorbildern treu, dem amerikanischen Philosophen Henry David Thoreau mit seinem Aufruf zum zivilen Ungehorsam gegen gesetzliches Unrecht – und Mahatma Gandhi. King predigt Gewaltfreiheit, nicht Passivität, er fordert Militanz ohne Waffen. Mit Erfolg: Ende 1956 wird in Montgomery die Rassentrennung in den Bussen aufgehoben.

Zu äußerster Wehrlosigkeit entschlossen, folgen nun überall im Land mutige Schwarze Kings Beispiel. Sie setzen sich in "weiße" Imbissstuben und verlangen Bedienung. Sie warten, stundenlang. Sie kommen am nächsten Tag wieder. Sie harren aus, selbst wenn der weiße Mob in Lynchstimmung gerät. Sie stecken Tritte und Schläge ein, lassen sich mit Essen besudeln und anspucken. Ihre bloße Präsenz bringt die Gegenseite zur Raserei. Aus diesen Sit-ins geht 1960 das Student Nonviolent Coordinating Committee (SNCC) hervor, eine der wichtigsten Bürgerrechtsgruppen.

King selbst hat 1957 die Southern Christian Leadership Conference gegründet und widmet sich seither ganz dem Freiheitskampf. Bereit zu "schöpferischem Leiden", riskiert er immer wieder sein Leben. 22-mal wird er attackiert, 29-mal kommt er hinter Gitter. 1960, mitten im Wahlkampf, kauft der spätere Justizminister Robert F. Kennedy ihn aus der Haft in einer Hochburg des Ku-Klux-Klans frei. Wenig später wählt Amerika John F. Kennedy zum Präsidenten. 85Prozent der Schwarzen stimmen für ihn. Er wird sie nicht enttäuschen und ihre Sache zu der seinen machen.

Als im August 1963 eine Viertelmillion Menschen nach Washington pilgern und Martin Luther King von seinem Traum spricht, ist dies der Höhepunkt eines dramatischen Jahres. Wenige Monate zuvor hat King in der Industriestadt Birmingham in Alabama durchgesetzt, dass die Schilder "White" und "Colored" aus dem öffentlichen Leben verschwinden. Die Gegenwehr der Weißen war so brutal wie nie. Aus dem Gefängnis schrieb King, auf Zeitungsrändern und Toilettenpapier ins Freie geschmuggelt, seinen berühmten Birmingham Letter an alle, die ihn zur Mäßigung ermahnten: "Die Frage ist nicht, ob wir Extremisten sein wollen, sondern vielmehr, Extremisten welcher Art. Wollen wir Extremisten des Hasses sein oder Extremisten der Liebe?" Die Extremisten des Hasses richteten unterdessen ihre Hochdruck-Wasserschläuche gegen Grundschulkinder, hetzten ihre Hunde in die Menge und pferchten Tausende in Gefängniszellen. Der Hass trug Uniform. Vor aller Augen setzte er sich prügelnd, tretend, brüllend ins Unrecht. Die Bilder gingen um die Welt. King hatte gesiegt.

Die Gewalt aber hört deshalb nicht auf. Im Gegenteil: Das Schlüsseljahr des Bürgerrechtsprotests 1963 mündet nach dem Sommer des Traums in einen "autumn of horrors" , einen Herbst der Schrecken. Er beginnt am 15. September, als eine Bombe des Ku-Klux-Klans in einer Kirche in Birmingham vier schwarze Mädchen in den Tod reißt. Er endet mit dem 22. November: An diesem Tag töten in Texas zwei Gewehrschüsse Präsident John F. Kennedy. "Ich glaube nicht, dass ich diese Revolution überleben werde", sagt Martin Luther King zu seiner Frau, als ihn diese Hiobsbotschaft erreicht.