DIE ZEIT: Die SPÖ ist im Wahlkampf nach links gerückt. Sie fordern noch mehr Sozialismus, Herr Moitzi, und bemühen Karl Marx. Warum so kämpferisch?

Wolfgang Moitzi: Weil ökonomische Lehren wichtig sind. Ich glaube, die SPÖ hat es verlernt, wirtschaftliche und gesellschaftliche Analysen vorzunehmen, um daraus eine politische Praxis abzuleiten. Das sieht man am aktuellen Parteiprogramm, das den Hauch des Neoliberalen atmet – aber niemand interessiert sich dafür. Da ist es schon wichtig, eine Politisierung von unten anzubringen. Im siebten Jahr der Krise steht die Sozialdemokratie wie eine Kuh vor dem offenen Scheunentor: Der Neoliberalismus ist zusammengebrochen, das Tor ist frei, und die SPÖ steht da und weiß nicht, was sie tun soll.

ZEIT: Ist die SPÖ eine lahme Kuh?

Niki Kowall: Die europäische Sozialdemokratie ist die lahmste Kuh, die überhaupt auf der Weide steht. Seit vielen Jahren gibt es ein gescheitertes Krisenmanagement, aber keinen Gegenentwurf zu Angela Merkels Sparpolitik.

ZEIT: Und für eine bessere Zukunft will die Sozialistische Jugend den Kapitalismus überwinden?

Moitzi: Ja. Wir haben uns immer dazu bekannt, eine antikapitalistische Organisation zu sein. Wenn in Europa 1,6 Billionen Euro für Bankenrettungspakete ausgegeben werden und zugleich ein Heer an arbeitslosen Jugendlichen entsteht, ist das zumindest der politische Beweis dafür, dass es noch Klassengegensätze gibt. Auch andere, die sich nicht als linke Ökonomen definieren, würden dem Kapitalismus die Finanzmärkte, die Daseinsvorsorge, das Gesundheits- und Bildungssystem entziehen. Dass das kapitalistische System unglaubliche Ungerechtigkeiten produziert, ist mit freiem Auge erkennbar.

Kowall: Kein System hat jemals so viele Menschen aus der Armut gebracht wie der Kapitalismus in den vergangenen Jahrzehnten, in China jede Woche.

Moitzi: Mit unglaublichen Folgen wie Umweltzerstörung.

Kowall: Aber ohne die kapitalistische Produktivitätsmaschine wäre all das, worüber wir hier reden, nicht existent. Ich finde den europäischen Wohlfahrtsstaat, das Hybridmodell aus öffentlichen und marktwirtschaftlichen Elementen, die beste Gesellschaft, die der Mensch jemals hervorgebracht hat.

ZEIT: Sie fordern auch eine Verstaatlichung der Banken, Herr Moitzi.

Moitzi: Ich habe es immer für einen Fehler gehalten, dass die meisten europäischen Staaten während der Krise Partizipationskapital gezeichnet haben. Wenn die Banken schon gerettet werden, sollte es ein Mitspracherecht geben. Ich glaube, dass bei den Banken bereits Monopole entstehen und kein fairer Wettbewerb mehr herrscht. Wären sie eher verstaatlicht worden, hätten sie schon eher der Allgemeinheit dienen können.

Kowall: Eine große Machtkonzentration beim Staat, da habe ich so meine Skepsis. Und nur weil Banken dem Staat gehören, heißt das ja nicht, dass sie bei dem Wahnsinn nicht mitmachen.

Moitzi: Da geht es auch um die demokratische Verantwortung für Bankgeschäfte, das heißt es nicht automatisch.

Kowall: Eben. Es haben auch viele Institute mit hohem Staatsanteil spekuliert, dass die Fetzen geflogen sind. Für den Bankensektor würde mir eher eine massive Regulierung vorschweben und ein starker Rückgriff auf genossenschaftliche Strukturen.

ZEIT: Mit Ihren Ansichten wären Sie viel regierungstauglicher als Genosse Moitzi.

Kowall: Alle SJler, alle Caps und Gusenbauers, waren irgendwann Antikapitalisten, machen aber seit Generationen immer das Gleiche, sobald sie an der Regierung sind. Als sie ins Parlament kamen und mit dem politischen Alltag konfrontiert waren, mit den neoliberalen Gegenangriffen, hatten sie keine Ahnung, weil das Einzige, was sie hatten, ihre Predigten waren. Gusenbauer hat seinerzeit in einer Rede 25 Mal das Wort Imperialismus verwendet, der hat das doktrinär heruntergebetet. Meine Devise ist mittlerweile: Trau keinem unter 30.

Moitzi: Es geht nicht ums Alter, sondern darum, mit Rückhalt der Basis seine Werte nicht in den Mechanismen der Parlamentsklubs zu opfern. Ich bin mir der Gefahr jedenfalls bewusst, habe aber nicht vor, mein politisches Gewissen an der Parlamentsgarderobe abzugeben. Wenn sich die SPÖ vom Neoliberalismus entfernen würde, wäre schon viel passiert.

Kowall: Den gesamten Weg betrachtet, werden wir nicht viel Dissens finden. Aber ich brauche das religiöse Element am Schluss nicht. Der Marxismus verheißt ja, dass man irgendwann ins Paradies eintritt. Das brauche ich nicht. Bis an den Tag, an dem wir sterben, wird sich die Frage "Kapitalismus: ja oder nein?" für uns nicht stellen.

Moitzi: Ich habe kein Bedürfnis nach Heilsversprechen, weder nach denen des Kapitalismus noch nach anderen.