In seiner elften Woche war der Skandal um die NSA fast schon wieder abgeklungen; all die Aufregungen über Metadaten, Glasfaserkabel und Schleppnetzmethoden hatten sich zu einer breiigen Gleichgültigkeit vermischt, die zum Alltag im Netz dazugehört wie die Facebook-App auf dem iPhone. Die meisten hatten sich damit abgefunden, dass ausländische Geheimdienste ihre E-Mails abfangen, speichern und lesen können, die meisten fanden das nicht weiter schlimm, denn es gab ja keine unschuldigen Opfer dieses ominösen Überwachungsstaates. Wer oder was sollte damit überhaupt gemeint sein?

Dann wurde ein Mann festgesetzt. Kein Hacker, Whistleblower oder Cypherpunk, sondern einfach nur der Ehemann eines Journalisten, der mit dem ehemaligen NSA-Mitarbeiter Edward Snowden zusammenarbeitet. Ein 28-jähriger, gut aussehender Brasilianer, der auf dem Weg von Berlin nach Rio de Janeiro auf seinem Zwischenstopp in London festgehalten wurde. Kaum war er am Sonntagmorgen auf dem Flughafen Heathrow gelandet, holten ihn Sicherheitsbeamte ab, um ihn auf Grundlage des Terrorismusgesetzes zu befragen.

Kennen sie den Unterschied zwischen Journalismus und Terrorismus nicht?

"Sie behandelten mich wie einen Kriminellen oder wie jemanden, der Großbritannien angreifen will", erzählte David Miranda später der Tageszeitung Guardian, in der sein Ehemann Glenn Greenwald mehrere Artikel über die NSA veröffentlicht hat. Die Beamten beschlagnahmten Mirandas Speicherkarten, Telefone und seinen Computer und drängten ihn dazu, seine Passwörter zu verraten. Sie hielten ihn so lange fest, wie es ihnen gesetzlich maximal erlaubt ist (fast neun Stunden), was äußerst selten vorkommt. Seitdem ist Miranda weltberühmt: als erstes unschuldiges Opfer der NSA-Affäre.

Miranda plant keine Anschläge und baut keine Bomben, ihm wird auch nicht vorgeworfen, Kontakt zu denen zu haben, die es tun. Vorwerfen kann man ihm nur, dass er seinem Mann Recherchematerial aus Berlin mitbringen wollte, der Guardian hat ihm den Flug bezahlt. Möglich, dass geheime Dokumente aus Snowdens Archiv darunter waren, die den britischen Behörden Probleme bereiten könnten. Verständlich, aus ihrer Sicht, dass sie ihn verdächtig fanden. Aber mussten sie ihn wie einen gefährlichen Kriminellen behandeln? Etwas läuft falsch, wenn ein Land den Unterschied zwischen Journalismus und Terrorismus nicht mehr kennt.

Was genau ist Terrorabwehr heute, zwei Jahre nach dem Tod von Osama bin Laden und fast zwölf Jahre nach dem 11. September? Rechtfertigt sie bestimmte, gezielte Überwachungsmethoden der Geheimdienste? Sicher. Rechtfertigt sie die Einschüchterung eines Mitarbeiters einer Zeitung? Sicher nicht.

Man kennt solche Methoden aus der Türkei, in der unliebsame Journalisten auf der Grundlage von Antiterrorgesetzen inhaftiert werden. Man kennt die Geschichten über russische und chinesische Dissidenten, die verfolgt werden, weil sie die Regierung kritisieren. Man kannte sie bisher kaum aus den USA oder Großbritannien, den Vorreitern von Pressefreiheit und Demokratie. Auch das hat Edward Snowden also aufgedeckt: wie schnell diese Länder ihre Grundwerte verraten.

Damit bestätigen sie, was er ihnen von Anfang an vorgeworfen hat: dass sie Bürgerrechte aushöhlen, wenn sie sich angegriffen fühlen, und es nicht dulden, wenn Whistleblower staatlichen Missbrauch aufdecken. Dass sie jeden überwachen, schikanieren und verfolgen, der sich mit ihnen und ihrem Überwachungsapparat anlegt. Snowdens Vorwurf ist zu ihrem Verhalten geworden, seine Verschwörungstheorie zu unser aller Wahrheit. Das ist die größte Enthüllung von allen.

Es geht jetzt um den Selbstverrat des Westens

Erst in der elften Woche erkennt man, welchen Preis jene bezahlen, die über die Methoden der amerikanischen und britischen Geheimdienste berichten. Der Chefredakteur des Guardian, Alan Rusbridger, hat beschrieben, wie er auf Druck von britischen Regierungsangehörigen mehrere Festplatten im Keller seiner Londoner Redaktion zerstörte, zwei Mitarbeiter des britischen Geheimdienstes GCHQ beaufsichtigten ihn dabei. Eine sinnlose Aktion, wie alle Anwesenden gewusst haben müssen, Snowdens Material ist nicht nur auf diesen Computern gespeichert.

Die Spione schienen dennoch zufrieden. "Jetzt können wir die schwarzen Helikopter zurückpfeifen", scherzte einer. Seitdem hat also auch der ominöse Überwachungsstaat ein Gesicht: Es ist das des rachsüchtigen Agenten, dem es vor allem um Abschreckung geht. Die Abschreckung Snowdens und aller zukünftigen Snowdens.

Vielleicht gehört es zu der abgeschotteten Welt der Geheimdienste, dass sie den PR-Effekt von solchen Aktionen nicht bedenken. Vielleicht können sie sich nicht vorstellen, dass sie Snowden, den Guardian und weitere Whistleblower so nicht zum Schweigen bringen, sondern zum Weiterreden. Glenn Greenwald, der Mann von David Miranda, hat schon mit neuen Enthüllungen über das britische Spionageprogramm gedroht. Rusbridger kündigte an, brisantes Material zukünftig aus dem New Yorker Büro des Guardian zu veröffentlichen, dort sei man vor dem Zugriff der britischen Behörden sicher.

Die Warnungen von Snowden, sie klingen jetzt anders. Nicht mehr paranoid, sondern real. Es geht jetzt nicht mehr um Geheimnisverrat. Sondern um den Selbstverrat des Westens.

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