Das steife, aber im Sprachschatz eingebürgerte Substantiv Fiktion hat entfernt mit dem attraktiveren und vielversprechenden Verb fingieren zu tun. Wer fingiert, der täuscht vor, manipuliert die Wirklichkeit und bucht Erfundenes auf den Platz des Wahren. Trotzdem muss die Realität nicht verloren gehen, ihr wird nur ein fremdes Gewand übergezogen.

Der Technik des Fingierens hat sich nun ein prominenter Kulturschaffender in seinem Romandebüt bedient. Unter einer Larve erzählt er seine teils glänzende, teils verkorkste Biografie – und vor allem jene drei Jahre, die zu den erregendsten seiner Karriere zählen. Der Autor ist Uwe Eric Laufenberg. Von 2009 bis 2012 war er Intendant der Kölner Oper, eine Ära, die unter den Zeichen arger Finanznot und furioser Intrigen stand. Jetzt übt Laufenberg Rache. Damit jeder ahnt, wie es in Köln so zugeht, wählt er als Schauplatz und als Titel des Romans das sizilianische Palermo (Verlag Strauss Medien).

Wer irgendetwas im Kölner Kulturleben zu sagen hatte, tritt hier auf, mit italienisch verballhorntem Namen und mit ungünstigsten Charaktereigenschaften versehen. Aus Laufenberg wird Tommaso Moncorrente (laufender Berg), aus Kulturdezernent Georg Quander wird Giorgio Grigio (grauer Georg), aus Schauspielintendantin Karin Beier wird Bibiana Cacciatori (Jägerin), aus Geschäftsführer Patrick Wasserbauer wird Franco Scheletrino (Klappergestell), Köln wird zu Palermo, Berlin zu Rom, Bonn zu Catania, Hamburg zu Mailand. Trotzdem befinden wir uns in jeder Sekunde eindeutig in Köln und seinem Klüngel. Wer die Stadt kennt, der weiß, dass dort jeder Dolchstoß als Betriebsunfall oder Notwehr deklariert wird; dass politische Zusagen die Wirkungsdauer von Liebesbriefen besitzen, die 14-Jährige austauschen. Und wer Laufenberg kennt, weiß um seine Neigung zum Revanchefoul.

Weil der Autor nichts mehr zu verlieren hat, sondern von 2014 an Intendant in Wiesbaden sein wird, schildert er Interna seiner Kölner Jahre so genüsslich wie boshaft. Er wechselt zwischen offener Realität und blankem Unsinn, wir erleben ein kölsches Panoptikum mit einem eingestürzten Stadtarchiv, einem unter schrillen Umständen geglückten Ring- Gastspiel in China, einem immer wieder geplanten und abgesetzten Neubau des Schauspiel- und Opernhauses. Was nicht ganz der Wahrheit entspricht, ist immerhin fantastisch fingiert.

Das Ende des Romans ähnelt der Ära des Autors: Ihm geht die Luft aus. Nur noch dürre Dialoge, keine saftigen Szenen mehr. Fast scheint hier jener historische Kölner Opernintendant Laufenberg durch, wie er sich als Moncorrente selbstironisch skizziert: launisch, weinerlich und inkonsequent. Das schmälert den Unterhaltungswert von Palermo kein bisschen. Zum Zweck der komplementären Wahrheitsfindung läse man nun aber gern einen satirischen Roman aus der Feder eines seiner Opfer. Alles eine Sache der Ehre.