Man sitzt. Man wartet. Und dann? Steht man auf. Geht hinüber. Dort sitzt man. Steht auf. Und geht weiter. So ist das in Comporta. Von neun Uhr morgens an sitzt zum Beispiel der Alte mit den Krücken wieder vor dem Haus, das vor dreißig Jahren das Restaurant O Hexágono war. Er pult in seinen Zähnen, das Haus ist eine Ruine. Drei Hühner trotten über die Straße, vom Hinterhof her meckert ihr Hahn, in der Luft hängt das Aroma von Pinienharz und Knoblauch. Minuten vergehen, Stunden vergehen. Plötzlich fällt ein riesiger Schatten auf den Asphalt, ein Schatten, ausladend und prächtig, der bedrohlich auf- und abschwingt, bis er kleiner wird und verschwindet. Dann raschelt es, Zweige fallen, und im Nest über dem O Hexágono landet ein gigantischer Storch. Sein Schnabel klappert, und während das Tier den Hals nach hinten biegt und bei gleichzeitiger Aufplusterung wieder nach vorne holt, klappert es höchst geheimnisvoll hier und dort und vor allem vom Giebel der dörflichen Sparkasse weiter drüben. Nach zehn Sekunden ist es still. Man sitzt und wartet und vergisst die Zeit, und dann vergisst man sich. So ist das in Comporta, eineinhalb Stunden südlich von Lissabon, tausend Meter vom Atlantik entfernt, 1276 Einwohner, 300 Sonnentage im Jahr.

Vor zwanzig Jahren gab es im Dorf keinen Asphalt, die Straßen waren Sandwege. Vor zwanzig Jahren gab es Strom nur bis 21 Uhr. Vor dreißig Jahren gab es keine Kläranlage und keine Wasserversorgung. Vor dreißig Jahren gab es nur eine Handvoll Cabanas für die Fischer. Der Alentejo war schon immer arm und eine Angelegenheit des einfachen Mannes. Heute leben die Menschen in kompakten, ebenerdigen Häusern, aber es gibt keine Fischer mehr. Die wenigen Verbliebenen sind am Cais Palatífico im Nachbardorf Carrasqueira zu finden, in einem Hafen von reizvoller Primitivität, wie ein Relikt aus dem Neolithikum, mit Tausenden in den Schlick gesteckten Ästen und Hunderten unbeholfen in den Grund gerammten Pfählen, als habe dem Menschen das Wort "Bauplan" noch niemals zur Verfügung gestanden.

Wie es sich gehört, quert eine schwarze Katze die Straße. Der Alte mit Krücken sitzt jetzt vorm Minimercado Gomes und sieht einem Range Rover nach. Ein Porsche Cayenne und ein Jaguar XF biegen in die Rua do Comércio ein, laut Kennzeichen sind sie aus Portugal und Spanien, nur der BMW X5 kommt aus Köln. Der Alte pult in seinen Zähnen und blickt mit einheimischer Gelassenheit Fremdheimischen nach, die durch die Rua do Comércio gehen, als spazierten sie den Prachtboulevard einer europäischen Hauptstadt entlang. Sie tragen feine Lederslipper, rosafarbene Ralph-Lauren-Hemden und in gold gefasste Sonnenbrillen. Pfälzer und Schweizer Idiom ist zu hören, und zwei französische Väter flipfloppen mit ihren Söhnen die Straße auf und ab. In seinem roten Lieferwagen, jahrzehntealt und unmännlich wie ein Spielzeugauto, verkauft der Obsthändler Melonen, Kartoffeln und Zucchini an eine Dame mit Ray-Ban-Brille, Handkettchen und hellblau lackierten Fingernägeln, und im Café Eukalyptus sitzen zwei verschwitzte Britinnen im Sportdress und reden reichlich distinguiert über just zerbrochene Beziehungen, während sie ein Fläschchen Wasser trinken. Es ist still, man hört jede Silbe. Das Wi-Fi reicht bis zum Eukalyptusbaum an der Straßenecke, und auf der Holzbank davor wischen zwei Männer übers iPad.

Bald werden sie in die Sonne treten und den Weg zum Strand einschlagen, der sich jenseits des Dünenwalls ausbreitet, fünfzehn Geh- und fünf Fahrminuten vom Dorf entfernt, am wilden Atlantik. Der Strand zieht die Einheimischen aus den umliegenden Dörfern an, aber auch die Urlauber aus dem Luxusresort von Troia, das zwanzig Kilometer nördlich auf einer Landzunge vor der Mündung des Flusses Sado liegt. Und all jene Betuchten, die ein Ferienhäuschen haben irgendwo in den Pinienwäldern ringsum oder ein Appartement in der einen kleinen Feriensiedlung des Ortes selbst. Es gibt kein einziges Hotel in Comporta, unter anderem deshalb nicht, weil die lokalen Großgrundbesitzer, vom Naturschutz beschirmt, dem Land seinen bukolischen Charme erhalten wollen. Am Ende eines Samstagnachmittags stehen die Autos auf dem sandigen Strandparkplatz so dicht beieinander, dass keine Hüfte dazwischenpasst, Porsche neben Polo.

Der Sand am Meer ist mittelfein, nicht staubend, er ist weiß und rein, und vermutlich ist der Strand von Comporta einer der weltschönsten, denn es gibt keine Massen, keinen Rummel und kein einziges Stück Beton. Zwei Reihen reetgedeckter Sonnenschirme samt Plastikliegen wirken wie ein schüchterner Versuch organisierter Strandbesiedlung, aber fast alle liegen doch irgendwo direkt im Sand. Jetskis gibt es nicht, Tretboote nicht, Surfer kaum. Irgendwann ein Kinderschrei und sonst das Rumpeln des Ozeans. Weiter oben in den Dünen wächst eine wunderschöne Distel in Lavendelblau.

Drei Holzbauten stehen am Fuße der Dünen, die Bar Ilha do Arroz, ein Kiosk und das Comporta Café mit Segeln und Markisen aus eierschalfarbenem Leinen. Statt im Meer surfen manche Jungs mit ihrem iPhone im Netz, und auf der Veranda streichelt ein korpulenter Glatzkopf den Arm seiner Schönen, er starrt durch die Sonnenbrille aufs Meer und wippt ein wenig mit im Chillout-Groove. Ein paar Leute dösen in den Hängematten zwischen Palmen und Pfosten. Man sieht kaum Tattoos, kaum Hipster, aber viel neue Bürgerlichkeit zwischen zwanzig und vierzig mit goldglitzernden Sandalen und Maniküre auf französische Art.

Um fünf, wenn die Sonne den Himmel an seinen Rändern ausbleicht, beginnt am Strand die "Sunset-Party", die nur eine andere Form von Nichtstun ist. Man trinkt bonbonfarbene Bowle. Man nippt Passionsfrucht-Mojito. Man gibt sich auf großen Kissen dem süßen Sein hin, während der Blick die Sichel Sandstrand bis weit in den Norden verfolgt, und beileibe, ja: Es ist herrlich, auf einem Streifen von einem Kilometer Breite nichts als zärtlich beaufsichtigte Naturbelassenheit.

Am Strand fehlt, genau wie im Dorf, all das, was man sich heute anderswo so gerne wieder wegwünscht. Als hätte dieser aus der Zeit gefallene Ort schon immer die Gewissheit gehabt, dass irgendwann der Mensch der Metropole zu ihm kommen würde, weil er vor lauter Lärm und Hektik, Gestank und Spektakel das Unspektakuläre, Einfache schätzen lernte. Die Einheimischen verdienen gut an den Stadtmenschen, aber mit keinem Wort ist gesagt, dass sie nicht auch ohne sie glücklich wären. So ist das in Comporta, wo die Hauptstraße Rua do Comércio heißt und eine Einbahnstraße von 150 Meter Länge ist. In der Rua befinden sich sieben der zehn Restaurants des Dorfs, dazwischen klemmen Krämerläden mit Zeitungen, Sonnenlotionen, Strandschlappen und Bikinis. Die Hauptstraße beginnt mit dem Taskinha neben dem Minimercado Gomes, dann kommt das Eukalyptus, dann das Cegonha, dann das O Zé, dann das O Celeiro, dann eine namenlose Snack-Bar, dann das Nicola. Von acht am Abend an sind sie alle gut besucht, und in den Parkbuchten ruhen Jaguar und Tiguan wie sedierte Tiere im Hochglanz.