Doch dass Waffen von Heckler & Koch auch in diesen Ländern auftauchen, trägt dazu bei, dass der Friedensaktivist und Autor Jürgen Grässlin den Investor Heeschen auf Platz 1 seiner "Täterliste" der deutschen Rüstungsindustrie führt. Er und andere Kritiker der Branche behaupten, dass die Geschäfte des Oberndorfer Gewehrbauers immer globaler werden, seitdem der Mann dort als Hauptinvestor aktiv ist – und dass diese Entwicklung unkontrollierte Waffenverkäufe in Gegenden begünstige, in die Waffen aus Deutschland nicht gelangen dürften. Natürlich erhöhe es "den Druck auf das Unternehmen, noch hemmungsloser überallhin zu verkaufen, wenn ein Finanzhai Geld aus dem Unternehmen zieht", sagt etwa Jan van Aken, Bundestagsabgeordneter und Rüstungsexperte der Linkspartei. Das Unternehmen selbst spricht von "einem kontinuierlichen Ausbau der internationalen Ausrichtung". Im Jahr 2012 lag der Exportanteil bei 80 Prozent.

Was sich genau verändert hat bei Heckler & Koch, seit Andreas Heeschen dessen Mehrheitsgesellschafter ist, und auch was diesen Mann treibt, lässt sich nur rekonstruieren aus Berichten über die wenigen Gelegenheiten, in denen er aus dem Schatten trat – und über Spuren, die seine Arbeit hinterlassen hat. Denn in der ohnehin verschwiegenen Rüstungsbranche gilt Heeschen als besonders öffentlichkeitsscheu. Fragen an ihn beantwortet die Berliner Anwaltskanzlei Bub, Gauweiler & Partner, deren Juristen auf die Interviewanfrage der ZEIT gleich einmal "umfassende rechtliche Schritte" ankündigen, sollten der Privatsphärenschutz und die persönliche Sicherheit ihres Mandanten oder seiner Angehörigen durch Medienberichte beeinträchtigt werden. Ein Interview gibt es natürlich nicht.

Wer also ist dieser Andreas Heeschen, der über seinen Lebenslauf beharrlich schweigt und in Deckung geht, sobald ihn jemand danach fragt?

Sicher ist: Er besuchte das Elite-Internat Schloss Neubeuern in Bayern und ist der Schule bis heute verbunden – sein Name findet sich auf deren Spendenlisten, und er bot Schülern Praktikumsplätze in seinem Büro in London an. Sicher ist auch, dass ihm als Geschäftsführer der Heckler & Koch Beteiligungsgesellschaft sein Studium der Rechtswissenschaft und der Betriebswirtschaft heute wohl nutzt. Das Geld, um Anteile an Heckler & Koch und anderen Firmen zu erwerben, soll Heeschen, so schrieb das Handelsblatt, als Investmentbanker verdient haben. Seine Geschäfte führt er von London aus. Im Brief seiner Anwälte an die ZEIT beschreibt er sich als einen Unternehmer, der dem "deutschen Mittelstand" verpflichtet sei.

Zur Geschichte zwischen Heeschen und dem deutschen Mittelständler Heckler & Koch sind die öffentlich zugänglichen Informationen ähnlich fragmentarisch wie zur Person Heeschen. Sicher ist: Der Investor stieg vor mehr als zehn Jahren bei Heckler & Koch ein. Am 6. Dezember 2002 kamen er, sein britischer Partner Keith Halsey und Vertreter des Verkäufers Royal Ordnance, einer Tochter des britischen Rüstungsriesen BAE Systems, bei einem Notar in Basel zusammen, um den Kauf von Heckler & Koch abzuschließen. Der Preis ist nicht bekannt. Auf jeden Fall scheinen alle Beteiligten großen Wert auf Diskretion zu legen. In dem Vertrag halten sie fest: "Weder Käufer noch Verkäufer sollen die in dieser Vereinbarung getroffenen Geschäfte in irgendeiner Form der Öffentlichkeit oder dem Personal von H&K bekannt geben". Doch nach dem Kauf gab es immer wieder Berichte, die ein Schlaglicht auf diese Schattenwelt warfen. Sie führten bisweilen dazu, dass dem Unternehmen die Kontrolle über die gefürchtete Öffentlichkeit entglitt. So tauchten Sturmgewehre vom Typ G36 in mexikanischen Provinzen auf, für die keine Exportgenehmigungen der Bundesregierung vorlagen. Georgische Soldaten setzten die Waffe 2006 im Krieg gegen Russland ein. Libysche Rebellen feuerten damit 2011 auf Kämpfer des Diktators Gaddafi. Auch in diese Staaten hatte die Bundesregierung keine Waffenausfuhren genehmigt.

In der Folge nahmen Zollkriminalamt und Polizeibehörden Heckler & Koch ins Visier. "Die Staatsanwaltschaft Stuttgart führt derzeit zwei Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts des Verstoßes gegen das Kriegswaffenkontroll- und Außenwirtschaftsgesetz – zum einen in Bezug auf Mexiko, zum anderen in Bezug auf Libyen", teilt die Behörde mit. "Ein drittes Verfahren wird wegen des Verdachts der Bestechung ausländischer und inländischer Amtsträger geführt." Ermittler haben bereits die Heckler-&-Koch-Zentrale sowie mehrere Häuser von ehemaligen und aktiven Entscheidungsträgern durchsucht.

Heckler & Koch und Heeschen haben stets bestritten, illegal Waffen nach Mexiko und in andere Staaten geliefert zu haben. Der ZEIT erklärt das Unternehmen: "Alle Exporte von Heckler & Koch folgen sicherheits- und verteidigungspolitischen Vorgaben der Bundesregierung. Die Einhaltung geltender Gesetze und unternehmerische Integrität sind gleichzeitig existentielle Grundlage und nicht verhandelbare Grundwerte."

Die Bonität von Heckler & Koch gilt als schlecht – der Ausblick als negativ

Einzelne Beschäftigte scheinen aber offenbar doch ein bisschen über derlei Grundwerte verhandelt zu haben. Im April dieses Jahres räumten die Chefs von Heckler & Koch in einem internen Schreiben an die Belegschaft nämlich ein, dass "dringender Tatverdacht gegen zwei langjährige Mitarbeiter" bestehe, "Waffenlieferungen in nicht genehmigungsfähige mexikanische Bundesstaaten im Zusammenwirken mit einem Handelsvertreter in Mexiko veranlasst zu haben". Investor Heeschen will sich zu laufenden Ermittlungen selbst nicht öffentlich äußern.