Einige Wissenschaftler glauben trotzdem, nachweisen zu können, dass Mobilfunkstrahlung im Extremfall sogar Krebs verursachen kann. Solche Ergebnisse würden unterdrückt, sagen die Elektrosensiblen – dabei verfehlen die Studien oft bloß die Standards guter Wissenschaft; sie konnten nicht reproduziert werden oder stehen unter Fälschungsverdacht. Die Mobilfunkgegner beruhigt das nicht. Was ist mit Studien, denen zufolge die Strahlung sogenannten oxidativen Stress in den Zellen verursacht? Der habe eine Störung des Stoffwechsels zur Folge, die das Zellwachstum behindere und Männer zeugungsunfähig mache. Alexander Lerchl hält diese Studien allesamt für Mumpitz, das Bundesamt für Strahlenschutz nennt sie diplomatisch "widersprüchlich". Dass oxidativer Stress wirklich Krankheiten verursacht, sei nicht mehr als eine "Arbeitshypothese", resümierte vor fünf Jahren das Robert Koch-Institut (RKI) – trotz jahrzehntelanger Forschung sei das unbewiesen. Auch neuere Experimente am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) erbrachten keine Hinweise darauf, dass oxidativer Stress die Lebensspanne von Fruchtfliegen verkürzt. Nun will man sie an Säugetieren wiederholen.

Natürlich können weder Lerchl noch die Strahlenschützer hundertprozentig ausschließen, dass Handystrahlung langfristig doch der Gesundheit schadet. Vielleicht gibt es ja einen Effekt, den die Wissenschaft noch nicht kennt. Daher gibt es außer Experimenten an Zellhaufen und Kleintieren noch einen weiteren Weg, die Gesundheitsrisiken von Elektrosmog zu erforschen: Man beobachtet Menschen, die viel telefonieren oder unter einer Hochspannungsleitung wohnen. So verfahren Epidemiologen. Tatsächlich zeigen manche Statistiken, dass Kinder, die in der Umgebung von Hochspannungsleitungen und Transformatoren wohnten, doppelt so oft an Leukämie erkrankten wie eine "unbelastete" Vergleichsgruppe. Andere Studien stellten fest, dass Menschen, die sehr viel mit schnurlosen Telefonen oder Handys telefonieren, eine erhöhte Wahrscheinlichkeit haben, an einem Hirntumor zu erkranken.

Das klingt zunächst dramatisch. Aber ob der Blutkrebs und die Hirntumore wirklich durch Elektrosmog verursacht wurden, ist kaum nachzuweisen. Die Leukämie-Statistiken operieren mit sehr niedrigen Fallzahlen und werden von Epidemiologen unterschiedlich ausgelegt. Für die Leukämien könnten schließlich auch andere Ursachen verantwortlich sein. Die Hirntumor-Studien sind ebenfalls weniger eindeutig, als sie klingen. "Menschen, die an einem Hirntumor erkrankt sind, schätzen im Nachhinein meist falsch ein, wie oft sie tatsächlich telefoniert haben", sagt die Epidemiologin Maria Blettner von der Universitätsklinik Mainz. Sie hat die größte Studie zu Risiken der Handynutzung mitgeleitet, die Interphone-Studie der WHO. In 13 Ländern wurden über 5.000 Patienten mit vier Tumorarten befragt, wie oft sie ihr Handy in der Vergangenheit genutzt hatten. Ihre Aussagen wurden mit denen von ebenso vielen Gesunden verglichen. Vergangenes Jahr publizierten die Forscher die Gesamtauswertung: Wer regelmäßig das Handy nutzte, erkrankte sogar eher seltener an einem Hirntumor als die Vergleichsgruppe. Alarmierend war aber ein anderer Befund: Jene zehn Prozent der Vieltelefonierer, die seit zehn Jahren täglich mindestens eine halbe Stunde mit dem Handy telefoniert hatten, schienen mit 40 Prozent höherer Wahrscheinlichkeit an einem speziellen Hirntumor erkrankt zu sein als die Vergleichsgruppe. Eine Stichprobe ergab jedoch, dass die Angaben der Patienten zur Handynutzung häufig nicht zutrafen – was sich über die Verbindungsprotokolle der Mobilfunkbetreiber nachweisen lässt.

Dennoch stufte die Internationale Krebsforschungsbehörde – eine Einrichtung der WHO – Handystrahlung sicherheitshalber als "möglicherweise krebserregend" ein und berief sich dabei vor allem auf die Interphone-Studie sowie eine weitere schwedische Untersuchung. Die Entscheidung ist umstritten – und wenig hilfreich: Auf der Liste 2B "möglicherweise krebserregend" stehen 274 Substanzen, darunter Blei, Schiffsdiesel und Chloroform, aber auch Kaffee. Vielleicht können sie Krebs auslösen. Vielleicht aber auch nicht.

Was folgt daraus? Können wir weiter gefahrlos telefonieren? Wer den Urteilen von Institutionen wie der WHO, dem Bundesamt für Strahlenschutz und der Strahlenschutzkommission vertraut, muss sein Handy nicht abschalten. Trotz unzähliger Studien an Zellen, Tieren und Krebspatienten gibt es bislang keine belastbaren Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen Tumor und tragbarem Telefon, und es gibt auch keine anerkannte Erklärung für einen biologisch-physikalischen Mechanismus. Die Evidenz sei "unzureichend", bilanziert die Strahlenschutzkommission.

Was aber ist mit den Symptomen der Elektrosensiblen? Sie sind ja wirklich krank. Als Märtyrer gilt ihnen der Pfarrer Carsten Häublein aus dem Oberammergau, der sich das Leben nahm, weil er die Strahlenbelastung nicht mehr aushielt. "Er schrie vor Schmerzen, die ihm die Strahlung verursachte, schrie wie ein junger Hund", sagt eine Elektrosensible, die ihn gut kannte.