Mediziner zweifeln die Symptome der Elektrosensiblen nicht an. Die meisten glauben aber, dass diese andere Ursachen haben. Denn schon die Angst vor elektromagnetischen Feldern kann krank machen, wenn man nur fest genug daran glaubt. Wissenschaftler reden vom Nocebo-Effekt, einem umgekehrten Placebo-Effekt. In zehn Dörfern mit schlechtem Handyempfang machten Schlafforscher der Berliner Charité dazu ein Experiment: Sie installierten einen mobilen Sendemast im Ort und überwachten den Schlaf von knapp 400 Freiwilligen mithilfe von Sensoren. Außerdem bewerteten die Probanden die Qualität ihres Schlafs in einem Fragebogen. Diejenigen, die sich zuvor besorgt über Elektrosmog geäußert hatten – jeder Dritte nämlich –, schliefen nach dem Errichten des Sendemasts objektiv schlechter. Sie schliefen später ein und wachten nachts häufiger auf. In der Tat: Auf Dauer ist so etwas ungesund.

Was man den Probanden verschwiegen hatte: In fünf von zehn Nächten war der Sender gar nicht aktiv. Elektrosmog macht also manche krank, selbst wenn er gar nicht da ist. Auch in vielen anderen Experimenten ist es Elektrosensiblen bislang nicht gelungen, ihr vermeintliches Gespür für die Strahlung unter Beweis zu stellen.

Daher beschäftigt die Debatte längst auch Psychologen. Einer von ihnen sitzt an einem Konferenztisch im Berliner Spreepalais und sieht etwas abgekämpft aus: Peter Wiedemann verfolgt das Gezerre nun seit zwanzig Jahren. Sein Team erforscht die Wahrnehmung von Risiken durch Elektrosmog. Was rät er Menschen, die Angst haben? "Zuerst Ehrlichkeit gegen sich selbst: Ist es wirklich meine Gesundheit, um die ich mich sorge? Oder ist es vielleicht die Befürchtung, dass mein Haus weniger wert ist, wenn in der Nähe ein Sende- oder Hochspannungsmast steht?" Zweitens: "Nicht bloß eine einzige Studie als Wahrheit nehmen, sondern sich breiter informieren." Drittens: "Die eigene Erfahrung befragen. Risiken von Rauchen, Alkohol und Autofahren mit denen von Strom- und Handystrahlung vergleichen."

Der Staat kann natürlich versuchen, potenzielle Strahlenrisiken so gering wie möglich zu halten. Doch das Vorsorgeprinzip hat mitunter paradoxe Folgen, wie eine Studie zeigt, an der Peter Wiedemann beteiligt war: Als Bürger informiert wurden, dass Handymasten vorsorglich nicht in der Nähe von Schulen, Kindergärten und Krankenhäusern aufgestellt werden, waren sie beunruhigter als zuvor. "Die Leute dachten nun: Da scheint ja wirklich etwas dran zu sein", erzählt Wiedemann.

Wenn Handymasten aber weit entfernt von Wohngebieten stehen, müssen die Telefone stärker funken, um sie überhaupt zu erreichen. Die Angst vor Elektrosmog wird so zum Strahlenverstärker.

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