Mobilität - Auf der Suche nach dem Auto der Zukunft Wie müsste ein Auto aussehen, das Spaß macht, sozial verträglich ist und mit dem wir unser schlechtes Gewissen verlieren? ZEIT-Redakteur Henning Sußebach über die Beziehung der Deutschen zum Automobil.

Es geschah neulich in einer ganz normalen deutschen Vorstadt. Ein Mann mittleren Alters trat aus seinem Haus, in den Händen eine Kamera. Er hatte die Dämmerung abgewartet, die Stunde, in der sich die Straßen leeren und die Nachbarn beim Abendbrot sitzen. Der Mann schaute nach links, nach rechts, schlenderte bemüht beiläufig zu seinem Auto, das er sich kürzlich gekauft hatte (einem gebrauchten schwarzen Alfa, falls das jemanden interessiert), und machte schnell ein paar Fotos. Die Scheinwerfer, klick. Der Kühlergrill, klick. Die Lichtreflexe im Lack, klack. Dann verschwand er so unauffällig, wie er gekommen war. Er hatte nichts verbrochen, empfand es aber so. Und er fühlte sich sehr alt.

Der Mann von der Straße, er ist der Redaktion bekannt... gut bekannt... es könnte sein, dass er gerade einen Artikel über einen Mann schreibt, dem es peinlich ist, sein Auto fotografiert zu haben.

Der Mensch und die Maschine, das ist keine Symbiose mehr. Lange galt die Beziehung der Deutschen zum Automobil als unverwüstlich, doch inzwischen tut sich da ein Zwiespalt auf. Unter welchen Bedingungen finden wir etwas schön und erfreuen uns daran? Ist es ein Sieg der Vernunft, wenn man sein Auto nicht mehr fotografieren mag – oder ein Verlust an Vergnügen? Und wenn man sich ein wenig von dieser Freude erhalten wollte: Wie müsste sich das Auto dann verändern?

Das Verhältnis der Deutschen zum Auto war nie normal. Schließlich wurde es hier erfunden, es stiftet Stolz und gibt Generationen Arbeit

Diesen Fragen widmet das ZEITmagazin in dieser Ausgabe einen Schwerpunkt. Denn der Kerl mit der Kamera ist mit seinem Unwohlsein ja nicht allein. Das Auto ist eine Herausforderung für den modernen Menschen, für sein Es und Ich und Über-Ich. Es ist allgegenwärtig in Deutschland, als Kult- und Hassobjekt, als Gebrauchsgegenstand und Gemütsvehikel – 43 Millionen Mal. Das gesamte Volk könnte auf den Vordersitzen seiner Wagen Platz nehmen, alle Rücksitze blieben unbenutzt. Wer kennt aus dem Verkehrsfunk nicht die vertrauten Namen nie gesehener Orte, Neufahrn und Irschenberg, Breitscheid und Biebelried, Metropolen eines Verkehrsnetzes, das wie eine zweite Wirklichkeit über dem Land liegt, 650.000 Kilometer Straße, davon 12.800 Kilometer Autobahn – mehr gibt es nur in den USA, in China und im Betonland Spanien. Pro Tag steht das Auto durchschnittlich 23 Stunden still – und wird nur 35 Kilometer bewegt. Es ist nach der Immobilie der größte private Kostenfaktor. 77.000 Euro zahlt der Deutsche in seinem Leben allein für Sprit. Wahnsinn eigentlich. Und doch alltäglich.

Das Verhältnis der Deutschen zu ihren Autos ist nicht normal. War es nie. Schließlich wurde der "Motorwagen mit Verbrennungsmotor" hier erfunden, stiftet seither Stolz und gibt Generationen Arbeit. Nimmt man die Bilderwelten alter Fotoalben für wahr, muss die frühe Bundesrepublik, das Land der Ingenieure, mit Autos zugeparkt gewesen sein: Da ist der Neuwagen in der Bildmitte und am Rand der "stolze Besitzer". Da ist der VW Käfer auf dem Alpenpass, umringt von Vater, Mutter, Kindern, mehr Familienmitglied als Transportmittel. Und da ist das Picknick mit Opel im Hintergrund, die Heckklappe geöffnet wie eine Buffet-Theke.

Heute könnte man angesichts aktueller Fotoalben glauben, das Land sei autofrei. Sollte doch mal ein Kofferraum ins Bild geraten sein, wird das Foto meistens aussortiert. (Die Alfa-Bilder sind auch noch nicht eingeklebt.) Wenn es um das Selbstbild geht, schiebt das Ego die Karre inzwischen lieber aus dem Blickfeld. Denn was früher einmal Freiheitsversprechen, Wohlstandsbeweis und Weltenöffner war, ist für immer mehr Menschen heute ein Symbol für Lärm und Dreck und Kosten.

Übertrieben?

Wer sich in Deutschland heute noch einen Neuwagen kauft, ist im Durchschnitt 52 Jahre alt. Nur noch 75,5 Prozent der 17- bis 25-Jährigen machen einen Führerschein, meldet das Wissenschaftszentrum Berlin. Die Auflage der öligen Illustrierten auto motor und sport ist in den vergangenen zehn Jahren um mehr als ein Viertel gesunken. Als deutsche Studenten vom sicher nicht ganz objektiven Netzwerkausrüster Cisco Systems gefragt wurden, ob ihnen ein Auto oder Zugang zum Internet wichtiger sei, entschieden sich drei Viertel fürs Internet. Autotaufen – "allzeit gute Fahrt!" – sind vergessenes Brauchtum.

Es ist nicht allzu lange her, da waren Autos nach der Liebe noch das meistbesungene Sujet in der Popmusik. 1970 besang die Porsche-Fahrerin Janis Joplin allenfalls halb ironisch ihre Sehnsucht nach einem Mercedes Benz. 1976 ließen Hot Chocolate die Mädchen wissen: Heaven Is In The Back Seat Of My Cadillac. Damals machten viele junge Menschen ihre ersten sexuellen Erfahrungen im Paradise By The Dashboard Light, im Licht des Armaturenbretts, wie Meat Loaf 1977 schmachtete.