Dabei gibt es weder eine Disziplin namens "neurobiologische Präventionsforschung" noch eine entsprechende Forschungseinrichtung. Wer in Göttingen danach sucht, findet am Ende eines langen Flures nur Raum E105 – das Zimmerchen von Gerald Hüther. Bis vor Kurzem suggerierte die Homepage der "Zentralstelle", sie sei eine Einrichtung der Hochschule. Das jedoch ist falsch. Laut Universität war sie allein ein "Projekt von Herrn Prof. Hüther". Das Gleiche gilt für seine Vorträge, Stiftungsaktivitäten und Bücher. Auf zwei Werke brachte es Hüther im vergangenen Jahr, mindestens drei werden es dieses Jahr werden. Die Liste seiner Zeitschriftenbeiträge ist ebenfalls bemerkenswert lang. Mit neurobiologischer Forschung im strengen Sinn aber haben Aufsätze wie Zitronenbäume pflanzen statt Zitronen ausquetschen (veröffentlicht in der Zeitschrift Gralswelt) nur wenig zu tun. Das Gleiche gilt für seine DVDs (Die Grenzen der Selbstvermarktung, 9,95 Euro).

Auf Anfrage der ZEIT stellt Hüther klar, die Zentralstelle sei nur eine "Arbeitsplattform" zur Koordinierung verschiedener Forschungsprojekte, etwa mit der Universität Mannheim/Heidelberg, gewesen. Seit Anfang dieses Jahres habe er diese Tätigkeit beendet "und damit auch diese Zentralstelle aufgelöst", auf Klappentexten aktueller Bücher taucht sie freilich noch auf. Im Übrigen sei er mit Schulthemen als Experte in vielen Gremien befasst, habe aber "nie behauptet, Forschungen auf dem Gebiet von Bildung, Schule oder Pädagogik durchgeführt zu haben".

Letzteres stimmt tatsächlich. Stattdessen hat Hüther viele Jahre lang in der neurobiologischen Grundlagenforschung gearbeitet, Untergebiet Neurochemie. Anfang der neunziger Jahre erhielt er eines der begehrten Heisenberg-Stipendien. Bis 2006 leitete er an der Göttinger Klinik eine Arbeitsgruppe. In der Hauptsache widmete er sich der Wirkung von Serotonin im Gehirn, einem wichtigen Botenstoff. Meist arbeitete er mit Ratten. Einmal sorgte er für Aufsehen mit seiner Forschung oder besser: mit seiner eigenwilligen Deutung derselben. Nach einem Rattenversuch legte er im Jahr 2001 nahe, dass Kinder, die das ADHS-Medikament Ritalin bekommen, ein höheres Risiko für eine spätere Parkinsonkrankheit trügen. Forscherkollegen im Projekt bezeichneten diese Interpretation empört als "Mischung von blumiger Rhetorik und mageren Spekulationen". Bald danach versiegte Hüthers Publikationstätigkeit in seriösen Fachzeitschriften.

Heute bezieht Gerald Hüther zwar das Gehalt eines wissenschaftlichen Mitarbeiters. Wissenschaftlich tätig im herkömmlichen Sinn ist er aber seit Langem nicht mehr. Sein ehemaliger Chef Peter Falkai, bis 2012 Direktor der Psychiatrie in Göttingen, ließ ihn gewähren und "sich seinem literarischen Werk widmen", wie er sagt. Bei Festangestellten an der Universität habe man als Vorgesetzter kaum Disziplinierungsmöglichkeiten. "Da herrscht maximale Freiheit der Forschung." Laut Universität hat Hüther in den vergangenen sechs Jahren einmal einen 90-minütigen Vortrag samt Diskussion vor angehenden Biologielehrern gehalten. Fragt man Göttinger Neurobiologen nach Hüther, so erhält man meist eine von zwei Antworten: "Die Veröffentlichungen des Kollegen sind mir nicht bekannt" oder "Ist das der aus dem Fernsehen?".

Dead wood nennt man solche Hochschulangehörigen in den USA. Nur selten aber kommt es vor, dass das, was innen als "totes Holz" gilt, nach außen als blühendes Beispiel der Disziplin erscheint. So wird Hüther in der Öffentlichkeit mal als Arzt (Neurologe) vorgestellt, mal als Experte, der "weltweit zum richtungweisenden Dutzend seines Fachs gehört" (manager magazin). Schmunzelnd erinnert sich der Klinikchef Falkai an Fragen von Bekannten, ob er "an Herrn Professor Hüthers Klinik" arbeite. Eines müsse er dem Kollegen aber lassen, sagt Falkai: "Er ist ein begnadeter Redner."

Grauer Anzug, weißes Hemd, die eine Hand in der Hosentasche, so betritt Gerald Hüther die Szenerie. Die Rede, die dann folgt, ist mit leichten Variationen ähnlich, egal, ob er vor Schulleitern, Unternehmern oder Krankenhausmanagern spricht. Hüther verknüpft kleine Anekdoten mit psychologischem Lehrbuchwissen, basale Erkenntnisse der Bindungsforschung mit Lebensweisheiten. Anfangs schlägt er oft einen pessimistischen Ton an und weist auf "die begrenzten Ressourcen" hin oder die "Zunahme psychischer Krankheiten". Ängstigen aber muss sich niemand. Hüther verpackt die Zivilisationskritik in Ironie und Geschichten. Jahrelang würden Kinder spielend und ungezwungen lernen, schwärmt er – "und dann schicken wir sie in die Schule". Da ist ihm der erste Lacher sicher.

Hüther spricht immer frei, kaum ein "Äh" stört den Strom seiner Worte. Dabei schreitet er langsam die Bühne ab. Unwillkürlich sieht man einen amerikanischen Prediger vor sich, wenn er ruft: "Es ist nicht zu spät, das Ruder herumzureißen!" Denn natürlich gibt es Hoffnung. Der Mensch ist gut, das Kind unschuldig. Nur die Welt ist es leider nicht. Da sind Eltern, die an ihnen herumerziehen, Ärzte, die Ritalin verschreiben, und Lehrer, die Noten geben. Dabei sollte man die Kinder nur sich selbst überlassen: im freien Spiel, in der Natur, im gemeinsamen Unterrichtsprojekt. Dann wüchsen sie von selbst und die Synapsen mit ihnen. "Im vorherigen Jahrhundert dachte man noch, Unterricht könne das Gehirn beeinflussen", ruft Hüther. Mehr braucht er nicht zu sagen. Der Saal jubelt.

Diese Botschaft von dem guten Kind und der bösen Gesellschaft mit ihren Zwangsanstalten verkünden neben Gerald Hüther auch Richard David Precht oder Jesper Juul. Man kennt sie seit Jean-Jacques Rousseaus Émile. Für die Pädagogik ist sie weitgehend fruchtlos. Aber das hindert nicht einmal die vielen Lehrer unter den Zuschauern am Applaus. Die Sehnsucht, endlich von den Mühen des Alltags zwischen erster Stunde und abendlicher Klassenarbeitskorrektur befreit zu werden, scheint groß zu sein. Ebenso die Hoffnung, dass es doch eine andere Welt gibt. Eine Welt, in der die Schüler ganz von alleine einsehen, dass sie sich anstrengen müssen. In der Lehrer nicht mehr Lehrer sind, sondern Coachs und, ja, Freunde. "Aus der Alltagsverzweiflung vieler Lehrer erwächst der Wunsch nach Feldgottesdiensten und Priestern", sagt der Journalist und Filmemacher Reinhard Kahl. Jahrelang hat Kahl (auch als ZEIT-Autor) Gerald Hüther mit seinen Beiträgen selbst ein Forum gegeben. Heute sieht er manches kritischer.

Die Bildungsprediger nähren alle dieselbe Illusion. Mit Verweis auf die Hirnforschung suggerieren sie: Kinder wollen lernen – aber die Schule hindert sie daran. Das Problem, dass englische Vokabeln oder der Dreisatz anders gelernt werden müssen als Krabbeln und Laufen, lösen die Bildungsgurus in pädagogischer Poesie auf. Für Hüther heißen die zentralen Metaphern "Begeisterung" und "Potenzialentfaltung". In jedem Vortrag kommen sie vor. Denn was man mit Begeisterung lerne, bleibe hängen, sei "Dünger fürs Hirn".

Mit neurobiologischer Forschung hat das wenig zu tun. Genau genommen kommt die Hirnforschung in Hüthers Vorträgen kaum noch vor. Der Biologe vertraut auf die Magie, die Wörter wie "präfrontaler Kortex", "emotionale Zentren im Mittelhirn" oder "neuroplastische Botenstoffe" im Publikum entfalten. " Applied Neuroscience " nennt Hüther diese inzwischen perfektionierte Kunstform.