"Wo bleiben die Intellektuellen?", fragte dieser Tage der ehemalige Innenminister Gerhart Baum verzweifelt und sehnte sich nach den guten alten Zeiten der Bundesrepublik. Die Großthemen, so klang es, lägen auf der Straße, doch die Intellektuellen dämmerten vor sich hin.

Das stimmt nicht ganz. Auch heute gibt es noch wichtige Kontroversen. Aber sie werden nicht mehr unbedingt auf den Haupt- und Staatsbühnen ausgetragen, sondern in kleinen, ehrgeizigen "Programmtheatern". Ein Beispiel dafür ist der von den Blättern für deutsche und internationale Politik angestoßene Streit zwischen dem Philosophen Jürgen Habermas und dem Soziologen Wolfgang Streeck über die Europäische Union (Zeit Nr. 21/13). Schon beim ersten Schlagabtausch entstanden Schlüsseltexte, die fast alles auf den Tisch beförderten, was über die Jahre sauber versiegelt in separaten akademischen Schubladen eingelagert war.

Die Vorgeschichte ist schnell erzählt. Im Sommer 2012 hielt Streeck in Frankfurt die Adorno-Vorlesungen, in denen er – für dortige Ohren ausgesprochen wuchtig – mit dem "Marktradikalismus" der Europäischen Union abrechnete. Aus den Vorlesungen entstand sein Buch Gekaufte Zeit (Suhrkamp), das nicht nur ins Herz der Standardökonomie zielte, sondern auch auf den Euro-Idealismus linksliberaler Freunde (vgl. ZEIT Nr. 11/13) . These eins: Der Kapitalismus ist aus sich heraus nicht lebensfähig und muss vom Bürger durch pünktliche Zufuhr von Steuergeldern immer häufiger vor seinem drohenden Exitus gerettet werden. These zwei: Der Europäischen Union ist nicht zu trauen. In Wirklichkeit ist sie das Trojanische Pferd des Neoliberalismus und zwingt allen Nationen eine durchökonomisierte Lebensform auf, eine "kapitalistische Monokultur". Streecks Empfehlung: Ausstieg aus dem Euro, damit sich die Regierungen durch Währungsabwertung gegen das Brüsseler "Umerziehungsprogramm" wehren können.

Jürgen Habermas nannte Streecks Vorschlag "nostalgisch"; die Rückkehr in die nationale Wagenburg sei wirklichkeitsfremd, weil die Staaten nur gemeinsam dem Finanzkapital Paroli bieten könnten. Dafür müsse allerdings die EU demokratisiert und ein "Exekutivföderalismus" verhindert werden (Blätter Nr. 5/13, wieder abgedruckt in Im Sog der Technokratie, Suhrkamp).

Genau diese Hoffnung teilt Streeck nicht. Er glaubt nicht, dass "Marktanpassungszwänge durch ein Großeuropa in den Griff zu bekommen" sind, und auch den Vorwurf, er träume vom alten Nationalstaat, will er nicht auf sich sitzen lassen. In der Septemberausgabe der Blätter (Vom DM-Nationalismus zum Euro-Patriotismus?) wirft er Habermas vor, er mache den Bock zum Gärtner und verteidige ein Projekt, das die Staatsvölker durch die neoliberale Mangel drehe und den "letztmöglichen Zeitpunkt seiner Demokratisierbarkeit längst verpasst" habe. "Wie kann es sein, dass jemand wie Jürgen Habermas uns rät, an einem derartig monströsen Gebilde festzuhalten, dem selbst dessen treueste ökonomische Parteigänger nur dann eine Überlebenschance einräumen, wenn es durch ›Reformen‹ noch monströser würde?"

Streeck, und das ist ihm wichtig, geht es nicht um den Nationalstaat "als solchen"; es geht ihm um die "demokratischen Institutionen, die der Nationalstaat denjenigen zur Verfügung stellt, die sich dem Vormarsch des Neoliberalismus entgegen stellen". Nur die nationalstaatlichen Institutionen, glaubt er, schützten vor dem Brüsseler Dickschiff, genauer: vor dessen neoliberalen Kapitänen, die die europäische politische Gemeinschaft als reine "Geldgemeinschaft" definierten, mit dem Euro als Totem auf der Flagge. Wo immer sie aufkreuzten, werde "marktgerecht durchrationalisiert" und beispielsweise der "archaische Klientelismus Siziliens oder Griechenlands durch den postmodernen Klientelismus des Finanzkapitals" ersetzt. Am Ende stünden "neue Schuldenberge und ein immer niedrigeres Wachstum bei immer ungleicherer Verteilung". Man sieht, eine Abneigung gegen kalkulierte Übertreibungen wird man Streecks fulminanter Replik nicht nachsagen können, und so darf man sicher sein: Fortsetzung folgt.