André Schürrle zeigt mit dem Finger auf die Spitze eines Glaspalastes, der wie ein überdimensionaler Dominostein direkt an der Themse liegt. "Ganz da oben wohne ich!" Schürrle flüstert fast, so als könne er es selbst kaum glauben, dass ihn sein neues Leben nach London verschlagen hat. Wenige Hundert Meter entfernt lädt ein Hubschrauber Touristen zum Rundflug ein, das London Golf Center ist zu Fuß zu erreichen und über allem wacht eine Security-Firma, die Schürrles neues Heim nicht aus den Augen lässt. Die Grasflächen sind abgemessen, weder ein Kinderlachen noch Hundebellen ist zu hören. Er habe sich zwischen einer Wohnung im Zentrum und einem Haus am Stadtrand entscheiden können, sagt Schürrle fast entschuldigend: "Aber was soll ich denn allein auf dem Land?"

Er schlendert an der Fassade des Glasbaus entlang, geht direkt auf die Themse zu und setzt sich auf einen Baststuhl auf der Terrasse des Waterfront Restaurants im Erdgeschoss des Hauses. Die Bedienung kennt den schmalen, blonden Mann aus Deutschland schon. Ein paar Mannschaftskollegen wohnen im Nachbarhaus, manchmal essen die Spieler des FC Chelsea hier gemeinsam zu Abend. Trotz dieser Treffen macht der deutsche Fußballnationalspieler in London eine Erfahrung, die er bisher noch nicht machen musste: Zum ersten Mal in seinem Leben ist der 22 Jahre alte Schürrle auf sich allein gestellt.

Seit Weihnachten vergangenen Jahres ist er nicht mehr mit seiner Partnerin zusammen. Die Psychologiestudentin aus seinem Geburtsort Ludwigshafen und Schürrle waren fast sechs Jahre lang ein Paar. Seine Freundin hatte ihn auf dem Weg vom Jugendspieler bei Mainz 05 bis in die Nationalmannschaft begleitet. Liebes-Aus titelte die "Bild"-Zeitung damals. Er fuhr erst mal mit Freunden in den Urlaub nach Dubai. "Eine sehr wichtige Beziehung ist die zu meiner Familie", sagt er heute. Er habe schon immer eine starke Bindung zu seinen Eltern und seiner Schwester gehabt.

Anders als seine Mitspieler, die in einem Fußballinternat aufgewachsen sind, blieb Schürrle in seinem Elternhaus wohnen. Als er begann, unter professionellen Bedingungen für die A-Jugend von Mainz zu spielen, besuchte er weiter das Gymnasium in Ludwigshafen; Leistungskurse: Mathe, Erdkunde und Englisch. Er fuhr täglich mit dem Zug eineinhalb Stunden nach Mainz zum Training und wieder zurück. "Ich war immer in Eile, musste rennen, um die Bahn zu erreichen." Er sollte ein normales Familienleben führen, das war der Wunsch seiner Mutter. Obwohl der Sport eine große Rolle in der Familie spielte – die Schwester nahm in der Jugend an deutschen Leichtathletikmeisterschaften teil –, versuchten die Eltern, Grenzen zu ziehen. Vor allem ihr Sohn sollte sich von der Welt des Profisports mit all den Einflüsterern nicht vereinnahmen lassen.

Deshalb hat Joachim Schürrle, ein Diplom-Volkswirt, nebenbei auch die Betreuung seines Sohnes übernommen, dessen Karriere bis hinauf in die Nationalmannschaft begleitet und gefördert. Nur bei komplizierten Vertragsverhandlungen zog das Vater-Sohn-Team einen Profi hinzu. "Den haben wir uns vor meinem Wechsel in die erste Mannschaft von Mainz ganz genau ausgewählt", sagt André Schürrle. Dabei sei es zugegangen wie bei einer dieser Castingshows im Fernsehen. Am Ende entschieden sich Vater und Sohn für eine kleine Agentur. Sie hatte versprochen, André als sogenannten Key-Spieler zu führen, als ihren wichtigsten Mann.

Gerade volljährig, absolvierte er sein erstes Bundesligaspiel für Mainz 05. Mit 20 Jahren wechselte er zu Bayer Leverkusen. Am 18. August 2013 lief er zum ersten Mal für den FC Chelsea in London auf, einen Verein, den er selbst als "Weltklub" bezeichnet. An diesem Freitag tritt er als einziger deutscher Spieler im Kader in Prag im Endspiel des Supercups gegen den FC Bayern München an. Schürrle ist in einer Fußballwelt angekommen, die nur wenigen Spielern vorbehalten ist. Eine Traumkarriere im Schnelldurchlauf.

Er ist einer von mehreren deutschen Nationalspielern, die in letzter Zeit zu Vereinen im Ausland gewechselt haben. Mesut Özil und Sami Khedira gingen nach der WM 2010 zu Real Madrid. Sie erkämpften sich dort nicht nur einen Stammplatz, sie entwickelten ihr Spiel weiter.

Wird Schürrle einen ähnlichen Weg gehen?

Khedira und Özil hatten im Vergleich zu André Schürrle bereits ihre Rolle im Verein gefunden. Bevor sie nach Spanien wechselten, hatten sie gelernt, mit großem Druck, mit Erfolgen und Niederlagen in Topteams umzugehen. Auch André Schürrle ist ein ganz besonderer Fußballspieler, der am liebsten, vom linken Flügel aus kommend, sich in die Mitte hindurchspielt und aus der Distanz abzieht. Aber Schürrle gehörte bisher weder bei seinem letzten Verein, Bayer 04 Leverkusen, noch in der Nationalmannschaft zu den unumstrittenen Spitzenkräften, seinen Platz hat er noch nicht gefunden, er ist noch auf der Suche – auf und neben dem Spielfeld.