Der Klassiker ist immer noch das Lehrbuch Chemische Kampfstoffe aus dem Militärverlag der DDR (1985). Es beschreibt in kalter technischer Sprache, was Nervengas innerhalb "weniger Minuten" anrichtet: "Erbrechen, Muskelzuckung, schwere Krämpfe, Tod durch Atemlähmung". Der Dichter Wilfred Owen, einer der bedeutendsten englischen Zeitzeugen des Ersten Weltkriegs, beschreibt in seinem berühmtesten Gedicht (Dulce Et Decorum Est), wie ein Kamerad im Gasangriff fällt: "Aber jemand schrie da noch und taumelte / Und zappelte wie ein von Feuer oder Ätzkalk Verbrannter. / Undeutlich, durch die beschlagene Scheibe und trübes grünes Licht / Wie in einem grünen Meer, sah ich ihn ertrinken. / In all meinen Träumen, vor meinen hilflosen Augen, / Taucht er auf mich zu, flackernd, würgend, ertrinkend."

Seit dem Ersten Weltkrieg, seit "Kaisers chlorreichen Siegen" (Karl Kraus), ist Gas nur gegen Wehrlose benutzt worden, die nicht in gleicher Münze zurückzahlen konnten. Nazideutschland hat Millionen von Juden im Gas umgebracht, hat es aber nicht gewagt, die Schreckenswaffe gegen die Alliierten einzusetzen. Denn die hielten Hunderttausende von Tonnen Gas zur Vergeltung bereit. In den dreißiger Jahren mordete Mussolinis Armee Abessinier, die mit Pfeil und Bogen kämpften; die Japaner wüteten in China. In den Sechzigern griff Ägypten mit Senf- und Phosphatgas in den jemenitischen Bürgerkrieg ein. In den Achtzigern hat Saddam Hussein 5.000 kurdische Zivilisten in Halabdscha einen qualvollen Tod sterben lassen.

Und jetzt sind die USA, England und Israel überzeugt davon, dass das Assad-Regime etwa 300 Menschen mit Kampfgas umgebracht hat.

Eine "Antwort" stehe "kurz bevor", glaubt Senator Bob Corker nach Gesprächen mit Regierungsvertretern. Freilich will Washington erst noch den Verdacht bestätigt sehen. Waren es Regimetruppen und nicht die Rebellen, die ein Interesse daran hätten, den Westen gegen Assad in den Krieg zu ziehen, gäbe es keine moralischen Zweifel mehr. Gas ist nicht die "effizienteste", aber die gemeinste Waffe, weil sie seit 1918 nur gegen Hilflose eingesetzt wird.

Und doch sollte Krieg nicht nur ein moralischer Reflex, sondern auch wohlbedacht sein. Was Amerika und England vorhaben (und am Erscheinungstag schon getan haben könnten), ist eine Strafaktion, die vielleicht zwei Tage dauert – mit Marschflugkörpern vom Meer, womöglich auch mit Bombern, die aus Amerika einfliegen. Ein "chirurgischer Eingriff" eben. Und dann? Das Assad-Regime kämpft auf Leben und Tod; seit fast drei Jahren zeigt es eine unglaubliche Fähigkeit, auch die fürchterlichsten Schläge wegzustecken. Die kalte strategische Logik gebietet: entweder richtig oder gar nicht. "Richtig" bedeutete einen wochenlangen Luftkrieg, der Assads Kriegsfähigkeit zunichtemacht. Es bedeutet eine "No Fly"- und "No Move"-Zone.

Und dann? Im Bürgerkrieg gibt es keinen Verhandlungsfrieden. Entweder die eine oder die andere Seite gewinnt. Der Sieger nimmt grausame Rache an den Verlierern und baut ein neues Unterdrückungssystem auf. Bomber befrieden nicht; die Schutzverantwortung fordert eine dauernde Militärpräsenz (die der Westen in Afghanistan und im Irak nicht durchgehalten hat). So weit wollen wir nicht denken im gerechten Zorn? Dann "Feuer frei!" für die Tomahawk-Flugkörper.