Früher nannte man so etwas Junggesellenliteratur. Sie wurde geschrieben von Herren in bestem Mannesalter und handelte von ebensolchen Herren, die alleine in Dachstuben hausten, wo sie des Nachts in ihrem harten Bett nur mit der eigenen Einsamkeit zusammenlagen, morgens ihre löchrigen Socken im Waschbecken auswuschen und mittags verschreckt und ziellos über die geschäftigen Boulevards huschten. Rilkes Malte Laurids Brigge gehört dazu, Fernando Pessoas, Robert Walsers und Emmanuel Boves Helden waren solche Großstadtgespenster, deren Vereinsamung nur noch von ihrer Hyperempfindsamkeit übertroffen wurde. Die Junggesellenliteratur war das Ergebnis eines Zusammenstoßes zwischen der sensiblen Künstlerseele der vorvorigen Jahrhundertwende und dem Grobianismus des sich industrialisierenden Zeitalters. Der Dadaist Hugo Ball – ratlos, wie sich die neue vorlaute, schnelle Welt ertragen ließe – empfahl im Jahr 1927 die "Flucht aus der Zeit" und verzog sich in den Schoß der katholischen Kirche.

Seither ist der durchschnittliche literarische Held alles in allem geselliger, dickhäutiger und robuster geworden. Doch in diesem Herbst kehrt der zartfühlende Weltflüchtling, deutlich gealtert, auf die literarische Bühne zurück. Es sind Autoren in fortgeschrittenem Mannesalter, deren Sonderlinge die Erinnerung an den tragischen Junggesellen am Beginn der Moderne wieder lebendig werden lassen. Uwe Timm (73) verbannt den Helden seines gerade erscheinenden Romans Vogelweide auf eine nur bei Ebbe mit dem Pferdewagen zugängliche menschenleere Elbinsel. Eugen Ruge (59) setzt den Erzähler seines Romans Cabo de Gata in einem gottverlassenen spanischen Fischerdorf ab. Botho Strauß (68) besingt in seinem druckfrischen Aphorismenbuch Lichter des Toren den Außenseiter, der sich in die Wildnis seines vom Schmutz der Gegenwart verschonten Herzens zurückzieht. Diese Männer haben hingeworfen, wovon alle anderen noch träumen – Karriere, Liebe, Ansehen, Komfort.

Sie sind geschieden, haben entweder die Lust an ihrem Job oder die Bankkredite für ihr Unternehmen verloren, haben sich aus der Welt der Informierten und der Medien zurückgezogen und mussten ihre teuren Einbauküchen gegen ein schlichtes Klappmesser eintauschen, mit dem sie in der Einöde Konservendosen aufhebeln. Der Gegenwartsmensch mag sich abrackern für das "Hyperleben" mit "zwei Autos, Stadtwohnung und Landhaus, Motorrad, Motorroller, Rennrad für den Tiergarten, Mountainbike für die Uckermark" (Uwe Timm), für "den falschen Schein der eigenen Epoche" (Botho Strauß), für "Worte wie Absatz, Vertrieb, Prozent, Gewinnspanne" (Eugen Ruge). Die Helden des Rückzugs sind arm, aber wesentlich. Betagte Robinson-Darsteller, die zur Unschuld ihrer Anfänge zurückfinden, Vögel beobachten und Sterne zählen. Mit der Rückkehr des enttäuschten und vereinsamten weißen alten Mannes auf die Bestsellerlisten der Saison werden wir die kalten Herbstabende in wohliger Melancholie überstehen.