ZEITmagazin: Herr Fischer, als Sie 2004 als Bundespräsident vereidigt wurden, war auch Ihr 94-jähriger Schwiegervater dabei. Warum war das für Sie so wichtig?

Heinz Fischer: Mein Schwiegervater war Jude und Sozialdemokrat. Nach dem sogenannten Anschluss Österreichs an Hitler-Deutschland kam er ins Konzentrationslager, zuerst nach Buchenwald und dann nach Dachau. Seine Mutter, seine Schwester und viele andere aus seiner Familie haben den Holocaust nicht überlebt. Er selbst ist aus dem KZ entlassen worden, als ein von Freunden vermitteltes Visum eintraf und er nach Schweden emigrieren konnte. Für ihn war es der absolute Kontrast zu diesen dunklen Stunden, dass er im hohen Alter in der österreichischen Bundesversammlung erlebte, wie sein Schwiegersohn als Bundespräsident des Landes vereidigt wurde, das er als rechtloser Häftling und Flüchtling verlassen musste.

ZEITmagazin: Hat diese familiäre Erfahrung sich auch auf Ihre Arbeit ausgewirkt?

Fischer: Ich glaube schon. Auch mein Vater hat in der NS-Zeit seinen Posten und die Wohnung verloren, das alles hat mich zeitlebens beeinflusst. Demokratie gilt in unserer Familie als unverzichtbar. In den frühen sechziger Jahren habe ich den NS-gläubigen Universitätsprofessor Taras Borodajkewycz in einem Zeitungsartikel wegen eindeutig antisemitischer Auslassungen in seinen Vorlesungen heftig attackiert. Und als Parlamentarier und Parlamentspräsident hat mich die Aufarbeitung unserer Geschichte weiter sehr beschäftigt. Die Lehre ist eindeutig: Die Menschenwürde muss unantastbar sein und bleiben.

ZEITmagazin: 1995 sind Sie wegen der Affäre um Kardinal Groër, dem sexueller Missbrauch vorgeworfen wurde, aus der Kirche ausgetreten. Warum dieser große Schritt?

Fischer: Die Affäre mit Kardinal Groër hat mich sehr betroffen gemacht. Ich war aber auch schon vorher kein gläubiger Kirchgänger, habe standesamtlich geheiratet und komme auch nicht aus einer religiösen Familie. Für das Phänomen Religion habe ich großen Respekt, aber ich bin Agnostiker: Ich trenne den Bereich des Glaubens vom Bereich des Wissens.

ZEITmagazin: Sie werden oft als innerlich stabil bezeichnet. Gab es irgendwann auch mal eine Situation, in der Sie mit der Welt nicht klarkamen?

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Fischer: Natürlich gibt es Katastrophen, große in der Welt oder private im Freundes- oder Bekanntenkreis, die einen aufwühlen. Ganz persönlich habe ich als Kind mal einen ziemlich großen Schrecken erlebt: Auf meinem Schulweg standen viele große, schöne Gaslaternen. Eines Tages habe ich meine Steinschleuder dabeigehabt und habe mit ein paar Kieseln auf eine dieser Straßenlaternen gezielt. Es hat geknallt, sie war kaputt beim ersten Schuss. Und auf diesem Heimweg habe ich noch einige weitere zerschossen, weil ich stolz war, dass ich so gut getroffen hatte. Vier oder fünf Tage später waren sie alle wieder repariert, und ich konnte nicht der Versuchung widerstehen, meine Treffsicherheit erneut zu erproben. Daraufhin hat aber die Polizei keinen Spaß mehr verstanden. Sie hat Anwohner und Mitschüler befragt, und sehr bald stand ein Polizist vor unserer Haustür, berichtete meinen entsetzten Eltern den Sachverhalt, der übrigens außerordentlich kostspielig war, und drohte mit einem Jugendgerichtsverfahren. Ich war wie vom Donner gerührt.

ZEITmagazin: Hat der Besuch der Polizei Sie vor weiteren Streichen bewahrt?

Fischer: Es war für mich der erste Anstoß, um zu begreifen, dass man die Konsequenzen seines Handelns bedenken muss. Später habe ich eher als solide und berechenbar gegolten und einen großen Teil meiner Zeit mit Universitätspolitik, mit Büchern, Fußball und Bergsteigen verbracht. Ich habe bis zu meinem 30. Lebensjahr keinen Tropfen Alkohol getrunken, versuche gesund zu leben, und alle meine Freunde wissen, dass ich von jeder Veranstaltung – außer beim Opernball – vor elf Uhr nach Hause gehe.

ZEITmagazin: Als Sie Bundespräsident wurden, sagten Sie, Sie seien im Haushalt immer noch für die gleichen Dinge zuständig wie vorher...

Fischer: Ja, da hat sich nichts geändert. Meine Frau und ich wohnen ja auch seit vierzig Jahren in derselben Wohnung. Ich kümmere mich zu Hause um die Getränke, mache das Frühstück und bin für Küchendienste wie Salatmachen, Karottenschälen und Kaffeekochen einsetzbar. Wenn wir privat Gäste in unsere Wohnung einladen, kocht meine Frau. Das alles hat auch den Vorteil, dass wir uns nicht allzu sehr umstellen müssen, wenn meine Amtszeit im Juli 2016 wieder zu Ende geht. Das ist eigentlich ein gutes Gefühl.