© Droschl Verlag

Eine Stadt in Aufruhr. Wien, Februar 2000, ein schwarz-blaues Kabinett regiert, die FPÖ ist an der Macht. "Eine Rasse von braungebrannten, strahlenden Siegertypen hat unter der Führung von zwei bösartigen Gnomen die Macht übernommen", heißt es bei Thomas Stangl. In den Straßen und auf den Plätzen formiert sich der Protest, es sind Tausende, "Widerstand, Widerstand" rufen sie; es wird, man weiß es, wenig helfen.

Regeln des Tanzes, der neue Roman des Wiener Schriftstellers Thomas Stangl, der auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis steht, hebt an in einem Tonfall des Furors. Streckenweise ist es ein Rausch aus Wut und Empörung, den Stangl allerdings nicht sich selbst überlässt, sondern in sich wiederum fein nuanciert und orchestriert. Zwei Schwestern, beide Anfang zwanzig, werden aus unterschiedlichen Erzählperspektiven, mal in der zweiten, mal in der dritten Person, auf ihren Wegen durch die Stadt begleitet. Stangl, das weiß man aus seinen vorangegangenen Romanen, ist ein Schriftsteller, der sich, wenn es um das Politische geht, nicht den generalisierenden Schimpftiraden des späten Thomas Bernhard verschreibt, sondern das Innen und das Außen untersucht, die offiziell festgehaltenen historischen Ereignisse und deren Wechselwirkung hinein ins Private der Figuren.

Von den großen Ereignissen, von Umstürzen und Revolutionen mag immer wieder die Rede sein, doch Stangls Blick arbeitet nicht am Panorama, sondern verharrt konsequent in der Innenperspektive seiner Figuren. Welterkenntnis und mögliche Weltveränderung können auf diese Weise, wenn überhaupt, nur Resultate von Selbsterfahrung sein, die aber wiederum permanentem Zweifel unterzogen ist: Was ist Wahrheit? Was ist Realität, und was ist Produkt einer Illusionsmaschine? Zwei Schwestern also, Mona heißt die eine, die andere bleibt namenlos. Tänzerinnen sind sie wohl, rastlos sind sie beide, getrieben, hochnervös; eine Atemlosigkeit, die hin und wieder an die Prosa einer Marlene Streeruwitz erinnert. Die eine Schwester lässt sich mitreißen vom Strom der Demonstrationen; die andere, Mona, geht ihre Sonderwege, verschwindet für Wochen, strandet hier und dort, bei Männern, in Kneipen, um schließlich in einem Akt vollendeter Konsequenz ihre Selbstauslöschung zu betreiben.

Regeln des Tanzes ist ein Roman, der in Einzelbilder aufgelöst ist. Immer wieder halten die Figuren in der Vorstellung inne, soeben in einer Fotografie fixiert zu werden, und überprüfen daraufhin das Verhältnis von Selbstwahrnehmung und fremdem Blick. Mit diesem Reflexionsprozess ist auch die dritte Erzählperspektive des Romans verknüpft: Im Jahr 2015 findet Dr. Walter Steiner, ein Mann Mitte sechzig, der in früheren Zeiten eine Theorie über die "revolutionäre Kunst als Selbstabschaffung des Künstlers" formuliert hat, in einem Mauerspalt zwei Dosen mit Filmrollen. Er lässt die Papierabzüge entwickeln und stößt auf Fotografien unter anderem von Monas Beerdigung. Seinerseits betäubt vom Schmerz einer gescheiterten Beziehung und einer leeren Existenz, begibt er sich auf die Spuren der Schwestern. Er findet die eine, die Überlebende. Die Bekanntschaft mündet in ein Finale, in dem Steiner auf einer Bühne zum Mitspieler wird. Leben und Kunst überlagern sich in einem Augenblick der Selbstentblößung. Ob das als Kunstwerk geglückt ist oder nicht, lässt Stangl innerhalb des Romans offen. Regeln des Tanzes dagegen ist eine überaus gekonnte Choreografie von Dichotomien.