In Berlin hat es geregnet, und in Breslau regnet es immer noch. Aus einer dichten, rauchgrauen Wolkendecke schüttet es aufs schlesische Hügelland, das sich in grünen Wogen bis zum Horizont aufwölbt. Wir fahren durch kleine Dörfer, vorbei an verwitterten Kleinstädten und verfallenen Adelssitzen. Hinter der tschechischen Grenze wird aus dem schlesischen Hügelland ein ernst zu nehmendes Mittelgebirge, aber es hört nicht auf zu regnen. "Vielleicht hört es nie mehr auf", sagt Jaroslav Rudiš. Dem tschechischen Schriftsteller gefällt die Vorstellung, dass wir die Heimat seiner berühmtesten Figur bei diesem Sauwetter erkunden müssen. Alois Nebel, der Held der gleichnamigen, in viele Sprachen übersetzten Graphic Novel, sei schließlich auch kein Sonnenschein.

Tagein, tagaus versieht er mit Schirmmütze und frisch gestutztem Schnurrbart an einem kleinen Provinzbahnhof im Altvatergebirge, dem nördlichen Teil des ehemaligen Sudetenlandes, seinen Dienst. Ein Pünktlichkeitsfanatiker, der in seiner Freizeit gerne alte Fahrpläne liest. Ende der achtziger Jahre wird er verrückt. Denn Alois sieht, was er nicht sehen darf: Züge, die aus einer dunklen Vergangenheit kommen und über sein kleines Leben hinwegrollen.

In Tschechien ist dieser traurige Eigenbrötler seit Jahren eine Kultfigur, die Verfilmung seiner Geschichte war trotz der radikalen, schwarz-weißen Arthouse-Ästhetik ein großer Publikumserfolg. Vergangenes Jahr wurde sie mit dem Europäischen Filmpreis ausgezeichnet und erhielt zwei Vornominierungen für den Oscar. Nur in Deutschland hat es noch einmal ein Jahr gedauert, bis sich ein Verleih fand, der Alois Nebel nun im Oktober in die Kinos bringt. Eine Eisenbahnergeschichte aus dem Sudetenland, das klang hierzulande zu sehr nach Vertriebenen-Story, nach tränenreichem Drama und krachledernen Revanchisten im Publikum. Was für ein Missverständnis! Rudiš lacht. "Als wir um die Jahrtausendwende mit Alois Nebel anfingen, war das Punk."

In Deutschland denkt man an Pfingsttreffen und rückwärtsgewandte Geschichtspolitik, sobald das Wort Sudetenland fällt. In der tschechischen Erinnerung dagegen war die einst mehrheitlich von Deutschen besiedelte Region bis zur Jahrtausendwende ein weißer Fleck, der sich – auch wegen Alois Nebel – nun langsam wieder mit Geschichte und Geschichten füllt. Inzwischen, sagt Rudiš, der selbst aus dem Sudetenland stammt, aus Nordböhmen allerdings, fänden vor allem jüngere Menschen hier etwas, was sie in den urbanen Zentren vergeblich suchten: eine wilde, scheinbar unberührte Landschaft mit großem "dramatischem Potenzial". Es dauert allerdings ein bisschen, bis man das begreift. Zuerst einmal hat es den Anschein, als würde man durch ein Zeitloch zurück in die achtziger Jahre fallen.

Das Auto brettert über eine löchrige Piste einen Bergrücken hinauf. An den Hängen vor der Kleinstadt Branná warten Skilifte reglos auf den nächsten Winter, auf dem Parkplatz vor dem einzigen Hotel steht groß, grau, eine Selbstgedrehte hinterm Ohr, Rudis Koautor, Jaromír Švejdík – Künstlername Jaromír 99. "Wolltet ihr nicht gestern schon kommen?", fragt der Zeichner, dem Comic und Film ihre harte, holzschnittartige Bilderwelt verdanken. "Nee, wollten wir nicht." – "Ach so."

Das Nebel-Land ist offenbar kein Ort, an dem es auf einen Tag mehr oder weniger ankommt. In der für ihre Cremeröllchen berühmten Konditorei gegenüber vom Hotel verkündet ein handgeschriebener Zettel: "Sind im Herbst wieder für Sie da." Die Schlossanlage von Branná, ein paar Hundert Meter den Berg hinab, wurde vor ein paar Jahren von einem Investor eingerüstet. Seither knattert der Wind in den Bauplanen. Ansonsten: eine Kirche, ein großer Friedhof und ein kleines Rathaus, dessen Dachfirst die Türme der Prager Karlsbrücke imitiert. Als der Himmel einmal für ein paar Minuten aufreißt, blicken wir in eine postkartenschöne Bergwelt mit grünen Auen und baumbestandenen Gipfelketten, hinter denen langsam eine milchige Sonne verschwindet.

Der Bahnhof, an dem Alois Nebel kurz vor der Samtenen Revolution den Verstand verliert, liegt ein paar Autominuten weiter nördlich in Horní Lipová. Wie ein Modelleisenbahnklischee thront er mit seiner gusseisernen Veranda über dem Dorf. Auf dem Tisch im Wartehäuschen liegt eine Spitzendecke, darauf steht ein Blumenstrauß. Anders als im Comic arbeiten hier ausschließlich Frauen. Als sie Rudiš und Švejdík in der Tür erblicken, rollen sie mit den Augen. "Ihr schon wieder." Seit dem Hype um Alois Nebel ist es mit ihrer Ruhe dahin. Ständig, so klagen die Bahnwärterinnen, kämen Leute, Prager zumeist, die gehört haben, dies sei der Bahnhof von Bílý Potok – so heißt der Ort im Comic. Um die Damen ein wenig zu entlasten, hat das Fremdenverkehrsamt an der Außenwand ein Transparent anbringen lassen. "Alois-Nebel-Bahnhof, Bílý Potok". Faltblätter werben für eine Alois-Nebel-Tour über den "tschechischen Semmering".

New Wave im Altvatergebirge

Das Wirtshaus, im Comic ein zentraler Ort, an dem die verschiedenen Erzählstränge immer wieder zusammenkommen, wenn Polizisten, zwielichtige Geschäftemacher, russische Generale, käufliche Provinzschönheiten und ganz normale Reisende ihr Bier trinken, muss man sich dazudenken. Zurück in Branná, finden wir eine Kellerkneipe, die es in ihrer düsteren Romantik durchaus mit dem fiktiven Bahnhofslokal aufnehmen kann. Unverputzte Wände, rohe Holztische, auf denen Kerzen flackern. Am Tisch vor dem Tresen sitzen ein paar Drop-outs, die beschlossen haben, dass das europäische Rauchverbot zwar für Tabak, nicht aber für Marihuana gilt. Der Wirt, ein langhaariger Kerl mit zerschlissenen Jeans, hat bis vor wenigen Monaten noch als Sportmediziner in Prag gearbeitet, jetzt improvisiert er mit ein paar Freunden an der Gitarre. Als er bemerkt, dass er hohen Besuch hat, reicht er Rudiš seinen Joint und Švejdík das Instrument. "Du bist doch der Typ von Priessnitz, oder?" Švejdík schaut auf den Joint, den er wohl auch nehmen würde, greift dann aber doch zur Gitarre.

Priessnitz ist eine 1991 im Altvatergebirge gegründete New-Wave-Band, als deren Frontmann man Švejdík in Tschechien auch kennt. Damals war der Bandname eine ziemliche Provokation: Er geht zurück auf einen sudetendeutschen Wasserdoktor, der auf einem Berg über Švejdíks Heimatstadt Jeseník lange vor Kneipp Zivilisationszipperlein mit kalten Güssen kurierte. "In den Achtzigern hatte man uns in der Schule noch weisgemacht, die Deutschen seien erst mit den Nazis ins Land gekommen und mit ihnen auch wieder vertrieben worden", sagt Rudiš. Nur die alten Firmenschilder und Fassadenmalereien, die der sozialistische Verfall wieder zutage förderte, erinnerten noch an die Deutschen, die hier seit dem Mittelalter gelebt hatten.

Die Lieder, die Švejdík jetzt in der Kneipe anstimmt, klingen ein bisschen wie Tocotronic in ihrer depressivsten Phase. Sie handeln von verschwundenen Nachbarn, von gebrochenen Versprechen, auch von den Scheiterhaufen, auf denen hier bis ins 18. Jahrhundert hinein vermeintliche Hexen verbrannt wurden. "Ich hatte immer das Bedürfnis, dieser Region ihre Geschichten zurückzugeben", sagt Švejdík. Und er hatte wohl auch große Lust, allen, die davon nichts wissen wollten, fest vors Schienbein zu treten. Bei der Jugend, die die alten Lügen satthatte, wurde er schnell zum Star.

Wenn man so will, ist der um die Jahrtausendwende in einer Prager Kaschemme entstandene Comic die literarische Fortsetzung dieses undergroundigen Wühlens im Verdrängten. Immer wieder sieht Alois Züge, mit denen die Deutschen 1945 heim ins Reich gebracht werden, gegen ihren Willen und für immer. Und er sieht noch mehr: Züge voller deutscher Soldaten, die bis hinter den Ural fahren, und solche, die nur bis Auschwitz kommen. Den gesamten Horror des 20. Jahrhunderts.

Als wir am nächsten Morgen am Alois-Nebel-Bahnhof in den Zug steigen, der gar kein richtiger Zug ist, sondern nur ein kleiner Triebwagen, der die Berge hinaufschnürt, sieht man Kinder, die zur Schule fahren, Frauen mit Einkaufstaschen auf dem Weg in die nächstgrößere Stadt und Wandersleute, die sich mit signalfarbener Funktionskleidung gegen die Launen des mitteleuropäischen Sommers gewappnet haben. Dabei scheint doch nun endlich die Sonne! Über dem Altvatergebirge, das gestern noch in bleierne Melancholie eingelegt war, hängt ein Hauch von Technicolor. Grellgrün dampfende Wiesen, psychedelisch schillernde Blumengärten. Die Strecke sei kürzlich saniert worden, sagt Rudiš. "Jetzt fährt die Bahn nicht mehr 30, sondern 40 Stundenkilometer." Bergab geht es etwas schneller. In Javorník, einer kleinen Stadt, am Fuße eines rot getünchten Barockschlosses, das dem Erzbischof von Breslau einst als Sommerresidenz diente, sehen wir viele auswärtige Autokennzeichen.

Und die gehören nicht nur zu Alois-Nebel-Touristen, die sich per GPS und iPhone zu den Schauplätzen von Buch und Film durchkämpfen. Die windschnittigen Mountainbiker, die vor dem Hotel ihre Räder klarmachen, sprechen Polnisch, die Nordic Walker Deutsch. Die meisten Touristen im Altvatergebirge sind heute tschechische Familien, die hier die angeblich reinste Luft der Republik genießen. Manch einer, der eigentlich nur fürs Wochenende kommen wollte, sei immer noch da, sagt Rudiš. Der Wirt von gestern Abend sei kein Einzelfall.

Wasser stürzt in einem Bächlein den Berg hinter Javorník hinab, den wir nun hinauflaufen. Holzhäuschen schmiegen sich wie Almhütten an die Hänge. Švejdík deutet auf den Wald auf der Bergkuppe. Dahinter beginnt Polen. Zu kommunistischen Zeiten hätten sich dort tschechische Dissidenten mit ihren Freunden von der Solidarność getroffen. Heute markiert ein verwitterter Grenzstein den Übergang von einem Schengener Land ins andere. Wir halten vor einem winzigen Ziegelsteinkapellchen, das eine aus Prag stammende Galeristin vor zwei Jahren hergerichtet hat. Alle paar Wochen lädt sie Künstler ein, den Ort zu bespielen. Gerade zeigt eine Installation die 28 Stufen, die Jesus im Johannesevangelium hinaufsteigt, bevor Pilatus ihn endgültig verurteilt. Ecce-Homo im Altvatergebirge. Auf dem Sims darüber steht eine gipserne Madonnenfigur. Eine alte Dame aus dem Dorf hat sie vorbeigebracht.

"Sobald wir eine neue Arbeit ausstellen, kommt sie mit dieser Madonna", erzählt die Galeristin später beim Essen in einer Taverne. Einmal hat sie der Frau in der Kapelle einen Zettel mit ihrer Adresse hinterlassen. Doch zum "Dialog" sei es bisher nie gekommen. Vermutlich ist der alten Frau das alles nicht ganz geheuer. Auch auf Facebook wird über die großstadtmüden Neusiedler gelästert, die hier alte Bauernhöfe restaurieren und darüber nachdenken, eine Waldorfschule für ihre Kinder zu gründen.

Der Dokumentarfilmer, der zum Nachtisch selbst gemachten Ziegenkäse vorbeibringt, kann das verstehen. Dem Altvatergebirge laufe seit Jahren die Jugend davon. Es gebe wenig Arbeit. Der Bergbau, der die Gegend einst reich gemacht habe, lohne sich seit der Wende nicht mehr. "Und dann kommen wir und finden alles klasse." Er lacht, als die Galeristin angewidert ihren Fleischteller zurückgehen lässt und sich einen Kräutertee bestellt. Auch er ist vor fünf Jahren als "aggressiver Vegetarier" hergezogen. "Jetzt schlachte ich meine Ziegen selbst."

Elektroschocks in der Psychiatrie

Er möchte uns noch das kleine Museum zeigen, das er in seinem Dorf zusammen mit dem Bürgermeister eingerichtet hat. Das Dorf heißt Bílá Voda, Weißwasser, und hat noch ziemlich genau 300 Einwohner. Das Museum ist in der ehemaligen Schule untergebracht, neben einer vor sich hin bröckelnden Klosteranlage, die zu besseren Zeiten ein berühmtes Piaristenkolleg beherbergte. Bis Mitte des 18. Jahrhunderts schickten adelige Familien aus ganz Europa ihre Söhne zur Ausbildung. "Bílá Voda lag nicht immer am Ende der Welt", sagt der Dokumentarfilmer. Erst 1742, als der nordöstliche Teil Schlesiens an Preußen fiel, wurde das Dorf zum österreichisch-ungarischen Grenzort, nach dem Ersten Weltkrieg dann zum Außenposten der Ersten Tschechoslowakischen Republik. 1938 annektierte Nazideutschland das gesamte Sudetenland. Der Rest ist bekannt.

Das Museum zeigt die Geschichte aus der Perspektive der Einwohner. Urkunden und Briefwechsel gibt es dort zu bestaunen, aber auch Alltagsgegenstände wie Melkschemel und Schusterleisten, Möbel, Trachten und sakrales Kunsthandwerk aus vier Jahrhunderten. Eine Hommage an ein kleines, zwischen Großmächten eingekeiltes Dörfchen, könnte man denken. Doch die Nachbarn waren entsetzt. In den ersten Monaten hagelte es Drohbriefe. Die Menschen, die größtenteils in Häusern leben, die einmal deutschen Familien gehörten, wissen nur zu gut, dass man im Altvatergebirge nicht nach Geschichte graben kann, ohne auf bittere Pointen zu stoßen.

Da ist zum Beispiel das deutsche Arbeits- und Gefangenenlager, das nach 1945 zum tschechoslowakischen Abschiebelager wurde und schließlich zur Jugendherberge. Heute steht Autocamping auf dem verwitterten Einfahrtsschild. Auch die kleine weiß-rote Schlossanlage am Ortsausgang von Bílá Voda hat schon vielen Herren gehört: Bischöfe verbrachten hier die Sommer, Grafen kasernierten ihre untreuen Gemahlinnen, die Nazis benutzen das Schlösschen als Stützpunkt, später saß hier die sowjetische Armee. Seit den fünfziger Jahren beherbergt es eine psychiatrische Anstalt.

Im Comic wird Alois Nebel hier Ende der achtziger Jahre mit Elektroschocks traktiert. Erfolglos. Denn Geschichte vergeht nicht, indem man versucht, die Erinnerungen zu löschen. Die Züge in Alois’ Kopf fahren weiter. Die Samtene Revolution erlebt er als Obdachloser im Prager Hauptbahnhof, wo er sich, so viel Romantik musste sein, in die Klofrau Květa verliebt. Neun Monate später macht sie sich, hochschwanger nach einem One-Night-Stand im Schlafwagen, auf die Suche nach ihrem Alois.

Ein Jahrhundertregen geht nieder, während sich Květa verzweifelt durchs Unterholz hinter der früheren Goldgräberstadt Zlaté Hory schleppt. Die Stimmung im Comic ist, vorsichtig ausgedrückt, apokalyptisch. Auch in Wirklichkeit lässt der bleigraue Himmel nichts Gutes vermuten. Als wir das Wäldchen erreichen, in dem Květa ihr Baby zur Welt bringt, fängt es schon wieder an zu gießen. Zum Glück sind die ehemaligen Stollen längst gesichert, die Wege mit EU-Mitteln ausgebaut worden. An einem Bächlein können Touristen unter fachkundiger Anleitung Gold aus dem Gestein heraussieben. Der Goldwäscher, der uns unterm Regenschirm erklärt, wie man die Pfanne halten muss, damit der Goldstaub am Boden liegen bleibt, macht keinen Hehl daraus, dass er nicht als Fremdenführer geboren wurde. Doch was soll er machen? Brüssel untersagt die Förderung des Edelmetalls, weil dabei zu viel Chemie zum Einsatz kommt. Und der Tourismus gehört zu den Traditionen, auf die sich das Altvatergebirge gerade wieder besinnt. Schon Vinzenz Prießnitz, der sudetendeutsche Pate von Švejdíks Band, lockte im 19. Jahrhundert die europäische Hautevolee scharenweise in die Region, wo sie sich bereitwillig mit kaltem Wasser, körperlicher Arbeit und Wanderungen durch die Wildnis behandeln ließ.

Das Sanatorium, das heute wieder seinen Namen trägt, liegt eine halbe Autostunde von den Goldmühlen entfernt, auf einem Berg über der Provinzhauptstadt Jeseník. Man ahnt seine Größe, während man die Serpentinen hinauffährt, und staunt dann doch, wenn man vor diesem gigantischen Jugendstilpalast steht, neben dem der Berghof aus dem Zauberberg wie eine Almhütte wirken würde. Drinnen hallen Schritte auf poliertem Marmor. Auch die geschliffenen Rauchglasscheiben, die Messingkandelaber, die Kaffeehaus-Sessel im Bistro, alles noch da. "Bleiben S’ über Nacht?", fragt die Dame am Empfang in bestem Wiener Deutsch. Leider nicht, wir haben, der Himmel weiß, warum, im Hotel Diana reserviert.

Also Berg runter, anderen Berg rauf, zu der spätsozialistischen Bettenburg, die Ende der achtziger Jahre in den Wald über Velké Losiny gebolzt wurde. Durch schießschartengroße Fenster blickt man in die baumbestandene Einsamkeit. Und würde jetzt einer behaupten, da unten lebten noch Wölfe, man würde es sofort glauben. Im Hotelrestaurant spielt eine Band alte tschechoslowakische Schlager. Italienische Radfahrer beugen sich über Kloß und Soß. Als der Kellner ihnen die Rechnung bringt, kommt es zum Tumult. Die Italiener fühlen sich übers Ohr gehauen, der Manager wird herbeizitiert. Die Band legt noch ein paar Dezibel zu. Irgendwann versucht eine tief dekolletierte Tschechin mit wogendem Busen zu vermitteln, woraufhin ihr Mann laut schimpfend den Saal verlässt.

Rudiš deutet auf ein altes Ehepaar, das das Theater seit einer Stunde wortlos beobachtet. Jetzt legen die beiden ihre großen Hände aufeinander und rücken noch ein bisschen näher zusammen. Alois Nebel und seine Květa? Vielleicht. Es ist ein zum Heulen schönes Bild.

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