Rübenernte in der Center Street Farm in Oakland, Kalifornien © Getty Images

Mittlerweile haben sich die Andernacher eingespielt, man sieht sie beim Ernten des Blumenkohls, manchmal auch beim Jäten. Und es ist schon vorgekommen, dass eine ältere Dame mahnend auf eine Einwanderin einredet, sie solle doch die Weinblätter bitte nicht abrupfen, die Pflanze müsse doch wachsen, woraufhin diese der anderen die schönsten Rezepte empfahl, wie sich mit Weinblättern schmackhafte Speisen bereiten lassen.

Nur selten, erzählt Kosack, werden Pflanzen im Keim erstickt oder geplündert. Und das liege wohl auch an der Schönheit der Gemüsebeete. Schönheit sei wichtig, so wie bei Rosen oder Tulpen, deshalb habe das Team der Stadtgärtnerei die Pflanzen in weiten, geschwungenen Bögen eingesetzt und achte penibel darauf, die Beete von Müll und Unkraut frei zu halten. Es ist auch ein ästhetisches Feld, das hier bestellt wird (auch wenn es nicht mehr kostet als herkömmliche Rabatten). Nur wenn es gepflegt erscheint, gebietet es den Respekt, den es braucht, um den erwünschten sozialen, ökologischen, auch ökonomischen Nutzen hervorzubringen, den sich die Stadt erhofft.

Im Vergleich zu Andernach machen es sich viele andere Kommunen leicht. Auch dort wächst das Urban Gardening über sich hinaus, wird von Kommunen gefördert, von Unternehmen in professionelle Formen überführt. Urban Farming nennt sich das dann, in Deutschland sind gleich mehrere große Forschungsinstitute mit der Frage befasst, ob und wie sich die Städte für Gemüseanbau erschließen lassen. In New York gibt es bereits jede Menge kleiner und größerer Bauernhöfe, in luftiger Höhe, auf dem Dach von Supermärkten, Lagerhäusern, Bürotürmen. Hier ist es zugig, dafür ist man vor Wildschweinen, Schnecken, Käfern sicher. Und die Kunden, das ist das Beste daran, wohnen ein paar Stockwerke tiefer, sozusagen unter der Ackerkrume. Oder nicht weit entfernt, gleich hinter der nächsten Kreuzung.

In Deutschland gibt es allein auf Gebäuden ohne Wohnungen rund 300.000 Quadratmeter Dachfläche, die sich für den Anbau von Salat und Kräutern eignen würde, hat das Fraunhofer-Institut errechnet. So ließe sich die Abwärme der Bauten nutzen, und viele Tonnen CO₂ würden eingespart. In Tokio wird nun deshalb sogar Reis auf Hochhäusern geerntet, in Toronto planen sie einen gläsernen Tomatenturm mit 58 Stockwerken. Es ist der Wunsch vieler Städte nach Unabhängigkeit, der viele dieser urbanen Landwirtschaftsprojekte vorantreibt. Sie wollen sich selbst versorgen, wollen die Umwelt entlasten, wollen nicht länger nur Umschlagplatz sein, sondern ein Ort der Herkunft.

Es ist eine offensive Bewegung, die neue Möglichkeiten im urbanen Raum auslotet. Und ist zugleich eine Form von Rückzug: auf das Wesentliche, das Eigene, auf das, was vor der Haustür wächst und gedeiht. Damit verhalten sich die Städte wie die Städter, die den Märkten und vor allem der Nahrungsmittelindustrie zu entkommen hoffen. Sie ziehen ihr eigenes Gemüse, sie wecken es ein wie zu Großmutters Zeiten. Nicht zufällig zeigt das Titelbild des neuen Ikea-Katalogs keine gemütliche Sofaecke, sondern einen Keller – und darin lauter Regale mit prall gefüllten Einmachgläsern.

Nichts liebt die Gegenwart so sehr wie die wilde Kreuzung von Dingen und Orten. Alles kann überall sein, alles will verwoben und neu vernetzt werden: Schluss mit den klaren Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit, Ferne und Nähe und auch zwischen Stadt und Land. Der Mensch lebt sein digitales Leben und sehnt sich doch nach Bodennähe und eigenem Salat: Asphalt und Acker sollen keine Gegensätze mehr sein.

Auch deshalb ist die essbare Stadt ein so großer Erfolg. In Zürich wollen sie es jetzt (nach zähem Streit) auch bald so machen, in Seattle planen sie gar einen essbaren Wald. Es gibt Fruchthaine und Beerenoffensiven an etlichen Schulen, auch in Andernach hat das Gymnasium jetzt ein paar öffentliche Gemüsebeete angelegt. Und neulich erst meldeten sich einige Bürger bei Lutz Kosack, die gern noch weitere Flächen in der Stadt umgraben und bestellen würden. Grundsätzlich, sagte er, habe er nichts dagegen – solange sie ohne Kunstdünger und Pestizide, vor allem aber ohne Besitzansprüche auskämen. Wenn jetzt im Herbst jemand anderes das erntet, was sie mühsam gepflanzt und gegen die Schnecken verteidigt haben, dann dürften sie nicht beleidigt protesterien. Urbanes Gärtnern heißt in Andernach, das Öffentliche neu zu leben. Es bedeutet, die Stadt miteinander zu teilen, sie gemeinsam wertzuschätzen und im Zweifel auch zu vertilgen.

Ein Tomatenturm in Toronto mag visionärer erscheinen, eine Dachfarm in New York hat mehr urbanes Flair. Dafür wächst in Andernach, zwischen Minze und Kohlrabi, eine nicht minder aufregende Erfahrung: die, dass sich ein Gemeinwesen auch in Zeiten der Dauerüberwachung selbst vertrauen kann. Hier wird nicht kontrolliert, hier sind die Bürger keine potenziellen Täter, sondern potenziell Hungrige. Es ist eine Erfahrung der Ermächtigung: Wir gehören uns! Die Stadt ist mein und aller! In den Beeten wächst, wenn es gut geht, die exotische Pflanze namens Zusammenhalt.