Die bislang größte Wahlkampfkundgebung der Alternative für Deutschland (AfD) hat noch nicht einmal begonnen, da wird in den hinteren Reihen schon die Oder-Neiße-Linie verhandelt. "Aus Schlesien sind auch welche da!", ruft ein Mann, während der Demonstrationsleiter mit dem Megafon die Landesverbände der Partei begrüßt.

Es ist ein Samstag im August, rund 1.000 Menschen stehen am Hamburger Hauptbahnhof. Sie schwenken blaue Fahnen, halten riesige Transparente hoch. "Wer heute den Euro rettet, pfändet morgen Ihr Konto", steht darauf. Als Demowagen hat die AfD zwei historische Feuerwehrautos gemietet, sie sind mit dem Logo der Partei beklebt, einem nach oben geschwungenen roten Pfeil auf blauem Grund. "Eurowehr" steht über dem Kühler.

Seit Wolfgang Schäuble eingestanden hat, dass die Griechenland-Rettung die Deutschen noch einmal sehr viel Geld kosten könne, ist der Euro plötzlich wieder ein Wahlkampfthema. Der Finanzminister von der CDU steht als Verharmloser da. Und die Euro-Kritiker der AfD könnten davon profitieren – theoretisch jedenfalls. In den Umfragen allerdings klebt die Partei nach wie vor bei drei Prozent.

Damit sich das ändert, schickt die AfD nun ihre Mitglieder auf die Straße, mit Plakaten, Flyern und Parolen. "Ha, he, ho, der Euro ist k. o.", rufen die Demonstranten, als sie sich träge in Bewegung setzen. Gut vier Wochen vor der Wahl ist der Partei beinahe jede Unterstützung recht: von ewigen Heimatvertriebenen und ultrakonservativen Burschenschaftlern, von Frustrierten und Empörten, von links und von rechts. Im Demozug laufen ehemalige FDP-Mitglieder neben Überläufern aus der Linkspartei, Nichtwähler neben enttäuschten Merkel-Fans. Einer der Demonstranten trägt nicht nur ein Banner der AfD, sondern auch ein T-Shirt von Thor Steinar, dem bekanntesten Modelabel der rechten Szene.

"Scheißnazis!", brüllt eine Passantin, als die Menge den Jungfernstieg erreicht. "Wir sind das Volk", rufen die Demonstranten. "Nein, seid ihr nicht!", schimpft die Frau.

Die AfD ist keine rechtsextreme Partei, sie hat eine stabile Mitte aus konservativen Bürgern und liberalen Euro-Skeptikern. Leute, die den Euro nicht mehr wollen, die Angst um ihre Rente haben und um die Zukunft ihrer Kinder. Leute wie Martin Henke.

Henke kommt aus Falkensee in Brandenburg. Um halb sieben ist er aufgestanden, um pünktlich in Hamburg zu sein, er trägt ein blaues T-Shirt, die Farbe der Partei. Normalerweise klebt Henke an den Wochenenden Plakate für die AfD. Jetzt steht er in einer Hamburger Einkaufsstraße zwischen Hunderten von AfD-Anhängern und hält ein Pappschild in die Luft: "Geld für Schulen statt für Banken" hat er mit Filzstift draufgeschrieben.

Doch an der Mitte, aus der Martin Henke kommt, wird von allen Seiten gezerrt. Nicht nur von rechts und von links, sondern auch von oben und von unten. Die oben in der Führungsriege wollen salonfähig bleiben und durch sachliche Argumente überzeugen. Ihr Gesicht ist Bernd Lucke, der Wirtschaftsprofessor und Mitbegründer der AfD, der druckreif redet und mit jungenhaftem Gesicht von den Wahlplakaten lächelt. Die unten wollen um fast jeden Preis punkten – zur Not auch mit populistischen Ressentiments. In Nordhausen zum Beispiel, einer kleinen Stadt in Thüringen.

Mitte August hält dort der AfD-Politiker Björn Höcke eine Wahlkampfrede. Höcke, 41, ein großer, schlanker Mann, ist Kandidat auf der AfD-Landesliste in Thüringen, Listenplatz zwei. Er steht auf der Bühne der Friedenseiche, eines rustikalen Gasthauses am Rande Nordhausens. Aus zwei großen Stereoboxen hallt seine Stimme durch den Saal, auf den Lautsprechern pappen Aufkleber der AfD. Vor ihm an den Tischen sitzen 15 Leute, die meisten von ihnen ältere Herren. Sie nippen an ihren Biergläsern und hören zu. Manchmal klatschen sie.

Glaubt man Björn Höcke, dann wird am 22. September nicht über die Sitzverteilung im Deutschen Bundestag abgestimmt, sondern über das Schicksal des deutschen Volkes. Höcke hat offenbar Angst, dass es in Deutschland bald nicht mehr genug Platz für Deutsche geben könnte: "In großen Städten wie Berlin gibt es Schulen, an denen keine deutschen Kinder mehr sind, Viertel, aus denen alle Deutschen wegziehen", sagt Höcke und guckt ins Publikum. "Aber irgendwann kann man nicht mehr wegziehen. Irgendwann sind alle Inseln besetzt." Die Leute im Saal starren in ihre Biergläser und nicken.

Nordhausen ist keine große Stadt wie Berlin, Nordhausen ist ein Ort mit 40.000 Einwohnern und einem Ausländeranteil von nicht einmal drei Prozent. Es ist nicht so, dass die Schulen hier von Migrantenkindern überrannt würden. Viele Schulen in der Gegend mussten schließen, weil die Bevölkerung schrumpft.

Trotzdem erklärt Höcke, warum die Einwanderungspolitik verschärft und der Euro abgeschafft werden müsse, warum man den "Altparteienpolitikern" und den "Marionetten in den Talkshows" keine Stimme geben dürfe. "Wir von der AfD wehren uns ja nicht gegen eine begrenzte Einwanderung aus kulturell verwandten Gebieten", sagt Höcke. "Wir lieben die Vielfalt. Aber der Massenzuzug aus einem ganz fernen Kulturraum, der islamische, der archaische Kontext, der belastet uns."

Es gibt eine Partei, die bei solchen Sätzen nervös wird. Es ist die NPD. Bei der letzten Landtagswahl in Thüringen kam sie auf mehr als vier Prozent. In Nordhausen sitzt sie im Kreistag und im Stadtrat. Damit sie keine Wähler an die AfD verliert, warnt die Thüringer NPD auf ihrer Homepage vor der neuen Partei: "Lassen Sie sich nicht alternativ veräppeln, vertrauen Sie dem ehrlichen Original – wählen Sie die NPD."

Die Zuhörer in der Friedenseiche sind keine NPD-Anhänger. Die meisten haben bislang FDP oder CDU gewählt. Sie sind besorgt um ihre Zukunft und enttäuscht von der Politik. Sie sagen, sie hätten das Buch von Thilo Sarrazin gelesen und sich gefreut, dass endlich mal jemand die Wahrheit sage. Am Ende, als das Mikrofon ausgeschaltet ist und die letzte Runde Bier serviert wird, setzt sich der Listenkandidat Björn Höcke zu ihnen an den Tisch. Er sagt: "Nach der Demokratie kommt die Tyrannis, das hat schon Aristoteles gewusst. Das ist eine Naturgesetzlichkeit. Aber vielleicht können wir Deutschland noch retten. Die AfD ist die letzte evolutionäre Möglichkeit für dieses Land. Es ist fünf vor zwölf. Danach gnade uns Gott."

Wenige Tage später wird der Parteisprecher Bernd Lucke auf einer Pressekonferenz in Potsdam sagen, es gebe in der AfD keine Populisten, auch keine Hinweise auf Berührungen mit dem rechten Rand. Dass manche seiner Parteigenossen T-Shirts einer Nazimarke tragen, findet Lucke unverdächtig. "Ich kannte Thor Steinar bis vor Kurzem nicht", sagt Lucke. "Und ich glaube nicht, dass man von der Kleidung eines Menschen auf seine Gesinnung schließen sollte."

Wenn Lucke erklärt, warum Deutschland den Euro nicht brauche, macht er das routiniert und eloquent. Wenn er erklären soll, wie sich die AfD vom rechten Rand fernhalten will, wirkt er ahnungslos. Der brandenburgische Verfassungsschutz bezeichnet das Modelabel Thor Steinar seit Langem als "szenetypisches Erkennungs- sowie Abgrenzungsmerkmal" unter Rechtsextremisten.

Im Deutschen Bundestag jedenfalls haben Leute, die Thor Steinar tragen, Hausverbot.

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