Nach dem Freitagsgebet in der Istikama-Moschee im Kairoer Stadtteil Gizeh erheben sich fünfhundert wütende Männer und Frauen zum Protest gegen das Massaker an Islamisten Mitte August. Sie folgen einem Aufruf der Muslimbruderschaft. Doch was an diesem Freitag auffällt, sind nicht Gesten des unbeugsamen Widerstands, sondern die geringe Zahl der Demonstranten. Nur vor wenigen Moscheen haben sich überhaupt Menschen versammelt, in ganz Ägypten nicht mehr als ein paar Tausend. Ein Schaulustiger spottet, die Bruderschaft sei erledigt. Ein Demonstrant ruft zurück, dass, "so Gott will, alles möglich ist". Aus der kurzen Szene machen ägyptische Medien eine Eilmeldung: "Muslimbrüder greifen Anwohner in Gizeh an." Die Sicherheitskräfte rücken aus. Am Abend sterben bei Kämpfen mit der Polizei neun Menschen, Hunderte Demonstranten werden verhaftet. Von Freitag zu Freitag werden es weniger Muslimbrüder, die sich überhaupt noch auf die Straße wagen.

Zwei Monate nach dem Militärputsch scheint von der einst so mächtigen Muslimbruderschaft nicht mehr viel übrig zu sein. Ihre Führer sitzen im Gefängnis, der vor einem Jahr gewählte Präsident Mohammed Mursi soll wegen Mordes angeklagt werden. Ihre Medien sind verboten, die Mitglieder verstreut. Muslimbrüder antworten nicht mehr auf Anrufe oder E-Mails, sie sind untergetaucht.

Ist der politische Islam damit erledigt? Wohl kaum, Ägypten bleibt tiefreligiös.

Aber können die Muslimbrüder von dieser Frömmigkeit noch einmal profitieren? Die Zukunft des politischen Islams am Nil ist eine Schlüsselfrage für den ganzen Mittleren Osten. Die ägyptische Bruderschaft als Mutterorganisation hat Vorbildfunktion. Jetzt, da der Organisation ein Verbot droht, eröffnen sich für die Brüder zwei Wege: der der Gewalt – oder die einer Rückkehr in die demütige Halblegalität wie einst zu Zeiten Mubaraks.

Nour ist 17 Jahre alt. Er hat sich sorgfältig gekämmt und trotz bescheidenen Bartwuchses rasiert, "aus Solidarität". Viele Muslimbrüder scheren sich in diesen Tagen die Kinnhaare ab, um nicht aufzufallen. Nour besucht ein Gymnasium, er ist der Sohn eines Muslimbruders, der sich um die internationalen Beziehungen der Organisation kümmerte. Die Familie versteckt sich irgendwo in den schmucklosen Einheitshochhäusern von Nasr City im Nordosten Kairos. In der Nähe ihrer Wohnung sucht sie Zuflucht vor der Polizei und den Geheimdiensten: "Sie machen Jagd auf uns", sagt Nour.

Die Moscheen werden zwischenzeitlich geschlossen

Der junge Mann wirkt wie auf der Flucht, die Wasserflasche fällt ihm immer wieder aus der zitternden Hand. Nour hat vor Kurzem sein Profilbild auf Facebook geändert. Er möchte den Reporter weder im Café noch bei sich zu Hause treffen, alles zu gefährlich. Am sichersten fühlt er sich im Gotteshaus. Doch in Nasr City, wo mindestens 35.000 Muslimbrüder leben, hat das Innenministerium die Moscheen zwischen den Gebeten schließen lassen. Die Bruderschaft fügt sich. Wir setzen uns bei 38 Grad in den Garten vor dem Minarett.

Es zeigt sich in diesen Tagen der Friedhofsruhe in Kairo, dass das neue Regime systematisch einen Popanz aufgebaut hat. Die Regierung der Muslimbrüder muss im Propagandazerrbild übergroß und bedrohlich wirken, um Putsch und Massaker zu rechtfertigen. Tatsächlich sind die Brüder Scheinriesen. Der bärtige Bürokrat Mursi war kein Islamo-Adolf, das chaotische Ägypten stand im Juni 2013 nicht kurz vor der Islamistendiktatur. Die Muslimbrüder haben ein Jahr lang schlecht regiert, sie waren schlecht organisiert und sie haben sich im Sturz katastrophal verteidigt. Gewiss, sie haben 2011 Wahlen gewonnen, doch nur, weil sie als älteste Organisation die Stärksten unter den Schwachen waren.

Wer wollte, konnte diese Schwäche schon unter Mubarak sehen. Damals, 2005, als die Muslimbrüder sich trotz großer Erfolge in der Parlamentswahl widerstandslos niederknüppeln und verhaften ließen. In den Jahren danach, als islamische Moralisten die Richtung bestimmten und pragmatische Konservative sich abspalteten. Die Orientierung aufs Moralische hat die Muslimbrüder gehindert, regierungsfähig zu werden. Mursi entfaltete als Präsident nie die Reformkraft, die dem Türken Tayyip Erdoğan in seiner ersten Amtszeit zu eigen war.

Nour stört das nicht. Er ist mit Herz und Seele Fan von Mohammed Mursi: "Er ist ein guter Präsident." Im Präsenz gesprochen. Für ihn und die meisten Brüder und Schwestern ist "der gewählte Präsident der gewählte Präsident". Nour nennt einige seiner Schulkameraden "feige Anbeter des Militärs".

Viele Ägypter verehren den Armeechef Abdel Fatah al-Sissi und die Streitkräfte – auch für ihren Coup gegen Mursi. Für "diese Putschisten", wie er sagt, hat Nour lediglich Verachtung übrig. Auf seiner Facebook-Seite führt er eine Liste mit Namen jener Lehrer und Mitschüler, die ihm am besten aus dem Weg gehen sollten. Eine Lehrerin hängte neulich ein Sissi-Plakat im Klassenzimmer auf. Das brachte Nour zur Weißglut. Es sei wahre Liebe, die ihn mit der Bruderschaft verbinde, sagt er, Liebe, die Gewalt und Unterdrückung überdauern werde – und die durchaus auch Gewalt produzieren kann. Nour kann wenig mit konventioneller Politik anfangen, so wie die Muslimbrüder sie unter Mubarak betrieben haben. Er sei bereit, sagt er, für seinen "Islam, für Mohammed Mursi, für die Demokratie zu sterben, in den Dschihad zu ziehen, wenn Gott es so vorsieht".

Junge Muslimbrüder wie Nour haben die religiöse Rhetorik gierig aufgesogen, dazu kommt der Frust über das nahezu widerstandslose Verschwinden der Bruderschaft. Leicht vorstellbar, dass dieser Frust sich irgendwann in Gewalt entlädt.