Nirgendwo sind die Schrecken des Zweiten Weltkriegs noch heute so greifbar wie im Erscheinungsbild der deutschen Großstädte. Hässlich und kalt, seelenlos und jeder Geschichte entkleidet, von Verkehrsachsen und billigen Geschäftsbauten dominiert, mit Einfamilienhaussiedlungen quallig ins Umland zerfließend, die wenigen noch erhaltenen historisch bedeutsamen Gebäude isoliert oder von auftrumpfenden Neubauten bedrängt – Sinnbilder der Not und eines eiligen Wiederaufbaus, so sollte man denken, und so denken es ihre Bewohner, deren Familienerinnerung für immer die Feuerstürme der Bombennächte bewahrt. Es gab nur eine Gruppe von Menschen, die in der Zerstörung keine Katastrophe sahen, sondern eine Chance, mehr noch: ein Glück, und das waren die Architekten und Stadtplaner.

Eine kleine Ausstellung der Freien Akademie der Künste in Hamburg (Die erwartete Katastrophe) zeigt am Beispiel der eigenen Stadt, wie dieser Berufsgruppe die Stunde null zur Stunde der Erfüllung wurde. Karten, Fotos, Skizzen und Manifeste erlauben, das Debakel des Wiederaufbaus einmal mit ihren Augen zu betrachten. Und siehe da: Was uns heute als Abfolge von Notlösungen erscheint, waren in ihren Augen Ideallösungen. Nicht Mangel, Eile und fahrige Verzweiflung ließen die moderne Stadt entstehen, wie sie uns heute erscheint, sondern ein ästhetischer Wille, sie genau so und erklärtermaßen besser als vorher, schöner und menschenfreundlicher zu bauen. Die Entkernung der Zentren, die Zersiedelung, die Auflösung des Stadtzusammenhangs waren erwünscht, die Einfamilienhaushöllen, trostlosen Leerflächen, Hochhaussiedlungen, die unüberquerbaren Schnellstraßen, alles war gewollt und wurde als zukunftsweisend durchgesetzt.

Den Architekten und Stadtplanern erfüllte sich in den Bombennächten ein Traum der Baumoderne, der schon vor dem Krieg entstand, ja sogar die Tabula rasa des Luftkriegs herbeigesehnt hatte. Die Geschichte der modernen Stadt mit ihrer trostlosen Entflechtung der Lebensbereiche begann in Deutschland nicht 1945, sondern 1910 in Berlin mit der Allgemeinen Städtebau-Ausstellung, die internationales Aufsehen erregte, der ersten Manifestation von Stadtplanung im heutigen Sinne. Schon damals wollte man Enge durch Weite, die verdichtete Stadt durch Vorortsiedlungen ersetzen, das Durcheinander und Ineinander von Wohnen und Arbeiten auflösen, wollte Luft und Grün und Freifläche und endlich Platz für den Verkehr.

Und nicht nur in Deutschland. Es ist erschütternd, englische Quellen von 1941 zu lesen, aus den eben zerstörten Städten Coventry und Plymouth, die mit Schwung erklären, dass nun endlich die Chance gekommen sei, ohne lähmende Rücksicht auf überkommene Strukturen, Bau- und Eigentumsrechte die neue, luftige und übersichtliche Stadt von morgen anzugehen. Coventry of Tomorrow hieß eine Ausstellung, die 1940, sechs Monate vor den deutschen Luftangriffen, just das propagierte, was erst die Bomben möglich machten. Amerikanische Architekten und Kulturkritiker bedauerten damals, dass den USA die Chance versagt blieb, der Präsident der Boston Society of Architects klagte 1944, dass seine Stadt nicht Bombardierungen ausgesetzt sei, die den Weg geöffnet hätten für nachhaltige Veränderungen in einer ungesunden Stadt.

Der Hass auf die chaotische Großstadt, ihre tradierte Unübersichtlichkeit und mangelnde Hygiene (im 19. Jahrhundert ein wirkliches Problem) war ein Grundzug der internationalen Moderne. Corbusiers berühmtes Diktum, für eine bessere Stadt brauche es vor allem Hacke, Besen und Kehrschaufel, steht anekdotisch für eine Zeitstimmung, in der sich westliche Demokratien, sowjetischer Kommunismus und – Nationalsozialismus trafen. Denn es ist keineswegs so, wie uns die politische Erinnerung heute vorgaukelt, dass mit dem Wiederaufbau in Deutschland eine Versachlichung, Entschlackung, Ausnüchterung der Städte versucht wurde, die gegen den Pomp des "Dritten Reiches" gerichtet gewesen wäre. Vielmehr entsprach etliches just den Plänen, die schon unter Adolf Hitler geschmiedet worden waren. Man könnte geradezu sagen, dass Hitlers Kampf gegen die Asphaltwelt, die Asphaltseele erst nach 1945 in der DDR und der Bundesrepublik siegreich wurde.

Und noch in einer anderen Hinsicht bleiben der modernen Großstadt der Bombenkrieg, die militärischen und totalitären Fantasien des 20. Jahrhunderts eingeschrieben. Nicht nur krude Hygiene- und Ordnungsvorstellungen schufen die unwirtlichen Schneisen und Leerflächen, sondern auch der Wunsch, die Städte für die Zukunft luftkriegstauglich zu machen, die Sog- und Kaminwirkungen enger Gassen und Höfe zu vermeiden und dem Explosionsdruck weniger Angriffsfläche zu bieten.

Gewiss ist nicht völlig neu, was die Ausstellung ausbreitet, aber man geht doch noch einmal anders und anders entsetzt durch Hamburg oder vergleichbar vom Wiederaufbau gezeichnete Städte, wenn man weiß, dass hier kein glücklicher Neubeginn, nicht einmal durch Not diktierte Hilflosigkeit am Werk waren, sondern Ideen vom Anfang des 20. Jahrhunderts, die mit Faschismus und bolschewistischen Phantasmen ein unlösbares Amalgam eingegangen sind. Man schaue sich nur einmal die NS-Pläne für eine Hochhaussiedlungskette entlang der Elbe an oder sowjetische Pläne für das zerstörte Minsk oder Stalingrad. Der Traum von der guten Moderne ist ausgeträumt.

"Die erwartete Katastrophe. Luftkrieg und Städtebau in Hamburg und Europa" in der Freien Akademie der Künste Hamburg, Klosterwall 23. Bis zum 29. September (www.akademie-der-kuenste.de)