Einer der bedeutendsten Gesellschaftsromane der deutschen Literatur erwies sich, was seine Rezeption im Erscheinungsjahr 1992 anbetraf, als nackte Katastrophe. Der Verlag verkaufte 700 Exemplare, der Autor hatte im Handumdrehen keinen Verlag mehr. Die äußerst dünn gesäten, im besten Fall ratlosen Kritiken konzedierten zumindest, dass sich der Verfasser in dem Frankfurter Stadtviertel, das er umfänglich beschreibt, ziemlich gut auskennt. Das Viertel heißt wie der Roman: Westend.

Martin Mosebach war 41 Jahre alt, als dieses Buch, dem er, vorsichtig geschätzt, ein halbes Dutzend Lebensjahre gewidmet haben dürfte, auf dem Markt havarierte. Er führte seit dem Ende seines Jurastudiums im Jahr 1979 das Leben eines freien Schriftstellers, das mit Westend an einen prekären Tiefpunkt gelangte. Er hat sich von diesem bekanntlich glänzend erholt. Er erhielt große, auch ordentlich dotierte Preise wie den Büchner-Preis, er darf auf die stützende Hand von Stipendien, auf das Netz von Literaturhäusern zählen.

Versetzen wir die Mosebachsche Laufbahn für einen Moment in ein Land, in dem es keinerlei Preise und Stipendien gibt, in dem Literatur ausschließlich als privates Freizeitvergnügen gilt und Schriftsteller ausschließlich auf die Einnahmen des Buchverkaufs angewiesen sind. Mit einiger Wahrscheinlichkeit hätte Martin Mosebach irgendwann die ihm zustehende ideelle Anerkennung gefunden. Aber materiell wäre es brenzlig geworden. Für die Rückkehr in die aktive Juristerei wäre es wohl zu spät gewesen. Als Moderator der Sendung Kulturzeit auf 3sat ist Herr Mosebach nur sehr bedingt vorstellbar. Nach allem, was man von ihm weiß, wäre er vielleicht ausgewandert oder auf einen Posten als Bibliothekar eingerückt. Im einen wie im anderen Fall: ein geradezu absurder Verlust für die deutsche Kultur.

Oder nehmen wir den Schriftsteller Ulrich Peltzer. Seine ästhetische Handschrift steht in scharfem Kontrast zu der von Martin Mosebach. Aber abgesehen davon, dass auch er als freier Autor lebt und im Kanon der Gegenwartsliteratur einen vergleichbaren Rang einnimmt, treffen sich der Frankfurter und der Berliner Kollege in einem entscheidenden Punkt: Ihr Werk als Ganzes ist mehr als die Summe guter Bücher. Sie greifen Romantraditionen auf, wenn auch ganz unterschiedliche, modellieren sie für die Gegenwart und legen für das abendländische Projekt des Romans eine Spur in die Zukunft. Sie arbeiten im Labor der Literaturgeschichte und sind für deren Fortgang unverzichtbar.

In anderen Branchen nennt man solche Leute Exzellenzspezialisten. Und in jeder anderen Branche gälte es als vollkommen verrückt, diese Spezialisten acht Stunden am Tag von ihrem eigentlichen Können abzuhalten, sie hinter Bibliothekspulte zu setzen oder für Deutschkurse an Volkshochschulen zu verwenden. Eine Erwerbsmöglichkeit, die eventuell auf Ulrich Peltzer wartete, wenn nicht auch ihm gelegentlich ein kleines Carepaket aus dem System der Literaturförderung zuteilwürde. Dass Deutschland über dieses verfügt, mitsamt seinen unübersehbaren Schwächen, ist ein großes Glück. Und es wäre ein schwerer Fehler, es in törichter Poetenromantik oder in allgemeiner Krisenstimmung zu zerreden.

Nur: Seit Jahr und Tag ist ein Gemurmel zu vernehmen, in dem sich, mal mehr, mal weniger latent, Missmut gegenüber der Alimentierung von Schriftstellerei äußert. Niemand fordert allen Ernstes ihre Abschaffung (zumal die Anzahl der Stipendien sich gerade von allein reduziert). Aber sobald das Auge des Feuilletons und des Betriebs ein Problem im Szenario der Gegenwartsliteratur erkennt, fällt ein übellauniger Blick auf die Subventionsmaschinerie im Bühnenboden. Dann verhöhnt das deutsche Feuilleton den typischen Alimentierungsautor als einen "mittleren Angestellten des originellen Einfalls, der treffenden Formulierung, des künstlerisch vermittelten Dabeigewesenseins", dessen Leben sich "zwischen Schloss Wiepersdorf und dem Goethe-Institut in Kalkutta, zwischen Podiumsdiskussionen im Literarischen Colloquium und einem Stipendium für die Villa Massimo" abspiele (Thomas Steinfeld in der SZ). Es suggeriert, dass Erwerbs- und Ernährungsdenken das literarische Schaffen ungesund beeinflusse, auf das Niveau von Mittelmaß, Affirmation und Belanglosigkeit drücke. Und es fordert polemisch: Autorenförderung? Hungert sie aus! (Oliver Jungen in der FAZ).

Die Vorstellung, Geld besäße tatsächlich die Macht, in den Kern literarischer Kreativität und Gestaltungsenergie einzudringen, sein Mangel verwandelte einen bis dahin flauen in einen unversehens rasend erhellten Schriftsteller, wie sein Überfluss anderseits in der Lage sei, ein Kafkasches Talent zu verderben – diese Vorstellung ist eine interessante Variante spätkapitalistischer Beseelung materiellen Besitzes. Was ein Schriftsteller benötigt, ist in erster Linie irgendeine Macke. Außerdem benötigt er einen stabilen Tisch, einen guten Stuhl, ein Schreibgerät, eine erreichbare Bibliothek, eine lange Reihe ungestörter Tage und sehr viel Disziplin. Für die Macke, den Tisch und die Disziplin ist er selbst verantwortlich. Für die Erwirtschaftung ungestörter Arbeitszeit benötigt er in den meisten Fällen Unterstützung durch Lesehonorare, Stipendien und, wenn er Glück hat, durch Preise. So einfach, so sachlich ist die Angelegenheit. Darüber hinaus ist es nicht die Aufgabe von Schriftstellern, das Unbehagen einer Gesellschaft, die ein etwas übersteigertes Verhältnis zum Geld pflegt, durch die poetisch verklärte Darstellung von Pauperismus zu kompensieren.

Es gibt in Deutschland fast 500 Literaturpreise, gestaffelt vom Büchner-Preis, der mit 50.000 Euro dotiert ist, bis zu Nachwuchspreisen. Es gibt kleinste, kleine, mittlere, große Stipendien kommunaler, föderaler, staatlicher und anderer Institutionen in nach wie vor sagenhafter Fülle. Wer sich die Mühe macht, die Lebensläufe von rund hundert Schriftstellern jungen oder mittleren Alters zu studieren, weiß sofort, dass ein beträchtlicher Teil dieses Geldes in Autoren investiert wird, deren Titelliste über ein, zwei Erzählbände nicht hinausgehen wird. Das liegt im Wesen des demokratischen Gießkannenprinzips, das quartalsmäßig für zu viel literarisches Mittelmaß und eine zu hohe Buchproduktion verantwortlich gemacht wird. Aber: Es gibt kein besseres Prinzip.

Wer glaubt, das System der Literaturförderung sei nur dann sinnvoll und vertretbar, wenn es die Mittelmäßigen von den Exzellenzspezialisten trennt, begibt sich in die Haltung des Spießers, der lieber gar keine Party veranstaltet, als Leute ins Haus zu holen, von denen er befürchtet, dass sie das Buffet leer fressen, aber nichts zur Stimmung beitragen. Diese Haltung ist einem reichen Land nicht angemessen. Sie hat nicht nur etwas Kleinmütiges und Verklemmtes. Sie hat auch etwas Beschämendes für die Arbeit von Schriftstellern und für diese selbst. Und deswegen sollte jetzt ein für alle Mal Schluss sein mit dem missgünstigen Gemurmel.

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