Wenn Brice Marden in seinem Studio in der Nähe des Meatpacking District im Westen von Manhattan von der Arbeit aufschaut, blickt er auf das Empire State Building. Ein Wahrzeichen der Stadt. So könnte man Marden selbst bezeichnen – eine New Yorker Institution. Der heute 74-jährige Künstler wurde in Bronxville, einer wohlhabenden Gegend nördlich von Manhattan, geboren und kehrte nach seinem Studium in Yale mit einem Master of Fine Arts zurück in die Stadt. "Ich fing an, zu malen, um all die schönen Frauen kennenzulernen, die ich in den sechziger Jahren im Greenwich Village sah", hat er einmal gesagt. 50 Jahre später malt er noch immer, und auf die Frage, was seine Lieblingsbeschäftigung in New York ist, weiß er auf Nachfrage nur eine Antwort: "Meine Arbeit."

Er schätzt die Normalität: Seine Lieblingsaussicht ist nicht die auf das Empire State Building, sondern der Blick aus einem anderen Fenster auf den Hudson River. Morgens am Frühstückstisch die New York Times lesen, dazu eine Tasse Jamaica-Blue-Mountain-Kaffee mit seiner Frau Helen Harrington, später auf dem Weg ins Studio einen Hotdog auf die Hand, den er "eine ausgezeichnete New Yorker Erfindung" nennt. Auf Partys sieht man ihn selten. Obwohl er wahrscheinlich ständig eingeladen wird. Mardens abstrakten Gemälden und Zeichnungen wurde längst eine Retrospektive im MoMA gewidmet, seine Werke erzielen bei Auktionen regelmäßig Millionenbeträge, er sei einer der wenigen Künstler, so das Wall Street Journal, die schon zu Lebzeiten Kunstgeschichte geschrieben haben.

Marden gelingt, wovon in New York viele junge Künstler träumen: mittendrin zu sein in der Stadt und doch fokussiert auf die künstlerische Arbeit. Das Kunstmachen ist gar nicht so leicht in einer Stadt, die zum einen zu den teuersten der Welt gehört und zum anderen jede Menge Ablenkung bietet. So ist Brice Marden ihnen heute ein Vorbild.

Vielleicht liegt das auch an seinen Kindern. Seine Tochter Mirabelle, eine Fotografin, leitete bis 2009 die Rivington Arms Gallery für zeitgenössische Kunst. Sie arbeitet derzeit an einem Buch über das Werk des Vaters. Auch die zweite Tochter, Melia, ist seiner Welt nah geblieben. Sie war Magazinjournalistin und wurde eine jener New Yorker Köchinnen, die eine Generation zuvor diesen Beruf noch nicht ergriffen hätten, sondern es erst jetzt tun, da er das spießige Image überwunden hat. Heute arbeitet sie im The Smile, einer Art Kantine der jungen Kunstszene.