Marcel Freihorst sitzt am Rande des Bremer Marktplatzes im Nieselregen und nestelt am Klettverschluss seines Schirmes herum. Auf dem Weg zum Marktplatz hat er sich den Knirps noch schnell bei Rossmann gekauft. Einen blauen, Freihorst mag Blau, blaues T-Shirt, blaues Sakko, blaue Schuhe. Blau passt auch gut zu Orange, das ist nicht unwichtig an diesem Tag. Gerade kann er sich nicht so recht entscheiden, ob es sich noch lohnt, den Schirm zu öffnen.

Freihorst ist der jüngste Kandidat der Bremer CDU, heute kommt die Kanzlerin auf den Marktplatz – und der 21-Jährige wird im Vorprogramm auf der Bühne interviewt. Vor wie vielen Leuten, er weiß es nicht so genau, vielleicht vor 3.000 oder 4.000? Die Fragen? Er zuckt mit den Schultern, auch die weiß er noch nicht. Vor der Bühne sind Bierbänke aufgereiht, Menschen in orangefarbenen Polohemden leiten die ersten Besucher in die Reihen. Sie lassen sich auf die Bänke plumpsen und spannen ihre Schirme auf. "Heute kommt Mutti", hatte Freihorst am Morgen bei Facebook geschrieben, er freut sich auf die Kanzlerin.

Sein größter Wunsch an diesem Tag: eine Unterschrift von Angela Merkel auf seinem Flyer. Ob sie dafür noch Zeit hat? Politiker haben es immer eilig, gerade in Wahlkampfzeiten – das weiß Freihorst, aus eigener Erfahrung. Eigentlich hat er gerade Semesterferien, aber an Verreisen ist nicht zu denken. Nächste Woche muss er mit anderen Kandidaten über Europa diskutieren, letzte Woche hat er eine Veranstaltung zur Organspende moderiert – und bald geht auch seine Schultour los. Freihorst beobachtet, wie immer mehr junge Grüne sich auf dem Marktplatz versammeln. Sie pusten Luft in grüne Ballons, "CDU, ich platze gleich" steht darauf. "Fragen Sie mich jetzt mal, ob ich aufgeregt bin." Er lächelt, ganz glücklich sieht Freihorst nicht aus. Er rückt seinen Stuhl nach hinten, steckt den Schirm nun endgültig in seine Umhängetasche und steht auf, in ein paar Minuten geht es los. Er ist froh, nicht mehr still sitzen zu müssen. Im Laufschritt schlängelt er sich durch die Zuschauer. "Mal sehen, ob Linke und Grüne wieder Randale machen", sagt er.

Ein junger Mann mit Wollmütze und langen Locken hält ein Schild in die Höhe: "CDU, nein danke". So etwas dürfe man nicht persönlich nehmen, sagt Freihorst. Nervös macht es ihn trotzdem. "Was macht der denn hier"? Etwas wackelig kommt gerade Stuttgarts grüner Bürgermeister Fritz Kuhn mit einem Rad angefahren. "Die Grünen brauchen wohl Unterstützung." Freihorst lacht. Mittlerweile fallen dicke Tropfen vom Himmel, die Besucher scheint das nicht zu stören, sie recken trotzig ihre Schirme in die Luft und packen ihre Regencapes aus. Direkt in der ersten Reihe sitzen drei junge Mädchen, ihre Füße stecken in Ballerinas, auf ihren Knien liegt ein Pappschild, auf das sie "Angie" gedruckt haben. Freihorst soll sich in seinem Wahlkampf besonders um die jungen Wähler kümmern. Bildungspolitik sei hier ein wichtiges Thema: "Dass die Hochschulen genug Geld bekommen."

Freihorst geht jetzt hinter den anderen Spitzenkandidaten der Bremer CDU auf die Bühne. Ein ziemlich gut gelaunter und ziemlich braun gebrannter Moderator läuft federnd die Stufen zur Bühne hoch und sagt: "Wer in Bremen zur CDU hält, ist ein treuer Mensch." Das sitzt, Freihorst schmunzelt. Freihorst mag Bremen. Das hat er am Nachmittag auf dem Weg zum Marktplatz erzählt. "Ich kann fast überallhin zu Fuß gehen." Anders als in Berlin. Das Rathaus sei das einzige Rathaus in Deutschland, welches im Krieg nicht zerstört wurde, das hat Freihorst auch erst vor Kurzem gelesen. "Toll, oder?"

"Diesen Namen muss man sich auch merken", sagt der Moderator jetzt, er meint Freihorst damit. "Warum sollen die Menschen dich wählen?" – "Ich glaube, ich kann für frischen Wind sorgen." – "Was gefällt dir an der Bundeskanzlerin?" – "Ihre solide und bodenständige Art." – "Genau das mag ich auch an ihr", der Moderator lacht ins Mikrofon. Freihorst tritt ein Stück zur Seite, das war es schon für ihn, der nächste Bremer Kandidat ist dran. Angel von Robbie Williams läuft jetzt, Angela Merkel ist auf dem Weg zur Bühne.

Freihorst steht unter einem weißen Zelt neben der Bühne und packt einen orangefarbenen Schirm aus einer Plastikfolie. Seinen blauen hat er einer alten Dame geschenkt. "Lief doch ganz gut", sagt er, er ist zufrieden und kann sich jetzt entspannen. "Sie ist so authentisch, liest ihre Reden nie ab." Freihorst gefällt Merkels Auftritt. Später wird noch ein Foto von ihm und der Kanzlerin gemacht, und seinen Flyer unterschreibt sie auch. Am nächsten Tag postet er das Bild auf Facebook. "Wir verstehen uns", schreibt er drunter, mit einem Smiley.