Der Kampf beginnt, wenn die Wahl vorbei ist. So war es immer. Aber so wie diesmal war es nie. Denn am 22. September um 18.05 Uhr könnte eine Situation eintreten, für die es kein Schema, kein Ritual und keine Regeln gibt. Im neuen Bundestag könnten vier oder sechs Parteien sitzen. Für eine absolute Mehrheit könnten schon 44 Prozent reichen. Theoretisch wäre eine rot-rot-grüne Regierung denkbar. Oder eine Große Koalition mit einem Vizekanzler Olaf Scholz. Oder eine schwarz-gelb-grüne Regierung. Oder sogar eine rot-rot-orangefarbene Allianz aus Linken, SPD und Piraten.

Klingt irre? Ist es auch. Doch alle Planspiele wirken nur so lange völlig verrückt, wie man nicht danach fragt, was die Alternative wäre.

Peer Steinbrück sagt jetzt häufig: "Ich als Kanzler", und tut so, als bereite er sich intensiv auf Rot-Grün vor. Angela Merkel spricht der FDP ihr "vollstes Vertrauen" aus. Nur glauben tun sie das beide nicht. Schwarz-Gelb, die Koalition aus Union und FDP, ist unsicher, Rot-Grün unwahrscheinlich.

Wie also wird das eigentlich ablaufen am Wahlabend, wenn es keine klaren Verhältnisse gibt? Wer ruft wen an? Sondiert man zweifach, mehrhändig, vielgleisig? Wie verhindert man, dass sich drei verabreden, während man selbst noch auf den Anruf wartet?

"Keine Ahnung", sagt ein ratloses CDU-Vorstandsmitglied, "so etwas gab es noch nie."

Der Mensch vermeidet Schmerzen gerne, und in der Politik ist das nicht anders. Schmerz erzeugt Ausweichbewegungen, Verkrampfungen, er führt zu Schonhaltungen, die den Schmerz mittelfristig noch schlimmer machen. So kommt es, dass die Politiker, die am besten miteinander könnten, sich am heftigsten bekriegen müssen, während die, die sich eigentlich nicht mehr riechen können, sich ewige Treue schwören. Es sind in der Politik zurzeit eine Menge Verrenkungen zu beobachten.

Gleichzeitig rollt eine Druckwelle in Richtung Berlin, die jede Regierung treffen wird, unabhängig von ihrer Farbe. Sie kommt nicht nur von außen, aus dem immer noch krisenanfälligen Europa, sie kommt von innen. 2019 wird sie Deutschland mit voller Wucht treffen. Dann dürfen die Bundesländer keine Schulden mehr machen, die Schuldenbremse trifft sie viel härter als den Bund. 2019 läuft auch der Solidarpakt aus, es stehen Verhandlungen über den Hochschulpakt an und Regelungen mit so komplizierten Namen wie Maßstäbegesetz. Vereinfacht gesagt, heißt das: Wenn sich im Verhältnis zwischen Bund und Ländern nichts ändert, droht in Deutschland ein flächendeckender Länderbankrott.

Und so werden überall bereits die Grenzen der gewohnten Rituale und Spielregeln ausgelotet. Es wird gerechnet, geplant – und geblufft.

Rot-Rot-Grün, das wäre ein Ausweg bei einem Patt, jedenfalls rechnerisch. "Ich glaube, dass uns da eine Offenheit guttäte", sagt die SPD-Linke Hilde Mattheis und legt damit eine Unverblümtheit an den Tag, die bei führenden Sozialdemokraten eher die Ausnahme ist. Warum nicht endlich die linke Mehrheit heben, die es im Land zu geben scheint, die Mehrheit im Bundesrat nutzen und links durchregieren? Wollen würden die Beteiligten schon. R2G (zweimal Rot, einmal Grün) ist nicht nur die ideelle Lieblingsvariante von Jürgen Trittin, sie wäre auch die Konstellation, in der die SPD den Kanzler stellen könnte und die scheinbar unbesiegbare Angela Merkel weg wäre. Die Linke baggert seit Wochen offen die SPD an, doch die hat sich mehrfach recht eindeutig dagegen ausgesprochen.

"Rot-Rot-Grün wird es 2013 im Bund nicht geben, weder mit mir noch mit Sigmar Gabriel oder Frank-Walter Steinmeier. Auf keinen Fall", hat Kanzlerkandidat Steinbrück im Januar in der ZEIT gesagt. Bei Sigmar Gabriel klingt das etwas milder: "Die Linkspartei besteht aus zwei Parteien: der Partei pragmatischer Ostdeutscher und einer aus vielen Sektierern und SPD-Hassern im Westen. Wie sollen wir denn regieren, wenn einer wie Oskar Lafontaine mal eben fordert, aus dem Euro auszutreten?" Oskar Lafontaine ist zwar bis auf Weiteres weg. Aber dass die Linke ihre Positionen zu Europa, Hartz IV und Auslandseinsätzen binnen weniger Wochen kassieren kann, scheint ebenso unrealistisch wie eine Kehrtwende der SPD.

"Wer nach der Wahl mit Rot-Rot-Grün an die Macht will, stirbt den Ypsilanti-Tod." Das sagt ein Mann, der sich als linker Sozialdemokrat versteht. Die damalige Spitzenkandidatin der hessischen SPD wollte nach der Landtagswahl 2008 eine rot-grüne Minderheitsregierung durchsetzen, toleriert von der Linken. Im Wahlkampf hatte sie jede Zusammenarbeit ausgeschlossen. Der Versuch endete mit ihrem Sturz.

Dieser Weg ist also versperrt. In Hintergrundgesprächen machen deshalb Szenarien die Runde, wonach einige Linke zur SPD wechseln könnten oder Rot-Grün sich auf wechselnde Mehrheiten stützt, mal mit den Piraten, mal mit der Linken. Wahrscheinlich ist das nicht, es zeigt eher die Verzweiflung der Linken, parteiübergreifend.

Denn eine Alternative wäre diese: Der SPD-Wunschpartner Grüne rettet sich in eine Koalition mit der CDU. Für die Generation von Jürgen Trittin und Renate Künast wäre das die letzte Chance, ein Regierungsamt zu bekleiden. Für die SPD wäre das gefährlich: Die Grünen könnten endgültig zur dritten Volkspartei aufsteigen und die SPD verdrängen. "Dass man sich in der Opposition nicht unbedingt erholt, haben wir eindrucksvoll bewiesen", warnt ein SPD-Ministerpräsident.