Kurz vor ihrem Tod im Sommer vergangenen Jahres speicherte Nora Ephron auf ihrem Computer ein Dokument namens "Exit" ab. Darin plante sie in knappen Worten ihre Trauerfeier: roséfarbener Champagner und Sandwiches von William Poll, dem altmodischen New Yorker Lebensmittelladen auf der Lexington Avenue. Ephron schrieb elf Namen auf, von denen sie sich Trauerreden wünschte, keine länger als fünf Minuten. Zeit ihres Lebens traf sie präzise Vorkehrungen. Ephron hasste Überraschungen.

Die Wucht der öffentlichen Zuneigung, die ihre Todesnachricht am 26. Juni 2012 auslöste, hätte Ephron wohl überrascht. Das New Yorker Medien-Establishment schrieb hingebungsvolle Nachrufe. Fans drückten in Tweets und Blogeinträgen inniges Mitgefühl aus.

Nora Ephrons Name wird in einem Atemzug mit Andy Warhol und Woody Allen genannt, so sehr prägte sie die Stadt. Als Schriftstellerin hat sie sich in allen möglichen Formen artikuliert: in Essays, Kolumnen, Drehbüchern, Romanen, Theaterstücken, Blogeinträgen und Regiearbeiten. Hauptsächlich verbindet man ihren Namen mit Liebeskomödien wie Harry und Sally und Schlaflos in Seattle, doch tatsächlich machen die Filme nur einen Bruchteil des Werkes aus, das Ephron hinterlassen hat, als sie mit 71 Jahren starb. Auf Facebook werden über ein Jahr nach Ephrons Tod noch immer Lieblingszitate aus ihren Texten ausgetauscht. Man erinnert sich an Passagen aus jüngeren Arbeiten – und an solche, die vor über 30 Jahren veröffentlicht wurden. Ein Dokumentarfilm über die Autorin ist derzeit in Arbeit, und Ende Oktober wird The Most Of Nora Ephron erscheinen – eine Neuauflage ihrer Essays. Ephrons Tod hat ein Revival ausgelöst, das ihre Popularität zu Lebzeiten fast übersteigt. Was hat sie hinterlassen? Und wie kommt es, dass sich heute junge Autorinnen ausdrücklich auf sie beziehen?

1972 veröffentlichte Ephron im Männermagazin Esquire einen grandiosen Text darüber, wie es sich mit kleinen Brüsten lebt, und wurde über Nacht ein Star. Man muss sich das so vorstellen: In einer Zeit, als Feministinnen öffentlich ihre BHs verbrannten, legte Nora Ephron die Sehnsucht nach Oberweite dar, die sie als Heranwachsende empfunden hatte. In einer Zeit, als Frauen humorlos und wütend waren, machte Ephron hinreißende Scherze über ihre Versuche, das Wachstum ihrer Brüste voranzutreiben. Und das alles in einem Männermagazin, dem Feindbild der Frauenbewegung schlechthin. Im Esquire erklärte Ephron Männern, wie Frauen funktionieren. Und ganz nebenbei sorgten ihre Artikel dafür, dass sich auch Frauen für das Magazin interessierten.

A Few Words About Breasts ist ein Klassiker. Noch heute, 40 Jahre nach seiner Entstehung, hat er eine umwerfende Kraft. Das liegt am unverwechselbaren Ephron-Ton: trocken, geistreich, klug. Lee Eisenberg kann die Wirkungsmacht erklären – er ist der Mann, der Nora Ephron Ende der sechziger Jahre von der New York Post zum Esquire lockte und dort später ihr Chefredakteur wurde. "Sie hat mit Intelligenz und Eleganz in einer Weise über Persönliches geschrieben, dass sich alle möglichen Leser damit identifizieren können. Es ging um viel mehr als um sie selbst", sagt der 67-Jährige am Telefon.

Das Grundprinzip von Ephrons Texten besteht in einem auf sich selbst gerichteten Humor. Ihr ausgeprägter Sinn für Komik ist das Gegenteil von billiger Schadenfreude. Ephron mache sich nicht allgemein über kleine Brüste lustig, sondern ausdrücklich über ihre eigenen. Ihre Scherze gingen nie auf Kosten anderer, immer richtete sie den Scheinwerfer erbarmungslos auf sich selbst. Vordergründig schrieb sie über ihre Brüste, doch eigentlich beschäftigt sich der Text mit weiblicher Unsicherheit. Diese Art radikaler Selbstbeobachtung hatte es bis dahin nicht gegeben. Inmitten des ideologischen Kampfgetümmels der siebziger Jahre schrieb Ephron in ihren Esquire-Texten fröhlich über so gegensätzliche Themen wie ihre sexuellen Fantasien und einen Backwettbewerb. Sie interessierte sich für alles und hatte zu allem eine starke Meinung. In Vaginal Politics beispielsweise schrieb sie Ende 1972 kritisch über eine Selbsthilfegruppe, die amerikanische Frauen darin unterweist, sich selbst gynäkologisch zu untersuchen. "Wir haben die Ära erlebt, in denen der Inbegriff des Glücks ein niedliches Hundebaby war, in einer anderen war es ein trockener Martini. Wir haben jetzt die Ära erreicht, in der Glück bedeutet: zu wissen, wie die eigene Gebärmutter aussieht", eröffnete sie den Text.

Lee Eisenberg bezeichnet sein journalistisches Ziehkind als Queen of Opinion: "Noras Ansichten waren spezifisch und durchdacht, davon war sie besessen. Sie begann immer erst zu schreiben, wenn sie sich sicher war, was sie sagen wollte. Als Leser wusste man, wo sie steht, und sie stand immer abseits der Masse." Im Grunde hat Ephron vorweggenommen, was heute in unzähligen Blogs geschieht: Menschen schreiben über sich und ihre Erlebnisse. Manchmal tun sie das auf unterhaltsame und erhellende Art, aber letztlich drehen sie sich immer nur um sich selbst. Im Unterschied zu solchen Bekenntnissen ging es Nora Ephron nicht darum, Werbung für sich zu machen, sondern weibliches Bewusstsein zu bilden. Die Aufrichtigkeit, mit der sie über eigene Ängste, Unzulänglichkeiten und Defizite schrieb, wirkte identitätsstiftend. Ephron prägte weibliches Selbstbewusstsein in Zeiten radikaler gesellschaftlicher Umbrüche.