Nur 14 Minuten? Und wirklich: pro Jahr? Bernadeta Mushashu lächelt ungläubig, als sie hört, wie selten in Deutschland der Strom ausfällt. Davon kann die Parlamentarierin aus Tansania nur träumen. Bei ihr zu Hause gehen die Lichter oft mehrmals am Tag aus, "und nur ein Fünftel der Bürger haben einen Stromanschluss", seufzt die rundliche Politikerin im Batikgewand.

Mushashu kommt aus einem Land, in dem die meisten Menschen auf Holzöfen kochen. Ihre Kleidung waschen viele im Fluss. Damit die Bewässerungspumpe für das Feld funktioniert, müssen Dieselgeneratoren angeworfen werden. Nun sitzt Mushashu in einem Berliner Restaurant, und mit ihr sechs weitere Entsandte aus fünf afrikanischen Ländern. Gespannt hören sie dem Vortrag eines Energieexperten über drei Jahrzehnte Streit um die Atomkraft zu. Das typische Hauptstadt-Arbeitsessen ist der Auftakt ihrer Expedition in exotisches Terrain: die Energiewende in Deutschland.

Diese Gäste müssten doch erst mal andere Sorgen haben, denkt man. Ernährung, Wasser, Bildung und Straßen: Ist das nicht wichtiger als Strom? Aber ohne den läuft eben nichts. Die Energienot drohe den Aufschwung in Tansania auszubremsen, sagt Mushashu, "wo doch unsere Wirtschaft in den letzten Jahren endlich wächst". Und das gilt auch für andere Länder.

Und warum fliegen die Afrikaner dann ausgerechnet nach Deutschland? Auf diese Frage holt die Parlamentarierin aus, sie erzählt, wie unzuverlässig die Regenzeiten geworden sind. "Die Bauern leiden schon jetzt unter dem Klimawandel", sagt sie, und den will sie nicht noch mit Kohle- und Gaskraftwerken befeuern. Außerdem: Wenn es eines gibt in Afrika, dann ist es Sonne. Wie ihre Mitreisenden erhofft sich Mushashu deshalb "Denkanstöße von einem Land, das bei den erneuerbaren Energien so viel weiter ist als wir".

Diese afrikanischen Politiker wollen es also anders machen – soweit es geht. Denn ihre Skepsis ist groß, ob Sonne, Wind und Biomasse den Energiehunger wirklich stillen können. "Wir brauchen jede Quelle!", sagt Mushashus Tischnachbar, der Energiedirektor der westafrikanischen Wirtschaftsunion Ecowas. Und damit meint Dabire Bayaornibè auch die Kernkraft. In Kenia zum Beispiel prüft die Regierung gerade den Bau eines AKWs.

Eingeladen wurden die Energiewende-Touristen von der Heinrich-Böll-Stiftung, die den Grünen nahesteht. Klar, dass die eine "grüne" Tour geplant hat: zum Gespräch über dezentrale Stromversorgung mit Experten des Potsdam-Instituts für Klimaforschung. Zu VW in Wolfsburg, um die energieeffiziente Montage des Touran zu besichtigen. Im Wendland erzählen Politiker, wie sie die Region vollständig erneuerbar versorgen wollen, und ein Experte des Bundesamtes für Strahlenschutz führt durch das geplante Gorlebener Endlager. Danach treffen wir die Besucher im Bus zurück nach Berlin wieder. Was nehmen sie mit?

Als nachhaltigen Eindruck vor allem die Fahrt in den 800 Meter tiefen Gorlebener Salzstock. "Wenn ihr nicht wisst, wohin mit dem Müll, wie sollen dann wir das Problem lösen?", fragt der Parlamentarier Wilbur Ottichilo. Die Atompläne seines Landes machen ihm jetzt auch aus anderem Grund Sorge. "Immer wurde behauptet, das sei die billigste Möglichkeit, klimafreundlich Strom zu produzieren", sagt er. "Aber jetzt rechnen uns deutsche Wissenschaftler vor, dass der Atomstrom längst teurer ist als der aus erneuerbaren Quellen!"

Umso spannender ist für Bernadeta Mushashu die Erkenntnis, wie dramatisch die deutschen Fördergelder für Wind- und Solarstrom auf dem Umweg über Chinas Billigproduktion die Preise weltweit gesenkt haben. Nach der Fahrt über deutsche Autobahnen könne sie jetzt auch im Panafrikanischen Parlament für Wind- und Sonnenkraft werben, sagt Mushashu: "So viele Anlagen auf einmal habe ich noch nie gesehen!"

Wenn eine sonnenarme Industrienation ein Viertel ihres Stroms erneuerbar produziert, dann könnte es auch in Afrika gehen: Das ist die eine Erkenntnis. Auf ein Kernproblem aber haben die Reisenden nicht genug Antworten bekommen: Wie sollen die Anfangsinvestitionen bezahlt werden? In Kenia habe man sich das deutsche EEG zum Vorbild genommen, sagt Ottichilo. Das setze immer mehr Investitionen in Gang, allerdings nur dort, wo es ein Netz gibt, also meist in den Städten. Dabei bieten dezentrale Kraftwerke gerade auf dem Land die größten Entwicklungschancen. Dafür gilt es jetzt Finanzierungsmodelle zu finden.

Einfacher wird das, wenn noch effizientere Technologien entwickelt werden und die Preise weiter sinken. "Auch deshalb darf die Energiewende in Deutschland nicht scheitern", sagt Bayaornibè. Was er nicht sagt: Ein Fall für sinnvolle Entwicklungshilfe ist Afrikas Energiewende natürlich auch.