Das wird sich kaum ändern. Würden die Ausbauziele für die grünen Energien nur annähernd erreicht, "werden wir einen enormen Überschuss an Strom produzieren", prognostiziert Birnbaum. Eine Studie der Schweizer Großbank UBS sagt zudem voraus, dass sich der Bau privater Solaranlagen in Deutschland in absehbarer Zeit auch ohne Subventionen lohnen wird. Allein dadurch, so die UBS, würden die Stromverkäufe der etablierten Versorger bis 2020 um weitere 20 Prozent einbrechen – und ihre Gewinne aus dem Stromgeschäft um zusätzliche 50 Prozent absacken.

Fossile Großkraftwerke werden auch in Zukunft noch gebraucht

Kein Wunder also, dass sowohl E.on wie auch RWE schon einige ihrer einstigen Geldmaschinen abgeschaltet und angekündigt haben, weitere Meiler stillzulegen. Bei E.on steht ein Siebtel der Gesamtkapazität unter kritischer Beobachtung, bei RWE sogar ein Fünftel.

Fossile Stromfabriken werden allerdings auch weiterhin gebraucht. Eine völlig dezentrale Stromerzeugung rein aus erneuerbaren Quellen sei wegen des Problems, grünen Strom in großem Maßstab zu speichern, auf Jahrzehnte nicht möglich, sagen fast unisono alle Energieexperten. Mithin wird es eine Mischung aus zentral und dezentral geben, bei der Großkraftwerke immer dann einspringen, wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nicht bläst.

Diese nur kurzzeitig produzierenden und schon deshalb nicht rentablen Kraftwerke müssen allerdings bezahlt werden. Eine gesicherte Versorgung bei allen Wetterlagen zu gewährleisten kostet Geld. Bald nach der Bundestagswahl muss die Politik deshalb entscheiden, wie das organisiert werden kann. Sicher scheint derzeit nur eins: Für die Energiekonzerne wird die Bereitstellung von Versorgungssicherheit eine – und womöglich die einzige – Möglichkeit sein, mit einem Teil ihres Kraftwerksparks auch künftig gutes Geld zu verdienen.

Die vier Milliarden Euro, die in Spitzenzeiten aus den Stromfabriken in die Konzernkassen flossen, werde man damit freilich "wohl nie mehr einnehmen", sagt der RWE-Mann Schmitz. Auch Birnbaum ist überzeugt, dass die Stromerzeugung in Deutschland und Europa "ihre dominante Stellung als Ergebnisbringer für E.on schrittweise verlieren wird". Einen teilweisen Ausgleich soll das Dienstleistungsgeschäft bringen. E.on möchte zum Rundumversorger für Unternehmen werden.

Auch dabei folgt der Konzern einem von der Energiewende in Gang gesetzten Trend. Nicht mehr nur Privatleute, auch Industrie und Gewerbe versuchen, sich von der zentralen Versorgung unabhängiger zu machen und Strom im eigenen Keller, auf dem Werksgelände oder dem Fabrikdach zu erzeugen. Jede zehnte der vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag befragten 2.300 Firmen ist bereits dabei, dies zu tun. Bei weiteren 21 Prozent wird die Selbstversorgung geplant oder ist eine Anlage schon im Bau.

Zum Beispiel Metro: In zunächst vier seiner Großmärkte – zwei in Deutschland, zwei in Russland – wird das Handelsunternehmen gasbetriebene Blockheizkraftwerke einrichten, die sowohl den Wärme- als auch den Strombedarf der Märkte decken sollen. Für die Planung, die Finanzierung, den Bau und die Wartung der Anlagen, die später auch mit Solarenergie kombiniert werden können, ist dabei E.on zuständig.

Für den Konzern soll das Geschäft mit Metro nur der Anfang sein. Seine Strategen haben 82 mögliche Großkunden identifiziert, unter ihnen nicht nur Großmärkte, sondern auch Molkereien, Krankenhaus- oder Hotelketten, Einkaufszentren und Fleischverarbeiter. Insgesamt, so Hervé Touati, der Chef der neuen Geschäftssparte E.on Connecting Energies, sei dieser neue Markt gut 100 Milliarden Euro schwer. "Früher haben wir uns darauf beschränkt, Energie zum Kunden zu bringen. Jetzt wollen wir ihn nicht nur in die Lage versetzen, Energie selbst zu erzeugen, sondern auch, mit ihr so effizient und kostensparend wie möglich umzugehen", sagt er.

Dafür braucht es Experten. Diese haben die Konzerne – ebenso wie ein in Jahrzehnten gewachsenes Erfahrungswissen, das selbst dort noch benötigt wird, wo die Zeichen auf größtmögliche Unabhängigkeit stehen. Im thüringischen Schmalkalden etwa wird seit Jahren versucht, eine vergleichsweise autarke und dezentrale Energieversorgung einzurichten. Das Stadtwerk der 20.000 Einwohner großen Gemeinde erzeugt Strom mit Gasturbinen oder in Biogasanlagen. Auch das Stromnetz soll wieder zum Eigentum der Kommune werden. Betreiber aber bleibt E.on. "Wir sind auf externe Partner angewiesen, weil wir die Fachleute selbst nicht haben", sagt Stadtwerksleiter René Killenberg.

Deutlich wird die anhaltende Bedeutung der Konzerne für eine reibungslose Energieversorgung auch in der Eifel. Dort erzeugen Heinz Hoffmann und andere private Produzenten in der Regel doppelt so viel Strom, wie in ihrer Region benötigt wird. Die Gegend ist damit typisch für das ländliche Deutschland. Hingegen haben die Städte einen Strombedarf, der weit über die mögliche Eigenerzeugung hinausgeht. Notwendig ist also nicht nur der Ausbau der überregionalen Übertragungsnetze, um etwa Windstrom von Nord nach Süd zu transportieren; auch die regionalen Verteilnetze müssen für die Kombination aus dezentraler und zentraler Versorgung ertüchtigt werden.