Wie kann das sein? Unsere liebste Lieblingszeitung, die uns täglich Halt und Orientierung im Leben verspricht, bekommt plötzlich Angst vor Chaos und Durcheinander. Kein Mensch, klagt die Süddeutsche Zeitung und vergießt bittere bajuwarische Tränen, kein Mensch bleibe heutzutage seinem ursprünglichen Auftrag treu und verharre auf dem Platz, an dem der liebe Gott ihn einst abgestellt hatte. Ein Beispiel: Leute des Axel-Springer-Verlags würden erst mit dem schönen Henri-Nannen-Preis behängt, und dann finge der Konzern "nach allen möglichen wertlosen Festtagsreden" an, den Printjournalismus zu begraben. Oder dies: Die "FAZ rettet die Frankfurter Rundschau", und der schlingernde "Spiegel holt einen Springer-Mann" an Bord. Ist heute alles Mitte und alles austauschbar geworden? Gibt es nicht mehr links und rechts und gut und böse? Ist es egal, wenn sich der Messias als Antichrist entpuppt und Gott mit dem Teufel gemeinsam die Suppe auslöffelt, die sie sich in der Morgenröte der Geschichte eingebrockt hatten? Liebe SZ, Du wohnst tief im Süden des deutschen Herzens, wo man schon einmal ein Foto mit einem anderen verwechselt, denn in der sündhaften Welt ist vieles austauschbar geworden, was vor allem Menschen wissen, die im Katholischen daheim sind und ihre Verirrungen dem Pfarrer beichten müssen. Übrigens muss kein Mensch alles wissen, und selbst wir im aufgeklärten Norden wissen nicht alles. Zum Beispiel wissen wir nicht, ob Anne Will oder Maybrit Illner in der tiefsten Tiefe ihres ozeanischen Herzens nicht doch aufrichtig glauben, sie seien, jede für sich, die bessere Frau Bundeskanzlerin. Vielleicht denken sie wirklich, dass eine Talkshow-Queen die geborene Königin von Deutschland ist, während die gewählte Kanzlerin eben nur Kanzlerin und Peer Steinbrück nur The King of Kotelett ist. Unter uns: Stünde Frau Will oder Frau Illner die Deutschland-Kette ausschnittsweise nicht ebenso gut wie Frau Merkel? Könnten beide nicht ebenfalls superkluge Deutschkanzler-Sätze sagen wie: "Es muss jeder von seiner Arbeit leben können"? Oder: "Ich handle nicht erst und denke dann. Ich mache das umgekehrt." Wir wissen wenig, aber dies wissen wir schon: Auch für eine Bundeskanzlerkönigin Anne Will oder Maybrit Illner wäre ein Satz wie dieser nicht unbezwingbar: "Strom muss bezahlbar bleiben." Kurzum, liebe SZ, sei unbesorgt: Jeder Mensch glaubt heutzutage, er hocke auf dem falschen Platz, während der für ihn richtige Platz vorübergehend von seinem Chef besetzt wird. Oder von Frau Merkel. Macht doch nix. Hauptsache, die Züge fahren pünktlich.

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