Im Juni 1967, am Ende des Sechstagekrieges, war alle Welt überzeugt: "Israel hat sich durch seinen Sieg über die arabischen Staaten militärische Sicherheit auf lange Sicht geschaffen." So fasste es zum Beispiel Kurt Waldheim zusammen, damals Österreichs Vertreter bei den Vereinten Nationen, später deren Generalsekretär. Allerdings war auch ihm wie allen anderen klar: Von einer "politischen Lösung seiner Existenzfrage" schien Israel "weiter entfernt denn je".

In der Tat kam der Friedensprozess keinen Millimeter voran. Während die Arabische Liga im September 1967 in Khartoum ein dreifaches Nein verkündete: Nein zur Anerkennung Israels, Nein zu Verhandlungen, Nein zum Frieden, forderte der UN-Sicherheitsrat Israel im November mit der Resolution 242 vergebens zum Rückzug aus den Gebieten auf, die seine Armee im Juni 1967 besetzt hatte: das Westjordanland, die ägyptische Halbinsel Sinai und den Gazastreifen, die syrischen Golanhöhen. Was folgte, war ein Scharmützelkrieg gegen Ägypten am Sueskanal, der Israel mehr Menschenleben kostete als der gesamte Sechstagekrieg.

Im September 1970 starb, erst 52 Jahre alt, Ägyptens charismatischer Führer Oberst Gamal Abdel Nasser. Sein Nachfolger wurde Anwar al-Sadat, den weder Israel noch Washington ernst nahmen. (Henry Kissinger, damals Nationaler Sicherheitsberater von US-Präsident Richard Nixon, erinnerte sich später: "Wir fragten: Wer ist Sadat? Wir alle dachten, er sei ein Narr, ein Clown.") Sadats Revanchedrohungen nahm man erst recht nicht ernst, da seinen zahlreichen Ankündigungen zur Rückeroberung der besetzten Gebiete keine Taten folgten. Bis zum 6. Oktober 1973.

An jenem Samstag, Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, griffen ägyptische und syrische Einheiten an zwei Fronten gleichzeitig an: am Sueskanal und auf den Golanhöhen. Der israelische Botschafter in Bonn, Eliashiv Ben-Horin, war nicht der Einzige, der sich empörte: Es sei eine "arabische Niedertracht, am Jom Kippur anzugreifen, ärger als für Christen am Heiligabend".

In jedem Fall war Israel vollkommen überrascht. "Wir haben einfach nicht geglaubt", brachte es später der Direktor des Auslandsgeheimdienstes Mossad, Zvi Zamir, auf den Punkt, "dass die Araber das konnten. Wir haben sie verachtet." Weder der Mossad noch der Aman, der wichtigere militärische Geheimdienst, hatten etwas geahnt. Sämtliche Warnungen waren ignoriert worden. Bis Mitternacht des 5. auf den 6. Oktober, als ein Mossad-Agent – ein Ägypter – die Information weitergab, der Angriff beginne am 6. Oktober um 18 Uhr. Tatsächlich begann er dann schon vier Stunden früher.

Immerhin, diesmal nimmt man die Nachricht ernst. Doch schon gibt es Streit. Generalstabschef David Elazar verlangt eine sofortige Generalmobilmachung (200.000 Reservisten), Verteidigungsminister Mosche Dajan lehnt ab. Er will nur zwei Divisionen mobilisieren, denn sonst könnten die Araber sofort präventiv zuschlagen. Elazar verlangt seinerseits einen Präventivschlag gegen die syrische Luftwaffe; auch das lehnt Dajan ab. Im Kabinett warnt er davor, die Unterstützung der USA zu verlieren: Israel dürfe nicht als Aggressor dastehen. Im Übrigen sollten Ägypten und Syrien nur angreifen. Er und die übrigen Minister sind davon überzeugt, dass man im Nu mit ihnen fertigwürde. Auch Ministerpräsidentin Golda Meïr lehnt einen Präventivschlag ab, genehmigt allerdings eine Mobilmachung von bis zu 100.000 Reservisten, die um 10 Uhr beginnt.

Doch da ist in Ägypten und Syrien schon alles klar zum Gefecht. Um 14 Uhr beginnt der Angriff. Die Syrer verfügen über 930 Panzer, 930 Geschütze und 30 SAM-Raketen-Batterien, dazu zwei Divisionen mit 460 Panzern in Reserve. Dem stehen nur 177 israelische Panzer gegenüber. Ein Kommandant meinte später, man habe das Gefühl gehabt, es werde einen neuen Holocaust geben.

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Schon am Vormittag des nächsten Tages durchbrechen syrische Verbände die Verteidigungslinie auf den Golanhöhen und stoßen ins Jordantal vor. Dajan ist verblüfft. Die syrischen Soldaten, schrieb er rückblickend, "kämpften besser als 1967, sie waren entschlossen und fanatisch. Für sie war es wie ein Heiliger Krieg." Israel verliert binnen Stunden 100 Panzer, die restlichen haben keine Munition mehr. "Der Dritte Tempel [der Staat Israel] ist in Gefahr", alarmiert Dajan den Oberbefehlshaber der Luftwaffe, General Benny Peled. "Auf dem Sinai gibt es nur Sand, hier [auf dem Golan und im Jordantal] stehen unsere Häuser." Die Luftwaffe solle die Syrer stoppen.