Ein katholischer Bischof bezieht seine Macht von oben, nicht von unten. Der Heilige Geist – unter Beihilfe des Vatikans – trifft die Personalentscheidung, kein Kirchenvolk wird dafür zur Wahlurne gerufen. Wer auserkoren ist, dient der göttlichen Wahrheit, nicht der weltlichen Mehrheit. Von außen betrachtet, ist dieses Demokratiedefizit ein Skandal, die meisten Katholiken aber haben sich damit arrangiert. Was andere scheinheilig nennen, nehmen sie als Schrulle hin. Katholischsein ist die Balance zwischen Liebe zur und Leiden an der Kirche.

Wird Limburg zur Stadt der Liebe? Franz-Peter Tebartz-van Elst ist jedenfalls der erste deutsche Bischof, der öffentlich dafür kämpft, gemocht zu werden. Seit Monaten steht er in der Kritik, weil sein Bischofshaus deutlich mehr kosten wird als geplant, weil er First Class nach Indien flog und weil er eine weihrauchgesättigte Frömmigkeit pflegt. Wegen des Verdachts einer eidesstattlichen Falschaussage zum Thema Erste-Klasse-Flug ermittelt zudem die Hamburger Staatsanwaltschaft gegen ihn.

Vor zwei Wochen bekundeten Gläubige in einem offenen Brief ihren Unmut über den Bischof. Am vergangenen Wochenende demonstrierte Tebartz-van Elst, ebenfalls in einem öffentlichen Brief, Reue. "Manches, was über mich gesagt und geschrieben wurde, hat mich verletzt", formulierte er. "Anderes hat mich auch nachdenklich gemacht und dazu beigetragen, dass ich einige Entscheidungen mitunter in einem anderen Licht sehe." Dem Schreiben voraus ging ein Besuch im Vatikan, dort hatte ihm der Chef der Bischofskongregation volle Unterstützung zugesichert.

Rückendeckung durch den Vorgesetzten ist oft die letzte Stufe vor dem Rücktritt, aus dem Gestützten wird schnell der Gestürzte. Wie glaubhaft kann Reue sein, die der Hauch des Kalküls umgibt? Der arme Sünder hat sich nicht in den Staub geworfen, sondern trägt den Kopf immer noch so weit oben, dass er bis Rom sehen kann. Halbherzig wirkt der Kampf um die Herzen, wenn er mit Wörtern wie "mitunter" geführt wird. "Lassen sie uns aufeinander zugehen!", fleht der Bischof. Solche Zeilen richten sich nicht nur an die Gläubigen, sie signalisieren vor allem in Richtung Vatikan: Ich kann Dialog. Wenn’s unbedingt sein muss.

Aufeinander zugehen, das meint auch: Die Kritiker sollen bitte ihre Fehler eingestehen. Ja, es gab gehässige Artikel. Ja, es gibt auch die Versuchung, in dem kleinen Bistum die Schlacht um das gesamte Pontifikat Benedikts XVI. zu schlagen. Doch die weiche Wir-sind-alle-kleine-Sünderlein-Rhetorik lenkt davon ab, dass die harten Fakten noch gar nicht benannt sind. Die Kostenexplosion an seiner Hausbaustelle kann Tebartz-van Elst recht weltlich aussitzen, zu viele waren an dem Verfahren beteiligt: verschiedene Bischöfe und Generalvikare, die Stadt, der Denkmalschutz und nicht zuletzt Gott, weil er den Boden von Limburg so bauherrenunfreundlich schuf.

Nicht aussitzen lässt sich der Grundsatzkonflikt: Eine Kirche, die das Leben ihrer Mitarbeiter bis in die Betten hinein kontrolliert, lässt sich nicht freiwillig in die Kassen schauen. Wer den Draht nach oben hat, braucht sich vor denen da unten nicht zu rechtfertigen. Nicht die einzelnen Entscheidungen sind das Problem, sondern die unreuige Haltung dahinter ist es. Noch gibt es keinen Bund der Kirchensteuerzahler. Seine Gründung könnte der nächste Schritt nach dem Briefwechsel sein.

Der Limburger Vorfall sieht für eine Kirche, die sich als Anwalt des Allerhöchsten versteht, wie eine Petitesse aus. Von dieser Flughöhe aus betrachtet, wirkt der Streit um First-Class-Tickets klein, ja so winzig, dass die Angelegenheit nicht einmal zur Reue zu taugen scheint. Solange die Ermittlungen in Hamburg laufen, gilt Franz-Peter Tebartz-van Elst nicht als Lügner. "Lassen Sie uns aufeinander zugehen." Haben wir uns nicht alle schon mal durchgemogelt, wenn es eng wurde? heißt das. Ja, haben wir. Alle. Und dann hat uns der Chef, Freund, Wähler oder Leser dafür zur Rede gestellt. Das ist zwar unangenehm, aber kein Angriff auf die Menschenwürde.

Es hätte direktere Wege gegeben, ohne Anwalt, um zu erklären, wie das nun genau war mit dem Flug nach Indien: Ich bin Bischof, ich bin eine geistliche Spitzenkraft, ich habe First Class verdient, und jetzt kritisiert mich meinetwegen dafür. Doch diesen Weg versperren sich katholische Würdenträger. Selbstherrlichkeit ist die Kehrseite der Angst. Angst vor den Medien, vor den Amtsbrüdern – und vor den Gläubigen. Denn eigentlich wollen sie eben doch gemocht werden von der lästigen Mehrheit. Ob Tebartz-van Elst bleibt, hängt von denen da oben in Rom ab, von denen da unten in Limburg und von der Stimme da drinnen. Die dürfte ihm sagen, dass taktische Reue keine liebenswerte katholische Schrulle ist.