Die Gesunden tragen den Keim zu den Kranken in die Klinik

Dagegen hilft nur Prävention auf allen Ebenen. Die Einrichtung der Krankenzimmer muss stimmen, ausreichend Personal vorhanden sein, die Labore müssen gut funktionieren und die Mitarbeiter mitmachen. Das funktioniert in Europa nicht überall. Als sich der Keim Anfang der 1980er Jahre verbreitete, erinnert sich Kluytmans, hätten Deutschland und viele andere europäische Länder das Problem einfach ignoriert.

Die niederländische Mikrobiologie aber war zu dieser Zeit führend. Ohne lange abzuwarten, adaptierte sie die erfolgreiche britische search and destroy-Strategie. Menschen, die MRSA übertrugen, wurden gesucht, behandelt und isoliert, die Krankenhäuser gereinigt. Damit war das Problem in den Niederlanden schnell unter Kontrolle. In Deutschland hingegen blieb eine entschlossene Reaktion aus. Eine historische Chance war vertan.

Durch das Zögern ist MRSA heute in der deutschen Bevölkerung weit verbreitet – die Gesunden tragen den Keim zu den Kranken in die Kliniken. Mit diesem Erbe müssen sich Chefärzte wie Gerhard Rümenapf herumschlagen. "MRSA ist ein großes Problem in unserer Abteilung", sagt der Gefäßchirurg auf dem Weg zum nächsten Zimmer. Immer wenn ein Patient vor der Aufnahme in Speyer in einem ausländischen Krankenhaus gewesen ist oder schon einmal auf der gefäßchirurgischen Station gelegen hat, gilt er als potenziell kontaminiert und muss getestet werden. Unter anderem wegen MRSA würden bis zu 20 Prozent seiner Patienten in Isolierzimmer gelegt. Die Strategie scheint zu greifen. Rümenapf kann sich lediglich an zwei Fälle erinnern, in denen MRSA innerhalb der Station übertragen wurde.

Zufrieden ist er aber nicht, denn in Deutschland werden Krankenhausbetten ab- und nicht aufgebaut. "Ich könnte für meine Station locker noch fünf bis zehn Einzelzimmer gebrauchen, damit ich dort Isolierte reinlegen kann", sagt der Chirurg, "aber das ist in den Krankenhausbedarfsplänen nicht berücksichtigt."

Er hastet in ein Dreibettzimmer. Nur am Eingang hängt ein Spender für Händedesinfektionsmittel, eigentlich müssten es für drei Betten zwei sein. "Es ist eng hier", erklärt die Hygienefachkraft entschuldigend, "wenn wir mehr Spender anbringen, stößt man sich daran." Die Oberärztin greift in die Kitteltasche, zieht eine Flasche hervor, spritzt ihrem Chef etwas alkoholische Lösung in die Hände und reicht ihm stumm die Handschuhpackung.

Die Mehrzahl der deutschen Krankenhäuser hat wie das Krankenhaus in Speyer die mikrobiologische Versorgung und hygienische Beratung outgesourct. "In Deutschland hat man sich gesagt: Die Mikrobiologie ist ein Labor, und ein Labor kann ich zentralisieren – irgendwo weit weg", sagt Alexander Friedrich, der von Münster an das Universitätsklinikum Groningen gewechselt ist. Die Arbeit leisten in Deutschland jetzt große Firmen.

In den Niederlanden hingegen sind Hygieneberatung und Labore meist direkt an der Klinik angesiedelt. Die Analyse eines MRSA-Abstrichs kostet hier zwar 70 Euro gegenüber 3 Euro in einem kommerziellen deutschen Labor. Doch mit dem teuren Abstrich bekomme der Kunde viel mehr, argumentiert Friedrich: "Hier ist im Laborpreis auch der Krankenhaushygieniker enthalten, der das Haus kennt, und der Mikrobiologe, der über die Antibiotikatherapie berät." In Deutschland seien von 20 Untersuchungen 10 sinnlos, oder die Kliniken schickten das Falsche ein. "Man stellt die falsche Frage und kriegt keine richtige Antwort", sagt Friedrich.

Der Chefarzt betritt den Raum ohne Schutzkittel und Mundschutz

"Weiter geht die wilde Hatz", ruft Chefarzt Rümenapf in Speyer, schreitet über den Flur und hält samt Gefolge vor einem Isolierzimmer. Der Farbcode Orange an der Tür zeigt den Verdacht auf MRSA an, und das heißt: Mundschutz anlegen. Doch der Chefarzt betritt den Raum beherzt ohne Schutzkittel und ohne Mundschutz. Weder die Hygienefachkraft noch die Schwester oder einer der Assistenzärzte machen ihn darauf aufmerksam. Es bleibt nicht das einzige Versäumnis. Einmal schüttelt der Chefarzt einem Patienten drei Sekunden nach der Händedesinfektion die Hand, das Desinfektionsmittel muss aber mindestens 30 Sekunden einwirken, erst dann hat es ausreichend Keime auf der Hand eliminiert. Danach streicht der Ärmel seines Kittels gefährlich nah über eine offene Wunde. Die Hygienefachkraft seufzt: "Die Kittel sind eben Tradition." Anders als in Großbritannien oder den Niederlanden sind kurze Ärmel in Deutschland im Umgang mit den Patienten nicht vorgeschrieben. Gerhard Rümenapf ist jedoch kein besonders negatives Beispiel. Wer in ein Krankenhaus geht, wird immer wieder solche Ausrutscher entdecken.