"Stellen Sie sich vor, Sie stehen vor einer achten Klasse, keiner hat Lust auf Chemie, wie gelingt es Ihnen trotzdem, die Begeisterung zu wecken?", fragt Thomas Weingand. Seine Aufgabe ist es, die fachlichen, pädagogischen, motivationalen und persönlichen Voraussetzungen der Bewerber zu prüfen. Jetzt will er wissen, wie realistisch das Bild bereits ist, das die junge Kandidatin vom Lehrersein hat. Wie weit ihre Reflexion über das hinausgeht, was man gemeinhin als Schüler erlebt. Er fragt nach Methoden und Unterrichtsideen.

"Mein Traum ist es, als Wirtschaftsinformatikerin Prognosen zu entwickeln ..." hat die nächste Bewerberin geschrieben. "Völlig unklare Motivationslage, das wird spannend", sagt Weingand. "Wollen Sie Lehrerin oder Informatikerin werden?", fragt Markus Gebhardt, der als Vertreter des Lehrstuhls neben Weingand an diesem Tag die Gespräche führt, die selbstbewusste junge Frau. "Es ist nicht mein Ziel, in die Wirtschaft zu gehen", versichert sie. Nach kurzer Besprechung bescheinigt man ihr einen "mittleren Entwicklungsbedarf" in den Bereichen Motivation und Pädagogik. Das heißt übersetzt: Hier gibt es noch einiges nachzuholen! "Wir würden Ihnen empfehlen, noch etwas an Ihrer Persönlichkeit zu arbeiten", sagt Weingand, und die Miene des Mädchens verdüstert sich. "Aber wir sind sehr guter Hoffnung."

Dann verlässt sie den Raum, und niemand weiß, ob man sie zu Semesterbeginn als Studentin wiedersehen wird. "Rund 25 Prozent der Bewerber tauchen nach den Gesprächen nicht mehr auf", sagt Manfred Prenzel. Obwohl die meisten mit positiven Verstärkungen daraus entlassen werden. Die natürliche Selektion funktioniert trotzdem. "Das mag verschiedene Gründe haben", sagt Prenzel. "Vielleicht haben die Gespräche auf manche eine abschreckende Wirkung, vielleicht entscheiden sie sich am Ende doch für ein anderes Fach." Wichtig sei ihm, herauszufinden, "wie belastbar, initiativ und stabil eine Person ist". Mehr könne man in einer solchen Momentaufnahme nicht erkennen. "Dafür fehlt uns einfach die Diagnostik."

Prenzel hat zwei seiner Mitarbeiterinnen in den vergangenen Monaten zu Forschungsarbeiten nach Finnland geschickt. Sie sollten herausfinden, wie es den Finnen gelingt, die klügsten Köpfe für den Lehrerberuf zu gewinnen. Die Finnen aber halten sich bedeckt. "Es herrscht eine gewisse Geheimniskrämerei", sagt Johanna Ray, die selbst aus Finnland stammt, dort die Ausbildung zur Lehrerin absolvierte und inzwischen am Lehrstuhl von Prenzel forscht. Die Auswahlkriterien seien nicht unbedingt genau formuliert, sagt sie. "Das macht es den Bewerbern schwer, ihre Eignung im Vorfeld selbst einzuschätzen oder sich vorzubereiten." Man lasse Studienplätze in Finnland aber lieber unbesetzt, als sie an unfähige Bewerber zu vergeben, sagt Johanna Ray. "Und das sogar in Fächern, in denen ein Mangel an Bewerbern herrscht."

Von dieser Konsequenz ist man in Deutschland weit entfernt. Schließlich fehlen hier vor allem in den naturwissenschaftlichen Fächern so viele Lehrer, dass man schon deshalb vor einer stärkeren Selektion zurückschrecken würde.

An diesem Dienstag jedenfalls habe kein Kandidat "wirklich unentschlossen gewirkt", sagt Thomas Weingand. In seinen Augen hatten sie alle das Zeug zum Pädagogen. Trotzdem kommt die 18-jährige Mihriban Öbek mit gemischten Gefühlen aus dem Gespräch. "Ich bin unsicher, ob ich das wirklich machen will", sagt sie. Sie möchte Chemie und Mathe unterrichten, weiß aber, dass ihre Abi-Note in Chemie nicht gerade die beste war. Die Auswahlkommission hat sie mit den Worten "Alles, was man wirklich will, das schafft man auch" beeindruckt. Und Thomas Weingand sagte am Ende: "Das Fachliche lässt sich eher aufholen als alles andere. Mit Ihrer Motivation schaffen Sie das!" Klar, sie fühle sich nun geschmeichelt, sagt Öbek.

Aber ein Problem bleibe: Als Muslimin mit Kopftuch wird sie an einer bayerischen Schule immer eine Lehrerin zweiter Klasse sein. Alle anderen werden Beamte, sie nicht. Für sie ist das eine Form der Diskriminierung, die sie nicht akzeptieren will. Es kann also gut sein, dass sie sich gegen ein Lehramtsstudium und für BWL entscheidet. Bedauerlich wäre das, denn eigentlich war Mihriban Öbek eine der wenigen Kandidatinnen an diesem Tag, bei denen man so etwas wie Feuer in den Augen entdecken konnte. Sie sah aus, als freue sie sich wirklich auf das Abenteuer Klassenzimmer.