Ein Mann kniet mit ausgebreiteten Armen in seiner Zelle, vermutlich betet er, und da der Raum eng ist, ragt eine Hand aus dem Fenster ins Freie. Auf der Handfläche lässt sich eine Amsel nieder; in die Handwölbung legt sie ihre Eier. In der Zelle kniet der Mann, bis die Eier ausgebrütet, die kleinen Vögel im Fliegen unterrichtet und schließlich davongeflogen sind: "Jetzt muß er seine Hand / Wie einen Ast in Sonne und Regen halten ..."

Von diesem Vorgang handelt Seamus Heaneys Gedicht Der heilige Kevin und die Amsel. Genauer gesagt: Es ist der erste Teil des Gedichtes, der davon handelt. Der zweite Teil, durch einen Leerraum und einen kleinen Stern vom ersten abgesetzt, beginnt so: "Und da das Ganze doch nur vorgestellt ist, / Stell dir vor, du seist Kevin ..."

Im Grunde hat der Dichter Seamus Heaney, der jetzt 74-jährig gestorben ist, genau so gearbeitet. Er hat sich "das Ganze" nur vorgestellt, den Menschen, der sich unter der Berührung des Amselgefieders immer mehr in Baum und Wurzelwerk verwandelt, und er hat seine Leser zu Gefährten des starren Heiligen gemacht.

Manche seiner Verse sind wie Hecken, worin die Vögel nisten, ein Gewimmel von Kleintieren bevölkert seine Dichtung, und man könnte sich Heaney als einen Mann vorstellen, der sich im Gebüsch versteckt hält, als unbeholfener Mittler zwischen Tieren, Pflanzen, Elementen: damit das Stumme zur Sprache kommt.

Die Art, wie bei Heaney Blumen, Tierpfoten, Gebein ins Gedicht eingewoben werden, erinnert bisweilen an Gottfried Benn – allerdings ist Heaneys Welt ohne das Bennsche Leichengift, ohne die grimmige Freude an der Verwesung. Seine Lyrik will, was benannt wird, auch bergen, feiern, aufheben. Über den Kies im Flussbett schreibt er in The Gravel Walks: "Horte und preise die Ehrlichkeit von Kies. / Schatz für die Unverblendeten. Rogen der Erde." Natürlich, so der Dichter, sei "das Reich des Kieses" (im Original: the kingdom of gravel) in jedem Wesen aufbewahrt, das durch ein Flussbett watet.

Seamus Heaney stammt von einer Insel am westlichen Rand Europas, die, raue Mischung aus Torf und Gestein, jährlich an Höhe und Masse verliert – irische Torfstecher verheizen ihr Land buchstäblich, daheim, in Herd und Kamin. Wer Ire ist, geht auf fragwürdigem Untergrund: Das Moor ist ein Archiv, in dem auch die Toten fast unversehrt bleiben. Wenn Heaney also über Erde spricht, spricht er über Erinnerung. Den Erdboden bezeichnet er als "hydraulisch", als das "Hinterland meines Geistes", und wenn er sein Schreibwerkzeug genau betrachtet, wird es ihm zum Grabinstrument: "Zwischen Finger und Daumen / ruht die kräftige Feder. / Ich grabe mit ihr." Diese Zeilen stammen aus Heaneys berühmtestem Gedicht, Digging (Vom Graben), welches sein ganzes Werk überstrahlt, da es den Verfasser heroisiert und zugleich festlegt: Heaney galt als der eigensinnige Torfstecher der europäischen Literatur, der gräbt, um herauszufinden, welche Grenzen unter seinen Füßen und durch sein Denken verlaufen.

Er wurde in Castledawson in der nordirischen Grafschaft Derry geboren, als ältestes von neun Kindern einer armen katholischen Familie. Als er 1995 den Literaturnobelpreis erhielt, führte er die Stockholmer Festgemeinde in seiner Dankesrede an diesen Ort zurück, in das "Höhlendasein", in die "ahistorische" Schwebe seiner Kindheit. Er beschrieb den Eimer mit Trinkwasser, der in der Küche des Bauernhauses stand, und er beschrieb, wie die Wasseroberfläche von jedem vorbeifahrenden Zug in Bewegung versetzt wurde – eine Membran, durch welche die Welt zu ihm, dem Kind, sprach. Und er erinnerte sich an das Radio, das ihn das Hören lehrte ("während der Senderanzeiger von BBC zu Radio Eriwan fuhr") und ihn auf seine lebenslange Suche nach dem "Klang von Wahrheit" schickte.

Heaney war ein Kämpfer für die irische Selbstbestimmung, aber auch ein Gegner des Fanatismus, ein "innerer Emigrant, langhaarig und nachdenklich" (Selbstbeschreibung), aber auch der populärste literarische Repräsentant seiner Insel. Als Ende der siebziger Jahre die Kämpfe in Nordirland heftiger wurden, plädierte er dafür, dass die katholische Minderheit "Gerechtigkeit härter einfordern" müsse. Doch schon vorher hatte er sich in den Süden der Insel zurückgezogen: Die Rolle des wütenden Mannes lag ihm nicht, und "die engen Knebel aus Raum und Zeit", die das Leben im Norden prägten, fürchtete er. Also verschaffte er sich Luft: Dichtung, sagt Heaney, sei eine symbolische Auflösung von Konflikten, die in der Erfahrung unauflösbar sind, und vermutlich hat ihm auch diese Haltung den Nobelpreis eingetragen.

Er war in erster Linie Ire und in zweiter Linie Bewohner jenes Landes, welches er in seinem Gedicht Aus der Republik des Gewissens beschreibt. Es ist ein Land, dessen Volksvertreter bei der Amtseinführung weinen müssen: "zur Sühne ihrer Amtsanmaßung". Und es ist ein Land mit augenöffnenden Bräuchen: "Nebel verheißt dort Schlimmes, doch der Blitz / bedeutet Glück und Heil, und Eltern hängen / Wickelkinder in die Bäume bei Gewitter."

Am Ende des Gedichts reist der Dichter aus diesem Land, der "kargen Republik" des Gewissens, wieder aus, bleibt ihr aber als Repräsentant mit doppelter Staatsangehörigkeit verbunden. Dort, in der Republic of Conscience, so könnte man sich vorstellen, hält Seamus Heaney sich jetzt auf.